Formel1

Ultimativer Formel-1-Showdown Das fiese Restmittel in Verstappens Gehirn

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Verstappen gegen Hamilton. Ein Duell der Generationen.

(Foto: imago images/Motorsport Images)

Für die Fans kann es nicht spannender werden. Mit Gleichstand gehen Lewis Hamilton und Max Verstappen in das letzte Formel-1-Saisonrennen. ntv-Experte Felix Görner denkt an manch unfaires Mittel. Er prophezeit extremen Nervenkitzel. Für die Piloten, die Teams - und für alle anderen.

"Die Formel 1 erlebt gerade Senna gegen Prost im 21. Jahrhundert. Es ist ein Kampf mit offenem Visier und gewetzten Messern." Das Spektakel in der Motorsport-Königsklasse ist in dieser Saison so groß, da müssen Superlative her. Und es gibt wenig größere Rivalität in der Formel-1-Geschichte als zwischen Ayrton Senna und Alain Prost, so sieht es ntv-Experte Felix Görner. Für ihn sind die Erzfeinde der 90er-Jahre das Vorbild für die aktuellen Rivalen, Max Verstappen und Lewis Hamilton.

Rivalen, die den ultimativen Showdown geschaffen haben. Acht Punkte Vorsprung hatte der Red-Bull-Pilot mit nach Saudi-Arabien gebracht, genau jene acht Punkte schluckte Hamilton. Als Sieger des Rennens mit zusätzlich der schnellsten gefahrenen Runde. Mit Gleichstand geht es zum letzten Rennen nach Abu Dhabi. Wer beim diesjährigen Grand-Prix-Finale vor dem anderen ins Ziel kommt, ist Weltmeister. Wenn keiner ins Ziel kommt, ist Verstappen Weltmeister, weil er ein Rennen mehr gewonnen hat. So einfach. Und so risikoreich.

"Wir werden einen High Noon erleben", sagt Görner. Er ist sich sicher: Der Niederländer wird nichts unversucht lassen. "Wenn Verstappen die Möglichkeit hat, Hamilton wegzuräumen, wird er diese Chance instinktiv nutzen. Er liegt aufgrund seiner Rennsiege vorne, wenn beide rausgehen - und er keine Strafe bekommt - wird Max Verstappen der Weltmeister 2021 sein. Dieses Restmittel ist in seinem Gehirn drin."

Leberhaken wie beim Ali-Boxkampf?

Eine Gefahr, die offenbar auch der siebenmalige Weltmeister Hamilton auf dem Schirm hat. "Er ist über der Grenze, mit Sicherheit", sagte er nach seinem Sieg über den Kontrahenten. "Ich muss da draußen wirklich einen kühlen Kopf bewahren, aber das war echt schwierig", so der Brite. "Ich bin in meinem Leben schon gegen viele Fahrer gefahren. In 28 Jahren bin ich vielen unterschiedlichen Charakteren begegnet, und einige da oben sind über der Grenze. Für sie gelten die Regeln nicht oder sie denken nicht an die Regeln."

Zweimal war Verstappen auf dem neuen Kurs in Dschidda in Kurve eins unlauter an Hamilton vorbeigezogen. Zweimal musste er seine Position zurückgeben. Für die Beinahe-Eskalation sorgte dann sein Bremsmanöver in Runde 37, bei dem Hamilton ihm leicht ins Auto knallte, mit beschädigtem Frontflügel weiterfahren musste. "Braketesting" (Bremsentest) nannte Hamilton die Situation, ärgerte sich mächtig - und gewann trotzdem. Eine Zeitstrafe von zehn Sekunden erhielt Verstappen nachträglich, nicht genug, um Platz zwei an Hamiltons Teamkollegen Valtteri Bottas zu verlieren.

Eine Szene, die Toto Wolff eskalieren ließ, der im Paddock die Kopfhörer wutentbrannt wegschleuderte. Trotzdem setzt er auf ein faires Finale. "Ich glaube, es wird nicht eskalieren", so der Mercedes-Teamchef. "Das waren heute so viele Warnschüsse für alle Beteiligten, dass es sauber abgehen wird und sauber abgehen muss. Es kann sich niemand leisten, mit einem Ergebnis dazustehen, das nicht auf der Strecke ausgefahren worden ist."

Görner ist sich da nicht so sicher: "Mich erinnert das auch an starke Boxkämpfe, wo es einen Favoriten gab - Muhammad Ali - und Ali ist in diesem Fall Lewis Hamilton. Aber auch Ali wurde geschlagen. Durch Leberhaken, durch fiese Tricks, mit allen Wassern gewaschen. Auch die Teams sind am Siedepunkt."

"Den König vom Thron stoßen"

Mercedes gegen Red Bull. Dauersieger gegen das Team, das den letzten WM-Titel im Jahr 2013 mit Sebastian Vettel als Fahrer feierte. Und noch mehr eben Hamilton gegen Verstappen. Mit 36 Jahren siebenmaliger Weltmeister und Rekord-Rennsieger gegen den zwölf Jahre Jüngeren, der einst als Supertalent die Formel 1 eroberte und nun beweisen muss, dass er gereift und bereit ist für seinen ersten ganz großen Triumph. Für Görner zeigen sich hier die zwei Fahrergenerationen: "Hamilton, der mehr mit Vernunft fährt, aber trotzdem bis aufs Blut reizt und Verstappen, der junge Emporkömmling, der keinerlei Erfahrung hat mit WM-Duellen, der sich am König abarbeitet. Den König muss er mit allen Mitteln vom Thron stoßen."

Es sah im Saisonverlauf zwischenzeitlich so aus, als würde ihm das spielend gelingen. Bis einschließlich des Grand Prix' in Mexiko. Anfang November hatte Verstappen einen komfortablen Vorsprung. Kaum jemand sprach davon, ob er Weltmeister werden würde, sondern vielmehr davon, wann der Titel für ihn feststeht. Doch dann schlug Hamilton zurück. Siege in Brasilien, Katar und Saudi-Arabien, dank neuem Mercedes-Motor, dank Cleverness und Nerven aus Stahl.

Hamilton hat die besseren Nerven, aber ...

Das könnte noch eine entscheidende Rolle spielen, analysiert Görner: "Wenn man sich das Nervenkostüm anschaut, dann wackelt Verstappen mehr. Wir haben es bei seinem schweren Fehler im Qualifying gesehen. Der zeigt, dass er verletzlich ist, dass er unter Druck steht und Fehler macht. Der König dagegen hat bislang keinerlei Fehler gemacht. Vor allem lässt er sich nicht psychologisch provozieren von Verstappen." Görner ist sich sicher: "Ein anderer Fahrer als Hamilton wäre Verstappen schon lange auf den Leim gegangen, aber Hamilton macht das nicht, weil er die Klasse und die psychologische Stärke hat, sich nicht auf diese Spielchen einzulassen. Also muss ihn Verstappen fast schon in einen verhängnisvollen Zweikampf reinreiten."

Es wäre das vergiftete Ende eines erbittert geführten Zweikampfs, in dem keiner zurückstecken will. Hamilton und Mercedes sind unzufrieden, aber auch Verstappen und Red Bull fühlen sich ungerecht behandelt. "Vieles ist passiert, mit dem ich nicht einverstanden bin", sagte der Niederländer nach dem Rennen. Red-Bull-Berater Helmut Marko schimpfte über den Motorsport-Weltverband Fia: "Man kann nicht mit zweierlei Maßstäben messen. Wenn sich ein siebenfacher Weltmeister verschätzt, kann das passieren, aber nicht zu unseren Lasten." Und da war die Zehn-Sekunden-Strafe noch gar nicht ausgesprochen.

Abu Dhabi wird zum ultimativen Showdown. Zweier Rennställe, zweier Fahrer, von Cleverness, Kompromisslosigkeit, Nerven aus Draht. Aber wer macht das Rennen? "Meine Prognose ist, dass Verstappen Weltmeister wird", prophezeit Görner. "Weil er diese unglaubliche Kompromisslosigkeit hat, die man braucht, um den König vom Thron zu stoßen."

Quelle: ntv.de

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