Formel1

Die Formel-1-Lehren aus Monza Ferrari peinlicher als schludriges Mercedes

Das Mercedes-Team übersieht die gesperrte Boxengasse, Lewis Hamilton fährt rein - und muss büßen. Der Sieg ist dahin für den Formel-1-Weltmeister. Doch dieser Fauxpas verblasst angesichts der Schande, die Ferrari beim Heimrennen in Monza veranstaltet. Weder Sebastian Vettel noch Charles Leclerc kommen ins Ziel.

Pierre Gasly - zu Höherem berufen?: Es ist die Cinderella-Story des Jahres in der Formel 1: Im Vorjahr erhielt Pierre Gasly zunächst die vermeintliche Chance seines Lebens bei Red Bull. Doch der Franzose fiel im Stallduell mit Megatalent Max Verstappen deutlich ab, wurde nach nur zwölf Rennen zum Tochterteam Toro Rosso (seit Jahresbeginn AlphaTauri) zurückgeschickt. Statt seiner darf nun Alex Albon im Red Bull fahren. Gasly hatte daran lange zu knabbern, doch im familiären Umfeld bei den Italienern fing er sich wieder. Holte im vergangenen November in Brasilien seinen ersten Podestplatz, überzeugte mit konstant guten Leistungen - und schlug am Sonntag eiskalt zu, als es die kuriosen Umstände ermöglichten. Der 24-Jährige ist der erste Formel-1-Sieger seit siebeneinhalb Jahren bzw. 147 Rennen, der nicht am Steuer eines Mercedes, Ferrari oder - genau: Red Bull - gesessen hat. Und mit einem Mal scheint er wieder zu Höherem berufen, doch Red Bulls Motorsportberater Helmut Marko denkt "momentan" nicht daran, den 24-Jährigen 2021 wieder zu befördern. Immerhin, ein Lob kommt vom Weltmeister: "Er ist ein echt netter Junge und hat viel Talent", sagte Lewis Hamilton, der ab und an Videospiele mit dem Franzosen zockt.

Ferrari flüchtet sich in Sarkasmus: Die traditionelle Ferrari-Party musste wegen des Coronavirus ausfallen, doch was die Scuderia beim Heimrennen vor fast leeren Rängen ablieferte, war nur noch mit Sarkasmus zu ertragen. Sebastian Vettel lebte es vor, als er anmerkte: "Am Dienstag bin ich im Simulator - der hält wenigstens." Das diesjährige echte Rennauto ist nämlich eine Fehlkonstruktion, was auch aus der Teamführung niemand mehr bestreitet. Ein Rennen zum Weglaufen auf der Power-Strecke in Monza wurde erwartet, es wurde noch schlimmer: Ferrari wurde vorgeführt im Qualifying, im Rennen stoppte ein Bremsschaden den viermaligen Weltmeister Vettel auf Rang 18 (!) liegend, Teamkollege Charles Leclerc verlor den wild rutschenden SF1000 in der schnellen Parabolica und hatte nach dem Aufprall im Reifenstapel Glück, mit dem Schrecken davongekommen zu sein. "Wahrscheinlich ist es ein Segen, dass niemand auf den Tribünen war", meinte Vettel über die in Corona-Zeiten leeren Ränge im Autodromo Nazionale di Monza. Am kommenden Wochenende bestreitet Ferrari auf der firmeneigenen Strecke in Mugello seinen 1000. Grand Prix. Auch dort dürfte die Scuderia jeden Gedanken an eine Party mit ihren Leistungen im Keim ersticken. "Man muss realistisch sein, die Erwartungen sind sehr niedrig", warnte Vettel.

Mercedes sorgt unerwartet für Abwechslung: Seit Kimi Räikkönens Formel-1-Sieg im Lotus beim Saisonauftakt 2013 in Australien kam der Grand-Prix-Gewinner in 146 Rennen nacheinander stets von Mercedes, Ferrari oder Red Bull. Auch in Monza schwebte der Mercedes-Weltmeister förmlich über das Autodromo Nazionale. Am Samstag drehte Hamilton im Qualifying die schnellste Runde der Formel-1-Geschichte, am Sonntag flog er allen davon - bis ihm und nicht zuletzt auch dem Mercedes-Kommandostand unter Stress ein seltener Fehler unterlief: Als Kevin Magnussen seinen Haas nahe des Boxeneingangs abstellen musste, verbot die Rennleitung die Zufahrt zu den Garagen. Hamilton bemerkte nichts, er bog ab, holte sich einen neuen Reifensatz und schien seinen Vorteil nur vergrößert zu haben. Die Signale waren aber da, wenn auch nicht in seinem unmittelbaren Blickfeld. Auch die Ingenieure waren nicht im Bilde. "Ich habe diese Schilder echt nicht gesehen, deshalb übernehme ich die Verantwortung", sagte Hamilton. Der Leader erhielt eine zehnsekündige Stop-and-Go-Strafe, die er zu allem Überfluss direkt nach dem Restart des Rennens absitzen musste. Letzter statt Erster war Hamilton auf einmal. Dass er trotzdem auf Rang sieben vorstürmte und kaum etwas von seinem Vorsprung in der WM einbüßte, sagt einiges über seine fahrerische Klasse aus. Sieg Nummer 90 muss warten, aber wohl nicht sehr lange.

McLaren trifft die richtigen Entscheidungen: Bei Hamiltons früherem Team zeigt die Kurve nach Jahren im Formel-1-Niemandsland wieder steil nach oben. In Monza war der britische Traditionsrennstall die zweite Kraft, der erste Sieg seit fast acht Jahren durch Carlos Sainz wurde nur durch Gasly vereitelt, der beim Reifenwechsel das beste Timing von allen hatte und sich gegen Sainz erfolgreich verteidigte. Der deutsche Teamchef Andreas Seidl und seine Mitstreiter haben in letzter Zeit viele gute Entscheidungen getroffen, auch bei normalem Rennverlauf dürfte McLaren in Zukunft immer wieder ein Podiumskandidat sein. Und Sainz dürfte sich mittlerweile ärgern, dass er im Frühjahr zur kommenden Saison bei Ferrari unterschrieben hat.

Quelle: ntv.de, ara/dpa/sid

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