Formel1

Zum Tod von Niki Lauda Immer geradeaus

ALT Jetzt anhören

Weltberühmt machte Niki Lauda ein Unfall. Besonders machte ihn das, was danach kam: Ein fulminantes Comeback als Rennfahrer und eine zweite Karriere als erfolgreicher Unternehmer und Ein-Mann-Marke. Nun ist sein radikal geradliniges Leben zu Ende gegangen.

Wenn einer den Tod besiegt hat, dann Niki Lauda. Wenigstens nach Punkten. Er hat die Formel 1 überlebt, in einer Zeit, in der Adrenalin-Junkies in grotesk unsichere PS-Monster stiegen und regelmäßig nicht mehr in einem Stück herauskamen. 24 Fahrer waren seit Gründung der Königsklasse 1950 schon gestorben, als Lauda und seine Kollegen am 1. August 1976 in den letzten Grand-Prix auf dem wahnwitzigsten Kurs von allen starteten, auf der Nordschleife des Nürburgrings, auch "Grüne Hölle" genannt. In Runde zwei prallte Laudas Ferrari bei Tempo 220 in eine Leitplanke und fing Feuer, fast eine Minute hielt ihn sein Sitz gefangen, die Flammen verbrannten seine Haut, die giftigen Dämpfe verätzten seine Lunge.

Doch Lauda weigerte sich zu sterben. 42 Tage später saß er wieder im Rennwagen. "Ich habe sieben Leben", sagte er einmal, und hatte damit nicht nur in Bezug auf seine Gesundheit Recht. Niki Lauda war einer der größten Rennfahrer aller Zeiten, schon als er als Doppelweltmeister 1979 zum ersten Mal zurücktrat - mit einem typischen Lauda-Satz: "Ich habe keine Lust mehr, im Kreis zu fahren." Er hätte sich zufrieden zur Ruhe setzen können, aber das verstieß gegen das Naturell dieses Rastlosen. Also packte er auch in die Karriere danach mehr hinein, als in ein normales Leben passt: Er gründete seine eigene Airline und wurde so vom berühmtesten auch noch zu einem der reichsten Österreicher.

ae7fcc723f864c35098364c2dae78b2c.jpg

Niki Lauda mit seinem Markenzeichen, dem roten Kapperl.

(Foto: REUTERS)

Bei seinem Formel-1-Comeback gewann er 1984 noch seinen dritten und letzten WM-Titel, bevor er in den 90ern in vielen Rollen in der Motorsport-Königsklasse mitmischte: Als Teamchef, Berater und zuletzt Aufsichtsratschef bei Mercedes AMG-Petronas. Die Öffentlichkeit kannte ihn vor allem als Franz Beckenbauer der Königsklasse - 21 Jahre lang, bis 2017, kommentierte der Mann mit dem roten Kapperl die Rennen als Experte für RTL. Geschont hat er sich nie, sein geschundener Körper brauchte 1997 und 2005 eine neue Niere und im vergangenen Jahr eine neue Lunge. Nun ist Lauda gestorben, mit 70 Jahren.

Kein Jahrhunderttalent, aber ein Arbeiter

formel-unfall-von-niki-lauda-auf-dem-nürburgring.jpg

Der Unfall von 1976 prägte sein Leben.

In seiner Heimat Österreich kam kein Text, kein Radiostück und kein Fernsehbeitrag über seine dramatische Lungentransplantation im August 2018 ohne einen Hinweis auf den definierenden Moment seines Lebens aus. "Sorge um Niki Nationale", schrieb das größte Boulevardblatt des Landes, die "Kronen-Zeitung", und rechnete: 42 Jahre und einen Tag nach seinem Feuer-Unfall auf dem Nürburgring war er ins Krankenhaus eingeliefert worden. Es war ein Tag, der Laudas Gesicht im wahrsten Sinne des Wortes prägte: Seitdem trägt er die charakteristischen Narben im Gesicht, das rechte Ohr fast komplett verbrannt. Und die berühmte Kappe, ursprünglich um die Bandagen zusammenzuhalten, und um entsetzte Blicke abzulenken. Verarbeitet hat er die Tortur mit tiefschwarzem Humor. "Barbecue" nannte er seinen Unfall gern, ein reiner Schutzmechanismus, verteidigte er sich einmal. Dabei ist dieser Zynismus typisch Lauda. Auch wenn er anders aussah seit dem Unglück vom August 1976 - verändert hat ihn der Unfall nicht.

46508684.jpg

"Barbecue" nannte Lauda seinen Unfall.

(Foto: picture alliance / dpa)

Andreas Nikolaus Lauda wurde am 22. Februar 1949 in Wien geboren, in die Oberschicht, in eine ehemalige Adelsfamilie, geführt vom Patriarchen Hans, seinem Großvater. Dieser Hans Lauda entwickelte sich zu seinem ersten großen Widersacher, die Abneigung des ständisch geprägten Industriellen gegen den "Trottelsport" Rennfahren stachelte den Ehrgeiz des Enkels an. Als Niki Lauda sich einen Kredit für seinen Einstieg in die Formel 1 besorgen wollte, intervenierte der Großvater, der im Aufsichtsrat der Bank saß. Es war das Ende der Beziehung, nicht einmal zum Begräbnis von Hans Lauda tauchte Niki auf, auch wenn es, wie er später sagte, "klüger gewesen wäre mich auszusöhnen".

Schon als Kind hatte Niki seine Leidenschaft für Traktoren, Motorräder und Autos entdeckt, angeblich machte er sich einen Spaß daraus, auf Festen der Familie die teuren Karossen der Gäste umzuparken. Ein geborener Rennfahrer war er nicht. "Lauda gehörte nicht zu jenen wenigen Männern, die der liebe Gott vom Himmel herabsteigen ließ, um auf der Erde einen Grand Prix-Rennwagen zu lenken", sagte Formel-1-Legende Frank Williams einmal. "Aber in der schieren Energie und der kühlen Vorausplanung, mit der er ein einmal angepeiltes Ziel ansteuert, überragt er alle anderen."

Einsam zum Erfolg

Seinen Weg in die Formel 1 fand Lauda 1972 so, wie er immer seinen Weg fand: auf eigene Faust. Er besorgte sich einen Kredit, verschuldete sich insgesamt mit rund vier Millionen Schilling (heute rund 1,2 Millionen Euro) und kaufte sich bei March-Ford ein. Er finanzierte sich nebenbei noch mit anderen Rennen, unter anderem gewann er 1973 die 24 Stunden auf dem Nürburgring. Über das britische B.R.M.-Team wechselte er schließlich 1974 zu Ferrari, ausgerechnet. Emotion und Leidenschaft trafen auf den unterkühlten Österreicher, der nicht etwa Wiener Schmäh mitbrachte, sondern knallharte, nüchterne Analyse. Und damit ein Jahr später den im Stolz verletzten Italienern den ersten WM-Titel seit 1964 einfuhr - auf die Lauda-Art: Beim Heim-Grand-Prix in Monza begnügte er sich mit einem dritten Platz, ließ seinen großen Konkurrenten Emerson Fittipaldi sogar passieren, weil er nur noch einen halben Punkt zum Titel brauchte. Pragmatismus als Erfolgsrezept.

imago04213526h.jpg

Lauda und sein Rivale James Hunt.

(Foto: imago/Motorsport Images)

Beliebt war er damit nicht unbedingt. Wenn auch nicht so unbeliebt, wie es der Hollywood-Streifen "Rush" 2013 darstellte, der sich der epischen Saison 1976 bediente - und den Drehbuchschreibern nicht mehr allzu viel Arbeit bescherte, so perfekt war die Geschichte vom Duell des unsympathischen Arbeitstiers Lauda mit dem draufgängerischen Playboy James Hunt schon in der Realität. Die "Süddeutsche Zeitung" stellte Lauda vor der Premiere halb entgeistert, halb diabolisch eine eigentlich unerhörte Frage: "Ein Mann, den Sie Ratte nennen, der rücksichtslos seine Ziele verfolgt, der sich keine Gefühle gönnt, kurz: ein richtiges Arschloch. Erkennen Sie sich da wieder?" Lauda blieb unbeeindruckt. "Als ich den Film zum ersten Mal gesehen habe, dachte ich: Boah, bin ich das? So hart, so ruppig? Meine Frau Birgit hat mich angeschaut und sofort gefragt: Warst du damals wirklich so? Ich hab ihr sagen müssen: Ja, so war ich."

Ein Wunder, und ein Wahnsinn

Im Interview mit dem "Telegraph" schränkte er ein: Ganz so streng wie im Film war er dann doch nicht. "Aber disziplinierter als James. Ich habe nie vor dem Rennen getrunken. Nach dem Rennen schon, da musste ich. Hätte ja mein letztes sein können." Der Tod fuhr immer mit in diesen Tagen, aber auch wenn Lauda einmal sagte, er habe das Risiko prinzipiell akzeptiert - zu groß sollte es dann doch nicht sein. Deshalb verhandelten die Fahrer vor dem Lauf auf dem Nürburgring über eine Absage. Die "Grüne Hölle" war berüchtigt, fünf Formel-1-Fahrer hatten dort schon ihr Leben verloren. Der überlegene WM-Führende Lauda und Fittipaldi wollten nicht starten, verloren aber die Abstimmung. Lauda akzeptierte die Entscheidung, ohnehin kannte kaum einer im Feld den Ring so gut wie er, bis heute hat er als einziger die Nordschleife unter sieben Minuten absolviert.

Von diesem 1. August 1976 fehlten Lauda zwei Stunden. Nach Runde eins fährt er an die Box, dann wird alles schwarz. Im "Bergwerk" fliegt er ab, wahrscheinlich bricht eine Radaufhängung. Zuschaueraufnahmen zeigen einen brennenden Ferrari 312T2 und die verzweifelten Versuche der Kollegen, Lauda aus dem Cockpit zu hieven. Erst Arturo Merzario gelingt es, nach fast einer Minute. Als Lauda ihn fragt, wie sein Gesicht aussieht, beruhigt ihn der Italiener: Sehr gut. Eine Notlüge.

Dass Lauda überlebt, ist ein medizinisches Wunder. Dass er 42 Tage nach seinem Unfall in Monza wieder an den Start geht, eine sportliche Herkulestat. Und ein Wahnsinn. Lauda wurde Haut vom Oberschenkel an die Stirn transplantiert, die Wunden bluten. Er kann nicht blinzeln, kaum etwas sehen. Er wird Vierter, behält die Führung in der WM vor Hunt. Beim Rennen sieht er seinen Retter Merzario zum ersten Mal wieder, ein "Danke" kommt ihm nicht über die Lippen. Es passt ins Bild, auch wenn die beiden sich später ausgesöhnt haben. Freunde werden sie nicht, so wie Lauda überhaupt keine Freunde hat, wie er einmal der "SZ" sagte: "Wenn ich irgendwelche Sorgen hätte, habe ich niemanden, den ich anrufen würde."

imago02068026h.jpg

Lauda und sein Lebensretter Merzario am Ort des Unfalls.

Lauda wird nun zur Ein-Mann-Marke. Sein Erkennungszeichen: Das rote Kapperl, das er sofort vermarket. Als ersten Werbepartner gewinnt er Römerquelle für 1,3 Millionen Schilling. Die WM verliert er mit einem Punkt gegen Playboy Hunt, weil er im entscheidenden Rennen Vernunft walten lässt: Im Regenschauer auf der Hochgeschwindigkeitsstrecke von Fuji stellt er wie auch drei weitere Fahrer seinen Boliden ab und schaut zu, wie der Brite Kopf und Kragen riskiert, um ihn noch abzufangen. 1977 holte sich der Österreicher seinen zweiten Titel dann so, wie es ohne den Unfall am Nürburgring schon im Jahr zuvor gelaufen wäre: Souverän und unangefochten.

"Tricky Niki"

Auf dem Höhepunkt schwand Laudas Motivation, nach zwei Saisons im Brabham trat er zurück, sein neues Spielzeug hatte er schon gefunden: Flugzeuge. Natürlich flog Lauda nicht einfach nur zum Spaß, es musste schon eine eigene Airline her: Lauda Air, zunächst als Charter-Gesellschaft, seit 1988 mit Linienflügen. Wenig überraschend erwies sich Lauda als knallharter Geschäftsmann Dagobert Duckscher Prägung: Der Ex-RTL-Chefredakteur Hans Mahr erinnerte sich einmal, wie er Lauda überredete, seine Söhne mit in den Flieger zu nehmen. Die Bedingung Laudas: Um die Toilettenreinigung zu sparen, darf niemand die Toilette nutzen. Also musste einer von Mahrs Söhnen in eine Flasche pinkeln.

Lauda privat

Niki Lauda heiratete 1976 seine erste Frau Marlene Knaus. Zusammen bekamen sie die Söhne Lukas (1979) und Mathias Lauda (1981). 1991 ließ sich das Paar scheiden. Lauda hat noch einen weiteren Sohn aus einer unehelichen Beziehung. Als 60-Jähriger wurde er 2009 außerdem noch einmal Vater von Zwillingen, die Mutter ist seine zweite Ehefrau Birgit Wetzinger, die er 2008 geheiratet hatte.

Birgit Wetzinger war es auch, die Lauda 2005 eine Niere für seine zweite Transplantation spendete, die erste hatte er 1997 von seinem Bruder erhalten.

Für seine Angestellten war seine Knauserigkeit weniger lustig, er zahlte wesentlich weniger als die Konkurrenz von Austrian Airlines, Piloten mussten bei einer Personalleasingfirma anheuern. Er formte Lauda Air zu einer Billig-Airline, bevor Ryanair und Easyjet ihren Siegeszug antraten. Überlebensfähig war sie nicht, Austrian Airlines schluckte Lauda Air erst teilweise, 2002 dann komplett. Einen ähnlichen Deal wickelte Lauda mit Air Berlin ab, denen er seine Neugründung "Flyniki" verkaufte. Als die Muttergesellschaft 2018 Insolvenz anmeldete, überbot Lauda Ryanair und sammelte die Reste in der "Laudamotion" ein. Ein paar Wochen ließ sich Lauda vom Boulevard für die "österreichische Lösung" feiern, dann veräußerte er in einem windigen Geschäft die Mehrheit der Anteile an Ryanair. Mal wieder hatte er sich seinen Spitznamen "Tricky Niki" mehr als verdient.

Als Unternehmer erlebte Lauda auch den Tag, den er selbst als schlimmsten seines Lebens bezeichnete: Am 26. Mai 1991 startete eine Boeing 767-300 seiner Airline in Hongkong mit Ziel Wien, kam aber nie an. 223 Menschen starben beim Absturz im Westen Thailands. Lauda sah sich durch den Bericht der Untersuchungskommission entlastet, die Boeing die Schuld für Probleme mit der Schubumkehr gab. Kritiker behaupteten, Lauda Air hätte von den technischen Schwierigkeiten gewusst und die Boeing aus dem Verkehr ziehen müssen.

"Er steht im Zentrum seines Universums"

e54ea94162742354561a117cca4ff419.jpg

Sein zweites Steckenpferd: Flugzeuge.

(Foto: imago/Arnulf Hettrich)

Kritik hat Lauda nie wirklich interessiert. Es war der Erfolg, der ihm Recht gab. Und er selbst gab sich recht, gern und immer wieder. Ein Charakterzug, der dem ehemaligen Formel-1-Fahrer Jochen Mass schon immer sauer aufstieß. "Mich stört, dass er sich selbst als Maß aller Dinge betrachtet. Das Motto heißt: So sehe ich die Angelegenheit, so ist sie folglich. Er steht absolut im Zentrum seines Universums", schrieb Mass in einem Buch über Lauda. "Beim Niki lief immer alles vernünftig und sehr schnell ab. In eigener Sache verhält er sich jedoch durchweg opportunistisch und ist dann auch sehr wendig." Ein gutes Beispiel: Seine Tätigkeit in der Formel 1. Als Aufsichtsratschef und Miteigentümer führte er Mercedes ab 2012 in die erfolgreiche Ära Hamilton.

Für Irritationen sorgte allerdings seine Doppelrolle - schließlich kommentierte er noch bis 2017 als RTL-Experte die Rennen und seine eigenen Fahrer. Der Ausstieg beim Fernsehen wurde ein echter Lauda: Spontan vor laufender Kamera - und ein bisschen undurchsichtig. Er sehe sich "als Wiederholungstäter", sagte Lauda. Offenbar gab es aber auch Differenzen über das Honorar, das bis zu eine Million Euro pro Saison betragen haben soll.

Kürzer trat Lauda allerdings nicht. Kein Jahr später stürzte er sich in die Gründung von "Laudamotion", die ihn stark gefordert haben soll. Weil er eine Sommergrippe unterschätzte, fing er sich die Lungenentzündung ein, die eine Transplantation nötig machte. Es war eine Spätfolge des Horrorunfalls. Mehrere Tage lag er im künstlichen Koma, drei Monate verbrachte er im Krankenhaus. Die Reha zog er knallhart durch, wie alles im Leben. Allerdings bremste ihn Anfang dieses Jahres eine Grippe erneut aus, wieder musste er im Krankenhaus behandelt werden. Zu seinem 70. Geburtstag sagte er im Februar: "Ich komme wieder zurück. Es geht volle Pulle bergauf." Es war eines der wenigen Versprechen, das er nicht einlösen konnte.

Quelle: n-tv.de

Mehr zum Thema