Formel1

"Kannst du dir nicht vorstellen" Mercedes rätselt über seinen Reifenfraß

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Lewis Hamilton klagte über schnell abbauende Reifen.

(Foto: imago images/HochZwei)

Max Verstappen durchbricht in Silverstone nicht nur die Mercedes-Dominanz, sondern sorgt auch für Kopfzerbrechen beim Weltmeister-Team. Denn die deutliche Niederlage legt offen, an welcher Stelle Lewis Hamilton und Valtteri Bottas auch beim nächsten Grand Prix in Spanien verwundbar sind.

Nach den ersten vier Rennen der Formel-1-Saison schien schon alles klar zu sein. Mercedes ist der Konkurrenz weit enteilt und überlegen, wird die Konstrukteurswertung souverän gewinnen, über die Fahrerweltmeisterschaft entscheidet das teaminterne Duell zwischen Sechsfach-Weltmeister Lewis Hamilton und Einfach-Vizeweltmeister Valtteri Bottas. Doch nach den Verstappen-Festspielen in Silverstone kommen erstmals Zweifel am Durchmarsch von Silber auf.

Denn Mercedes hat ein Problem, ein großes: die Reifen. Zumindest dann, wenn es so warm wird wie am Sonntag auf dem ohnehin anspruchsvollen Hochgeschwindigkeitskurs in Großbritannien. Der W11 entpuppt sich bei hohen Temperaturen als Reifenfresser.

Der Bolide habe viel Downforce, also Abtrieb, sagte Teamchef Toto Wolff. "Downforce ist im Regen und im Kalten richtig gut. Der Reifen kommt ins Betriebsfenster. Wenn es heiß ist, geht er über das Betriebsfenster hinaus. Das ist also gleichzeitig Segen und Fluch, dass wir bei den meisten Rennen richtig schnell sind und außer Konkurrenz fahren. Aber bei anderen Rennen, wo der Reifen der limitierende Faktor ist, machen wir den Reifen halt platt."

"Hardcore" für Hamilton

Das bedeutet: Mit dem Mercedes ist es leichter, die Reifen auch bei niedrigen Außentemperaturen so warm zu bekommen, dass sie den optimalen Grip haben. Allerdings führt das bei hohen Außentemperaturen offenbar dazu, dass die Reifen zu heiß werden - und damit die Haftung verloren geht und der Verschleiß steigt.

Für Lewis Hamilton und Valtteri Bottas werden Rennen wie am Sonntag dadurch zu einem Drahtseilakt. Beide kämpften phasenweise mehr mit den eigenen Pneus als mit der Konkurrenz. Für den aktuell einzigen ernsthaften Konkurrenten Max Verstappen im Red Bull eine willkommene Einladung, die Mercedes-Dominanz zu durchbrechen. "Man konnte sehen, dass unser harter Reifen schon nach zehn Runden mit der Blasenbildung angefangen hat - und Max ist 25 oder 28 Runden gefahren", so Wolff.

WM-Spitzenreiter Hamilton zeigte sich anschließend überrascht und besorgt. "Das war definitiv unerwartet", sagte der sechsmalige Weltmeister, der mit seinem 155. Podestplatz dennoch einen Rekord von Michael Schumacher einstellte. Die Blasenbildung an seinen Reifen sei "hardcore" gewesen. So etwas habe er in seiner Karriere noch nie erlebt. "Im zweiten Stint (Phase nach dem Reifenwechsel) habe ich die Reifen so sehr geschont, das kannst du dir gar nicht vorstellen."

Auch wenn er in der Schlussphase nach einem späteren Boxenstopp noch an Bottas vorbeizog: "Am Ende bin ich im Grunde nur noch mit einem halben Reifen gefahren. Als ich in die Rückspiegel geschaut habe, war eine halbe Seite schon völlig abgefahren, die andere war okay. Und wenn ich ehrlich bin, war ich nicht sicher, ob der Reifen überhaupt halten würde." Obwohl Hamilton neun Runden nach Verstappen stoppte, waren seine Zeiten nicht signifikant schneller.

Eine schnelle Lösung ist nicht in Sicht

Auf Mercedes wartet viel Arbeit. Ein Blick auf den Rennkalender verspricht vorerst keine Besserung, in der kommenden Woche gastiert die Königsklasse in Barcelona. Auch dort dürfte es heiß werden. "Wir haben gesehen, dass wir bei sehr heißen Streckenbedingungen dieses Defizit haben. Da haben wir heute die Bestätigung bekommen", gesteht Wolff.

Und noch fehlt Fahrer und Ingenieure zumindest ihren Äußerungen nach ein Ansatz, was die Ursache ist. "Ich habe mir Max' Reifen nach Rennende angeschaut. Die sahen noch wie neu aus", staunte Bottas. "Die von Lewis und mir waren hingegen komplett mit Blasen überzogen. Da gibt es also offensichtlich einen Unterschied. Woran das liegt, wissen wir noch nicht genau."

Die Zeit allerdings drängt in der verkürzten Saison, die nicht viel Zeit bietet für die Problemforschung. Sollte der Branchenprimus die Probleme bis Barcelona nicht in den Griff bekommen, liegt Verstappen schon auf der Lauer. Seine Stärke ist es, jede Schwäche der Silbernen zu bestrafen. Seit Beginn der Saison 2019 gab es sieben Nicht-Mercedes-Siege: vier holte Verstappen. Die anderen drei? Ferrari - allerdings mit dem Motor, der anschließend als illegal eingestuft wurde.

In der Fahrer-WM zog Verstappen an Bottas vorbei, könnte sogar Hamilton gefährlich werden. Das sorgt für mächtigen Druck auf die Mercedes-Ingenieure wie Andrew Shovlin: "Wir fliegen am Dienstag raus [aus England], fahren wieder am Freitag. Die Wettervorhersage steht bei über 30 Grad. Die Strecke wird ganz ähnlich sein: ein Hochenergie-Layout, viele schnelle Kurven. Uns ist schon klar: Wenn wir das nicht schnell hinbiegen, werden wir auch nächsten Sonntag dumm aus der Wäsche gucken."

Quelle: ntv.de, rtl.de/tsi