Formel1

Arbeitet Ferrari gegen Vettel? Zwei Formel-1-Legenden ruinieren sich selbst

Freude am Fahren - die hat Sebastian Vettel ganz offensichtlich nicht (mehr). Zumindest nicht in seinem roten Boliden. Beim zweiten Rennen in Silverstone erlebt der Ex-Weltmeister erneut ein Debakel. Das Ende der Beziehung zwischen dem 33-Jährigen und der Scuderia droht böse zu werden.

Womöglich ergibt nur noch ein Szenario Sinn: ein ganz schnelles Ende der Beziehung zwischen Sebastian Vettel und seinem Ferrari-Team. Denn was sich die beiden Legenden der Formel 1 seit Wochen liefern, ist selbst für Freunde der gepflegten Schadenfreude fast schon zu viel. Ein Auto, mit dem der Ex-Weltmeister massiv fremdelt. Eine Strategie - mal im Rennen, mal im Qualifying, mal in der Box -, die er oft nicht nachvollziehen kann. Hinzu kommen Fehler auf der Strecke. Die Ehe, die einst geschlossen wurde, um Weltmeister zu werden, sie steht vor einem bösen Ende. Aber wie konnte es eigentlich so weit kommen?

Vettels drückende Wut, die sich nun mehr und mehr öffentlich entlädt, dürfte neben der Verzweiflung über seine fehlkonstruierte "roten Gurke" vor allem in seinem skurrilen Abgang von der Scuderia begründet liegen. Denn der kam für ihn völlig überraschend, wie er Anfang Juli im Interview mit RTL/ntv erklärte: "Die letzten Monate war es eigentlich sehr klar und deutlich, dass man gemeinsam weitermachen will. Anfang Mai hatte ich dann ein Telefonat, in dem mir klar wurde, dass das Team nicht gewillt ist, weiterzumachen. Das war natürlich ein Schock." Auch konkrete Gespräche über einen neuen Vertrag habe es nicht gegeben, denn "es lag kein Angebot auf dem Tisch".

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Binotto muss peinlich zurückrudern

Das waren bemerkenswerte Aussagen und Anschuldigungen, schließlich hatte der umstrittene Teamchef Mattia Binotto im Mai noch von einer Entscheidung gesprochen, "die gemeinsam von uns und Sebastian getroffen wurde, eine Entscheidung, die beide Parteien für das Beste halten". Binotto ruderte schließlich zurück und begründete das Ende der Zusammenarbeit mit Vettel auch mit dem Einfluss des Coronavirus, Veränderungen im Reglement und Anpassungen bei der Ausgabenobergrenze.

All das wurde unmittelbar vor dem durch die Pandemie verschobenen Saisonstart im österreichischen Spielberg bekannt - und seither ist der "Wurm drin", wie Vettel es selbst nennt. Das freilich ist nur die Wahrheit in schön. Die Stimmung zwischen dem 33-Jährigen und seinem Team ist brutal abgekühlt. Auf das lange Schweigen des Heppenheimers im Funkkontakt nach dem ersten Rennen in Silverstone folgten nun offene Anschuldigungen über das Team-Radio. Mit seiner bisweilen sehr bockigen und destruktiven Kommunikation reizt Vettel seine Equipe hart. Ein womöglich gefährliches Spiel.

Nur in Ungarn läuft's für Vettel

"Ihr wisst, dass ihr es verbockt habt", schimpfte er nun also nach seinem ersten verfrühten Boxenstopp. Beim Jubiläumsrennen der Königsklasse geriet er schließlich in heftigen Verkehr. "Wir hätten heute auch mit der verpatzten ersten Runde viel mehr Boden gutmachen können", betonte Vettel später. "Wir haben genau über diese Situation gesprochen." Binotto konterte, lästerte über den verpatzten Start des Deutschen. "Ich glaube, das war der Knackpunkt, nicht die gewählte Strategie." Am Ende stand ein enttäuschender Rang zwölf. Im fünften Rennen verpasste er zum zweiten Mal die Punkte. Aber auch sonst liest sich seine Bilanz grausam: Zweimal Zehnter, einmal Sechster. Für einen viermaligen Weltmeister - nichts weniger als ein maximales Debakel.

In Italien kommentierte die "Gazzetta dello Sport" genervt von Vettel und im wohl nur äußerst schwer zu erschütternden Glauben an das Nationalheiligtum Ferrari: "Das Dreher-Festival geht weiter, dieses Jahr stehen wir schon bei zwei. Aber anstatt, dass der Deutsche seine Schuld eingesteht, beschuldigt er die Maschine und die Strategie. Es wird Zeit, eine neue Platte aufzulegen."

Dass der Ferrari nicht gänzlich unfahrbar ist, das beweist sein Teamkollege Charles Leclerc. Der Mann, auf dem die roten Hoffnungen ruhen, der als kommender Weltmeister in der Königsklasse gilt, ist WM-Vierter, war bereits einmal Zweiter, Dritter und nun beim zweiten Rennen in Silverstone Vierter. Nach einer starken Aufholjagd (gestartet von Rang acht). Dass die Stallrivalen so weit auseinander liegen, hatte zuletzt eine Diskussion befeuert, dass die Scuderia die Fahrer nicht gleich behandelt.

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Keine Sabotage, aber ...

Konzentrieren die Italiener schon jetzt alles auf den 22-Jährigen? Für den RTL-Formel-1-Experten Danner ist es durchaus ein denkbares Szenario, dass Ferrari sich bei der Entwicklung auf die Wünsche Leclercs fokussiert. Aber dabei sollte indes kein unfahrbares Auto entstehen, hatte er im Gespräch mit unserer Redaktion vergangene Woche gesagt. Zumal das Team "die Punkte mit dem zweiten Auto" genauso für die Konstrukteurswertung brauche wie jeder andere Rennstall. Deshalb hält Danner auch "Sabotage für absolut ausgeschlossen". Also den Verdacht, der zumindest in einigen Fan-Foren aufkam, Ferrari könnte Vettel absichtlich einen schlechteren Boliden zur Verfügung stellen als dem Monegassen.

Nun, am Wochenende, ploppte diese wilde Diskussion erneut auf. So befand beispielsweise Ex-Weltmeister Nico Rosberg, dass der fehlende Speed nicht an Vettel liegt, sondern am roten SF1000. "Sebastian ist einer der besten Fahrer aller Zeiten, der fährt keine halbe Sekunde langsamer als ein Leclerc. Da muss irgendwas grundlegend falsch sein am Auto." Vettel bekannte derweil gegenüber RTL: "Ich bin kein Verschwörungstheoretiker, denn da besteht immer die Gefahr, dass man sich zu sehr reinsteigert und darüber die Dinge vergisst, die man selbst kontrollieren kann." Dennoch sei da eben "eine große Differenz zwischen Charles und mir, und ich bin mir nicht ganz sicher warum." Unser Experte Felix Görner erkannte angesichts der skurrilen Strategie derweil einen Beweis der ungleichen Behandlung.

Wie geht es nun weiter? Raufen sich Vettel und das Team noch mal zusammen? Bringen sie diese schon jetzt peinlich verkorkste Abschiedssaison noch irgendwie zu einem versöhnlichen Ende? Oder kommt es tatsächlich zu einer frühzeitigen Trennung? Während der Traditionsrennstall mit Carlos Sainz die Zukunft bereits sicher geplant hat, ist weiterhin unklar, was mit Vettel passiert. Zwar halten sich die Gerüchte um ein Engagement beim umstrittenen Racing-Point-Team hartnäckig. Unterschrieben ist aber noch nichts. Und so könnte ein frühzeitiges Aus bei Ferrari auch ein frühzeitiges Formel-1-Ende für Vettel bedeuten.

Quelle: ntv.de