Formel1

Neuer Modus fürs Qualifying So funktioniert die kleine Formel-1-Revolution

Die Formel 1 führt ein neues Format ein: das Sprint-Qualifying. Beim Großen Preis von Großbritannien kommt es an diesem Wochenende erstmals zum Einsatz. Wir fassen zusammen, was sich ändert, welche Konsequenzen daraus folgen und warum Sebastian Vettel und Mick Schumacher skeptisch sind.

Moment mal: Neuer Modus? Hab ich was verpasst?

Silverstone ist für die Formel 1 ein historischer Ort. 1950 fand auf dem ehemaligen Flugplatz das erste offizielle Rennen der heutigen Königsklasse des Motorsports statt. 71 Jahre später ist die 5,891 Kilometer lange Strecke in den East Midlands der Austragungsort einer kleinen Revolution. Erstmals gibt es einen "F1 Sprint", wie die Formel 1 selbst schreibt, dahinter verbirgt sich: das erste Sprint-Qualifying. Die Namensfindung verlief dabei etwas kompliziert, denn es sollte unbedingt vermieden werden, dass die Neuerung "Sprintrennen" heißt. Weil das Highlight des Wochenendes weiter der Große Preis, in diesem Fall von Großbritannien, am Sonntag bleiben soll. Die Startaufstellung für den Grand Prix wird am Samstag ermittelt, allerdings nicht mithilfe der Zeitenjagd und im Kampf gegen die Uhr, sondern in einem 100 Kilometer langen Rennen.

Wie sieht der Plan für das Rennwochenende dann aus?

Die Einführung des Sprint-Qualifyings sorgt für einen veränderten Ablauf des Rennwochenendes. Für gewöhnlich besteht das ja aus fünf Elementen: Erstes freies Training, zweites freies Training, drittes freies Training, Qualifying, Rennen. Beim zehnten Lauf der Formel-1-Saison 2021 ändert sich das nun grundlegend. Auf das erste freie Training folgt schon am Freitag das bislang übliche Qualifying, in dem die 20 Piloten in den drei Abschnitten Q1, Q2 und Q3 um die beste Zeit und die Pole Position kämpfen. Das Ergebnis ist dann maßgeblich für die Startaufstellung im Sprint-Qualifying am Samstagnachmittag. Vormittags gibt es noch ein zweites freies Training.

In der Übersicht sieht das Silverstone-Wochenende somit folgendermaßen aus:

Freitag, 15.30 Uhr: Erstes freies Training
Freitag, 19 Uhr: Qualifying
Samstag, 13 Uhr: Zweites freies Training
Samstag, 17.30 Uhr: Sprint-Qualifying
Sonntag, 16 Uhr: Großer Preis von Großbritannien

Alle Sessions gibt's im Liveticker bei ntv.de und im Fernsehen bei Sky.

Und wie läuft so ein Sprint-Qualifying genau ab?

Es ist dem klassischen Rennen zumindest auf den ersten Blick sehr ähnlich. Die 20 Fahrer reihen sich mit ihren Boliden entsprechend der am Freitagabend ermittelten Reihenfolge in der Startaufstellung auf, dann gehen die roten Ampeln an und beim Erlöschen der Lichter geht es auf die rund 100 Kilometer lange Reise. Auf dem bei Piloten sehr beliebten Hochgeschwindigkeitskurs in Silverstone sind das 17 Runden, zum Vergleich: Der Grand Prix am Sonntag geht über 52 Runden.

Anders als sonst müssen die Top Ten des Freitags-Qualifyings nicht auf den Reifen starten, mit denen sie die Top Ten erreicht haben. Alle Teams und Fahrer haben die freie Wahl aus Soft, Medium und Hard. Boxenstopps und Reifenwechsel sind zwar erlaubt, aber anders als im Grand Prix nicht vorgeschrieben und daher eher unwahrscheinlich. F1-Sportdirektor Ross Brawn sagte außerdem, dass die Kommandostände keine strategischen Anweisungen ins Cockpit funken dürfen. Nach 17 Runden - oder maximal 30 Minuten Renndauer - folgt das Abwinken mit der schwarz-weiß-karierten Zielflagge. Der Sieger steht dann am Sonntag auf der Pole Position, der Zweite auf Startplatz zwei und so weiter.

Warum macht die Formel 1 das?

In der offiziellen Bekanntgabe war die Rede davon, "die Action auf der Strecke zu steigern" und "die Fans auf neue und innovative Weise zu begeistern". Seit Liberty Media im Jahr 2017 die Formel 1 übernommen hat, suchen die US-amerikanischen Eigentümer nach Wegen, die Rennserie noch spannender zu machen, noch attraktiver zu gestalten, in letzter Konsequenz: den Umsatz und damit auch die Einnahmen zu steigern.

Die Ideen dafür waren und sind vielfältig. Sprintrennen gibt es in den Rahmenserien wie der Formel 2 schon länger, dort hat sich das Format bewährt. Zur Diskussion stand auch immer mal wieder das "Reverse Grid", also eine Umkehrung der Startaufstellung - der Langsamste ganz vorne, der Schnellste ganz hinten. Weil der Widerstand gegen solche Pläne immens war, weil er das Prinzip der Leistungsgesellschaft Formel 1 zerstöre, die Eigentümer und die Teams als Verhandlungspartner aber auch kompromissbereit waren, einigten sie sich darauf, es in dieser Saison mal mit dem Sprint-Qualifying zu probieren.

Aber gibt es dafür auch zusätzliche WM-Punkte?

Ja, aber nicht besonders viele. Der Sieger am Samstag bekommt 3 Punkte, der Zweite 2, der Dritte noch 1 Zähler. Diese gelten dann sowohl für die Fahrer-, als auch für die Konstrukteurswertung. Beim Großen Preis am Sonntag gibt es derweil Punkte für die ersten Zehn, in der Abstufung 25-18-15-12-10-8-6-4-2-1. Anders als im Hauptrennen gibt es im Sprint-Qualifying allerdings keinen Zusatzpunkt für die schnellste Runde.

Zwei Qualifikationen? Heißt das, es gibt auch zwei Pole Positions für die Statistik?

Der Vorsprung von Lewis Hamilton in der ewigen Bestenliste der Pole Positions ist jetzt schon gewaltig, der britische Siebenfach-Weltmeister kommt auf 100 erste Startplätze. Das ist fast ein Drittel mehr als Michael Schumacher eingefahren hat, der deutsche Siebenfach-Weltmeister siegte 68-mal in der Qualifikation. Da besteht natürlich die Sorge, dass nun eine Inflation in diesem Ranking einsetzt, wenn es am Freitag ein Qualifying gibt und am Samstag ein Sprint-Qualifying. Diese Sorge beseitigte nun Formel-1-Sportdirektor Brawn, der einst Benetton, Ferrari und Brawn GP zu insgesamt 16 WM-Titeln bei Fahrern und Konstrukteuren geführt hatte.

"Wir haben mit der FIA diskutiert", berichtete Brawn von Gesprächen mit dem Motorsport-Weltverband. Das Ergebnis dieser Diskussion war, "dass die Pole Position der hat, der beim Grand Prix von vorne startet." Die offizielle Pole Position also, die inzwischen ja auch mit einer kleinen Trophäe in Form eines Reifens belohnt wird, geht in die Statistik des Fahrers ein, der den Sprint über 100 Kilometer gewinnt.

Und eine zusätzliche Siegerehrung?

Nicht in der ausgiebigen Form, wie sie am Sonntag üblich ist. Aber eine kleine Zeremonie wird es sicher geben, schon allein, um die natürlich von einem Sponsor bereitgestellte Trophäe für die Pole Position öffentlichkeitswirksam zu überreichen. "Wir wollen das Podium dem großen Event vorbehalten", sagte Brawn, kündigte aber zugleich auch "ein paar neue Dinge" an, "die wir mit den Sprints vorhaben". Eine dieser Neuerungen soll laut "Autosport" die Rückkehr von Blumenkränzen sein, die den drei Erstplatzierten des Sprints umgehängt werden.

Was ändert sich dadurch beim Grand Prix am Sonntag?

Wenig bis gar nichts. Die Abläufe bleiben identisch, die dem Rennen vorgelagerte Fahrerparade bleibt dem Sonntag vorbehalten. Der Grand Prix ist der Mittelpunkt des Wochenendes, daran soll der neue Modus nichts ändern. Der Weg dahin, vor allem der Weg zu den guten Plätzen in der Startaufstellung, ist ein anderer. Wenn sich am Sonntag jedoch die Fahrer und Boliden auf den Weg zum Grid machen, ist alles wie gewohnt. Einführungsrunde, rote Lampen, Licht aus, Vollgas, 305 Kilometer bis zum Ziel. (Gut, in Monaco waren es nur 260, aber das Rennen im Fürstentum ist ohnehin die Grand-Prix-gewordene Ausnahme von der Regel.)

Aber was passiert, wenn Boliden im Sprint-Qualifying beschädigt werden oder kaputt gehen?

Für die Startaufstellung zum Grand Prix hat ein Ausfall zur Folge, dass der Ausgefallene das Sonntagsrennen von ganz hinten angehen muss. Wer zuerst ausfällt, rückt auf Platz 20, wer als Zweites rausfliegt, auf Platz 19. Kritischer ist die Frage, was passiert, wenn den Teams dabei Kosten entstehen. Allein ein Frontflügel kostet weit über 100.000 US-Dollar (rund 85.000 Euro) und die laufende Saison ist ja die erste, in der ein Budgetdeckel gilt. Dieser liegt für 2021 bei 140 Millionen Dollar, was nach aktuellen Wechselkurs rund 118,8 Millionen Euro entspricht. Um eventuelle Schäden aus dem Sprint-Qualifyings zu beheben, dürfen die zehn Teams zusätzliche 500.000 Dollar (rund 424.000 Euro) ausgeben.

Denn die Sprint-Quali geht zwar nur über 17 Runden und damit weniger, als die Autos sonst im dafür gestrichenen freien Training zurücklegen, aber die Gefahr von Kollisionen steigt natürlich, wenn nicht mehr gegen die Uhr und um die schnellste Zeit gekämpft wird, sondern im direkten Duell um Positionen.

Bleibt das jetzt für immer?

Vielleicht. Eine zugegeben unbefriedigende Antwort, aber die Formel 1 möchte das neue Format eben erst ausgiebig testen und dann entscheiden, ob es eine Zukunft hat - oder wie diverse Qualifying-Änderungen der vergangenen 15 Jahre schnell wieder verschwindet. Erinnert sei an den grauenhaften Versuch aus der Saison 2016, ein Ausscheidungsfahren im Qualifying einzuführen, bei dem alle 90 Sekunden der langsamste Fahrer eliminiert wurde. Ein Desaster, das nach zwei Rennen beendet wurde.

Das Sprint-Qualifying soll bei noch zwei weiteren Rennen bis zum Jahresende zum Einsatz kommen, vieles deutet darauf hin, dass der Große Preis von Italien in Monza (12. September) eines davon sein wird. Bewährt sich das Format, soll es den derzeit gewohnten Qualifying-Modus jedoch nicht vollständig ablösen. Beide Varianten sollen stattdessen alternativ zum Einsatz kommen, abhängig auch davon, was auf welcher Strecke für mehr Spannung zu sorgen verspricht.

Und was sagen eigentlich die Piloten?

"Es ist schön zu sehen, dass die Formel 1 eine offene Denkweise pflegt und verschiedene Formate ausprobiert", sagte Lewis Hamilton, der sicherlich einflussreichste Fahrer im Feld. Für das Sprint-Qualifying allerdings hat er "keine besonders großen Erwartungen", er rechnet mit einer Prozessionsfahrt. "Hoffentlich wird es ein paar Überholmanöver geben, aber wahrscheinlich wird es nicht sehr spannend." Der Mercedes-Pilot möchte sich vor seiner abschließenden Bewertung erst selbst ein Bild machen: "Es gibt keinen Grund, ein Urteil darüber zu treffen, bevor wir es tatsächlich ausprobiert haben."

Ferrari-Pilot Carlos Sainz dagegen ist angetan von der Neuerung: "Ich finde es toll, denn wir sind da, um Rennen zu fahren" und Williams-Fahrer George Russell schwärmte schon: "Es wird aufregend", denn "nicht viele Leute interessieren sich für das Training am Freitag." Sainz' Teamkollege Charles Leclerc sorgte sich derweil darum, dass der Grand Prix am Sonntag an Wertigkeit verlieren könne.

Mick Schumacher kennt Sprints bereits aus der Formel 2, in der er sich 2020 zum Meister gekrönt hat. Der Haas-Rookie finde es "gut, dass wir so etwas ausprobieren". Ein Problem sieht er jedoch auf die Teams zukommen, "wenn Zuverlässigkeitsprobleme auftreten oder Unfälle passieren". Aston-Martin-Pilot Sebastian Vettel, ein Fan der alten Formel 1, äußerte ebenfalls ein paar Bedenken: "Das Setup muss sofort passen, wenn man auf die Strecke geht. Mal sehen, ob wir es mögen und ob die Fans es mögen."

Quelle: ntv.de

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