Fußball-EM

EM-Countdown: Elf der Schande Als im Suff die "Mallorca-Revolution" scheiterte

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Keine Elf für die Ewigkeit.

(Foto: imago images/Uwe Kraft)

Noch vor der EM 2000 in Belgien und den Niederlanden wollte ein kleiner Teil der Nationalspieler ihren Trainer Erich Ribbeck stürzen - und Lothar Matthäus zum Teamchef machen. Doch der Plan scheiterte! Alkoholische Getränke sollen dabei eine nicht unerhebliche Rolle gespielt haben.

"Wenn ich die WM-Elf von 1990 um Mitternacht wecke, dann gewinnt sie barfuß gegen die heutige Nationalmannschaft." Franz Beckenbauer ließ nach dem beschämenden Vorrunden-Aus der deutschen Elf bei der Europameisterschaft 2000 in Belgien und den Niederlanden kein gutes Haar an der Mannschaft. Warum auch? Einer der Akteure selbst sagte bereits vor dem Turnier: "Der Zustand der Nationalmannschaft ist jämmerlich." Das war Jens Jeremies vom FC Bayern München.

Ein paar Tage später erzählte Jeremies eines Nachmittags seinen Kollegen, er habe gerade einem Reporter mindestens achtmal auf seine Fragen mit "Kein Kommentar" geantwortet. Am Abend kam dann heraus, dass eine der acht Fragen, bei denen er auf diese Art und Weise reagiert hat, so lautete: "Hat Ribbeck Ahnung vom Fußball?" Vermutlich wurde kein DFB-Bundestrainer jemals so sehr niedergemacht wie eben dieser Erich Ribbeck. Die Spieler tauften ihn während der EM in den "Förster vom Silberwald" um - weil er den Wald vor lauter Bäumen nicht sah und eine grau melierte Haarpracht trug.

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Das ganze Dilemma nahm spätestens bei der Vorbereitung auf der Sonneninsel Mallorca seinen Lauf. Dort spielte die DFB-Elf auch gegen Real Mallorca - und die Reporter erinnerten in diesem Zusammenhang an einen alten, legendären Gaga-Spruch Ribbecks: "Die Hitze kann für die deutschen Spieler sogar ein Vorteil sein. An einem Urlaubsort sieht man in der Mittagshitze auch immer nur Deutsche draußen, also kommen wir mit der Temperatur sogar besser zurecht." Es sind Sätze wie dieser gewesen, die das Ansehen des Bundestrainers schon bei seinem Antritt mit Zweifeln behaftet ließen.

"Der Einzige hier im Verein, der von Fußball nichts versteht"

Die Spieler bemängelten zudem, dass sie einfach nicht verstanden, was Ribbeck von ihnen wollte. Er habe entweder keinen Plan, sagten sie, oder keine Ahnung - was beides, zugegebenermaßen, nicht ideal ist. Was den Argwohn gegenüber Ribbeck weiter verstärkte, waren Sätze wie diese, die der Bundestrainer in einer Pressekonferenz vor dem Turnier genau so sprach: "Grundsätzlich werde ich versuchen zu erkennen, ob die subjektiv geäußerten Meinungen subjektiv sind oder objektiv. Wenn sie subjektiv sind, werde ich an meinen objektiven festhalten. Wenn sie objektiv sind, werde ich überlegen und vielleicht die objektiven subjektiv geäußerten Meinungen der Spieler mit in meine objektiven einfließen lassen."

Ben Redelings ist ein leidenschaftlicher "Chronist des Fußballwahnsinns" und Anhänger des ruhmreichen VfL Bochum. Der Bestseller-Autor und Komödiant lebt im Ruhrgebiet und pflegt sein legendäres Anekdoten-Schatzkästchen. Für ntv.de schreibt er dienstags und samstags die spannendsten und lustigsten Geschichten auf. Weitere Informationen zu Ben Redelings, seinen aktuellen Terminen und seinem Buch mit den besten Kolumnen ("Zwischen Puff und Barcelona") gibt es auf seiner Seite www.scudetto.de.

Schon in der Spielzeit 1992/93 hatte der niederländische Nationalspieler Jan Wouters beim FC Bayern München zu seinem Übungsleiter Ribbeck gemeint: "Trainer, Sie sind der Einzige hier im Verein, der von Fußball nichts versteht." Vielleicht muss man dies alles zur Verteidigung einer Gruppe von Spielern anführen, die noch vor dem Beginn der Europameisterschaft einen Versuch unternehmen wollten, zu retten, was nicht mehr zu retten war.

Ihre Idee war die sofortige Ablösung Ribbecks und die Übernahme der Aufgaben durch Lothar Matthäus. Doch dabei stellten sie sich nicht nur allein dilettantisch an - denn Matthäus hatte gar keine Lust auf diesen Job -, sondern auch etwas peinlich, wie Sepp Maier hinterher erzählte.

Über die Nacht auf der Insel, die als die gescheiterte "Mallorca-Revolution" in die Geschichte einging, berichtete der Bundes-Torwart-Trainer: "Bis in die Früh haben sie lauter Schmarren erzählt. Wenn die den Ribbeck stürzen wollten mit diesem sinnlosen Geschwätz, dann heiße ich Huber. So was mach' ich, wenn ich nüchtern bin, und nicht, wenn ich schon drei, vier Bier drin habe und eine Flasche Wein. Dann sind alle stark." Sepp Maier zog ein für die aufmüpfigen Nationalspieler wenig schmeichelhaftes Fazit: "Ich glaube, in dem Zustand, in dem die da waren, hätten sie nicht mal mehr dem Ribbeck sein Schlafzimmer gefunden. Geschweige denn, ihn stürzen können."

Ein Abend ohne Widerspruch

Obwohl alle Spieler stets beteuerten, dass der "Teamspirit" sogar noch besser sei, als bei der EM vier Jahre zuvor in England, zeigte sich direkt nach dem Ausscheiden das wahre Gesicht der Mannschaft. Ein einziger Punkt gegen Rumänien und zwei Niederlagen gegen England und Portugal ließen auch kein anderen Schluss zu. Und gerade Lothar Matthäus, den Teile der Elf noch vor dem Turnier zu ihrem Teamchef machen wollten, bekam sein Fett weg.

Vor allem Christian Ziege wurde in einem Interview richtig deutlich: "Matthäus sollte sich Gedanken machen, ob er in seiner Karriere nach einem verlorenen Spiel immer ins Bett gegangen ist. Bevor ich die Schnauze zu irgendwas aufreiße, muss ich mir immer überlegen, ob ich persönlich immer alles richtig gemacht habe. Das hat er nicht. Und wenn er von Charakterlosigkeit spricht, fallen mir andere Charakterlosigkeiten ein. Die auf dem Platz."

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Sepp Maier wurde auch in diesem Fall nach der EM wieder deutlich, als man ihn auf den Geist dieses Teams ansprach. Pauschal urteilte er über den kompletten Kader: "Entweder du hast Charakter oder du kriegst ihn nicht. Und die hatten keinen." Nach dem desaströsen Ausscheiden in der dritten Partie der Vorrunde gegen eine B-Elf von Portugal ("Leider gibt es kein Gesetz, das solche Spiele verbietet", Innenminister Otto Schily) sprach DFB-Präsident Gerhard Mayer-Vorfelder von einer "Elf der Schande" - und niemand wollte ihm an diesem Abend widersprechen.

Auch nicht der Bundestrainer selbst. Erich Ribbeck meinte nach seiner Entlassung relativ gelassen: "Ich stehe jetzt so wie ein kleiner Depp da. Aber ich weiß mehr, als manche glauben. Gerade was Fußball betrifft. Aber was soll's!"

Quelle: ntv.de

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