Fußball-EM

EM-Countdown: Bertis Sieger Der legendäre Jubel eines Trunkenbolds

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Kein Alkohol, keine Sorge.

(Foto: imago/Colorsport)

Mehmet Scholl war die Stimmungskanone, Andreas Möller hatte Nerven aus Stahl und Oliver Bierhoff wurde der gefeierte „Golden Goal“-Held. Die EM 1996 war aus deutscher Sicht nicht nur wegen des Titels ein voller Erfolg. Aber der schillerndste Star war ein Engländer!

"Mit euch möchte ich jetzt am liebsten 14 Tage Urlaub machen, weil es nie böses Blut gegeben hat", meinte Torhüter Andy Köpke beim Abschied nach den Jubelarien am Flughafen zu seinen Europameister-Kollegen. Und Stürmer Stefan Kuntz feierte schon während der Wochen von England die größte Stärke der deutschen Nationalmannschaft bei der EM 1996: "Wir sind die Gute-Laune-Truppe!" Anführer dieser Spaß-Gemeinschaft war Mehmet Scholl über den Bundes-Torwart-Trainer Sepp Maier hinterher meinte: "Seine Witze waren zwar oftmals dieselben, aber sie waren wichtig für die Stimmung."

Und der Mittelfeldspieler des FC Bayern München wusste auch nach dem gewonnenen Finale von London mit seinem feinen Sinn für Humor zu überzeugen. Als Journalisten ihn fragten, wie es denn gerade mit dem Bundeskanzler Helmut Kohl in der Kabine gewesen sei, antwortete Scholl schlagfertig und auf den Punkt: "Eng!"

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Und in der Tat ließ sich die "Gute-Laune-Truppe" auch von einem dramatischen Verletzungspech, aggressiven Kroaten oder kräftezehrenden Spielen von ihrem Weg nicht abbringen. Im Halbfinale ging es wie sechs Jahre zuvor bei der WM in Italien gegen England wieder ins Elfmeterschießen. Für Bundestrainer Berti Vogts keine ganz leichte Aufgabe, weil er erst einmal genug Schützen zusammen bekommen musste, die noch antreten konnten bzw. wollten. Denn der Leader des Teams, Matthias Sammer, lehnte durchaus originell ab: "Ich habe mit dem Elfmeterschießen keine Probleme, solange ich nicht schießen muss. Ich kann das einfach nicht, denn mir gefallen immer beide Ecken." Dafür trat zum entscheidenden Elfer jemand an, den viele zuvor als "Weichei" und "Heulsuse" verschrien hatten. Doch Andreas Möller verwandelte sicher und brachte Deutschland so ins Endspiel.

"Das Tor verfolgt mich noch immer"

Und dort hatte Berti Vogts wieder neue Probleme - die er gewitzt gewillt war zu lösen: "Wer aufrecht aus dem Mannschaftsbus aussteigen kann, wird am Sonntag gegen Tschechien spielen." Nicht wenige Spieler stellten sich wie Thomas Helmer weit über die normalen Grenzen hinweg in den Dienst der Mannschaft: "Am Samstag habe ich acht Spritzen vorn und hinten ins Knie und noch einige in den Rücken bekommen. Ohne den Doktor wäre mit mir nichts geworden." Doch alle hielten nicht zuletzt wegen der "einzigartigen Kameradschaft" (Stefan Kuntz) durch. Und deshalb konstatierte Helmer hinterher zufrieden: "Wenn es heißt: der Deutsche liegt am Boden - dann gibt er alles!"

Zum großen Helden des Endspiels wurde schließlich der heutige DFB-Direktor Oliver Bierhoff. Seine Nominierung zur EM hatte er - der Sage nach - vor allem der Frau des Bundestrainers, Monika Vogts, zu verdanken. Die hatte vor dem Turnier in England zu ihrem Mann gemeint: "Nimm den Oliver mit. Er wird es dir danken!" Die weibliche Intuition sollte sich auszahlen.

Denn Bierhoff schoss nach seiner Einwechslung nicht nur den wichtigen 1:1-Ausgleich, sondern sorgte in der Nachspielzeit mit dem ersten "Golden Goal" der Fußballgeschichte auch für den Gewinn der Europameisterschaft. Der Ball, der eine seltsame Flugbahn entwickelte und deshalb den Keeper der Tschechen unglücklich aussehen ließ, beschäftige Petr Kouba noch Jahre später: "Das Tor verfolgt mich immer noch in meinen Träumen."

Spektakel statt Rauswurf

Ben Redelings ist ein leidenschaftlicher "Chronist des Fußballwahnsinns" und Anhänger des ruhmreichen VfL Bochum. Der Bestseller-Autor und Komödiant lebt im Ruhrgebiet und pflegt sein legendäres Anekdoten-Schatzkästchen. Für ntv.de schreibt er dienstags und samstags die spannendsten und lustigsten Geschichten auf. Weitere Informationen zu Ben Redelings, seinen aktuellen Terminen und seinem Buch mit den besten Kolumnen ("Zwischen Puff und Barcelona") gibt es auf seiner Seite www.scudetto.de.

Ein anderer Akteur bei dieser EM sorgte mindestens für ebenso viele Schlagzeilen wie Oliver Bierhoff. Der Engländer Paul Gascoigne sollte der ganz große Superstar dieser Europameisterschaft werden - wenn es denn vor dem Turnier nach dem Willen der Fans der englischen Nationalmannschaft gegangen wäre. Doch dann wurde er in der Presse als "Wonneproppen" bezeichnet, der sein Alkoholproblem und sein Übergewicht einfach nicht in den Griff bekäme.

Und schließlich rundete die "Sun" mit einer bösen Story das schlechte Bild des Mittelfeldgenies ab. Die Schlagzeile lautete: "Schaut euch Gazza an … ein betrunkener Dummkopf ohne Stolz!" Und neben den dicken Lettern stand ein Bild des oberkörperfreien Paul Gascoigne in bester Feierlaune mit den letzten Fetzen eines zerrissenen Shirts um den Hals. Ein Foto, das nach viel Spaß aussah - aber weniger nach einer guten sportlichen Vorbereitung auf das kommende EM-Turnier.

Gazzas ehemaliger Teamkollege Tony Dorigo hat Gascoignes Leben einmal so beschrieben: "Die meisten Spieler haben 90 Minuten Stress auf dem Platz und danach 22 ½ Stunden Erholung. Bei Gazza war es genau andersherum." Doch Gascoigne durfte vor der EM auf kein Verständnis für seine individuellen Probleme hoffen. Im Gegenteil. Die Story der englischen Boulevardzeitung sorgte selbst bei ihm ansonsten wohlgesonnenen Anhängern für Empörung. Nicht wenige forderten den sofortigen Rauswurf aus der Nationalmannschaft. Doch Trainer Terry Venables wollte davon nichts wissen. Und so konnte es am 15. Juni 1996 zur spektakulären Wende im Fall Paul Gascoigne kommen.

Gazza hatte viel Spaß

In der Partie gegen Schottland erlöste das Fußballgenie eine ganze Nation, als er in der 79. Minute das entscheidende 2:0 erzielte. Doch das alleine wäre noch keine besondere Schlagzeile wert gewesen. Es war der Jubel nach seinem Tor, der bis heute legendär ist. Denn Gascoigne ließ sich rücklings fallen und wartete im Gras mit geöffnetem Mund darauf, dass ihm seine Mannschaftskameraden mit ihren Trinkflaschen ordentlich Flüssigkeit ins Gesicht spritzten. So imitierten die Kicker ausgelassen und lachend gemeinsam das beliebte Trinkspiel "Zahnarztstuhl", das sie auch wenige Wochen zuvor, als die oberkörperfreien Bilder von Gascoigne entstanden, zelebriert hatten - natürlich mit anderen Getränken. Eine Genugtuung für Gazza und seine Kollegen. Doch das war ihm offensichtlich noch nicht genug.

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Denn kurz nach Europameisterschaft meldete das deutsche Magazin "SportBild", dass der von den englischen Gazetten als "unfähiger fetter Trunkenbold" beschriebene Paul Gascoigne "jetzt zurückschlagen" würde. Schon immer sei das Verhältnis von Gazza zu den Reportern nicht besonders gut gewesen, berichtete die Zeitschrift. So habe er einmal Journalisten unter einen Torbogen bestellt und selbst eine Etage höher am Fenster gesessen. Als nun unter ihm alle versammelt gewesen seien, ergoss sich ein Kübel einer nicht näher definierten Flüssigkeit über die Pressemeute. Gazza habe an diesem Tag viel Spaß gehabt. Doch nun sei es mit dem Spaß vorbei - und so habe er beschlossen, dass sein Anwalt alle Reporter verklagen solle, die vor der EM schlecht über ihn geschrieben hatten.

Solche Sorgen hatten die deutschen Spieler nach der Europameisterschaft natürlich nicht. Die "Gute-Laune-Truppe" und ihren Trainer ("Deutschland feiert den kleinen Kaiser!", "Express") ließ man gebührend hochleben. Denn jeder wusste: Diesen Moment muss man genießen. Es kommen auch wieder andere Zeiten. Und manchmal viel schneller als man denkt!

Quelle: ntv.de

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