Fußball-EM

N'Golo Kanté, der Anti-Superstar Diese "Klette" wird Deutschland wehtun

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Kann N'Golo Kanté Frankreich auch zum EM-Titel führen?

(Foto: imago images/PanoramiC)

Wird nach dem besten Spieler der Welt gefragt, fällt der Name N'Golo Kanté selten. Aber der Franzose ist so gut, dass einem die DFB-Elf fast leidtun muss. Schicksalsschläge formten den bescheidenen Kanté zu einer perfekten Mittelfeldmaschine, von der Jogi Löw nachts vielleicht schon träumt.

Als der FC Chelsea Ende Mai die Champions League gewinnt, werden die gestandenen Profis mal wieder zu kleinen Kindern. Alle bis auf einen. Das gesamte Team küsst und herzt den Henkelpott im Vorübergehen, nachdem jeder Einzelne eine Medaille übergestreift bekommen hat. N'Golo Kanté aber gibt ihm im Vorübergehen nur einen kleinen, freudigen Klapser. Dann reckt Kapitän César Azpilicueta endlich den Pokal in die Höhe, alle tanzen und springen - und Kanté verschwindet im Blues-Pulk. Andere Spieler drängeln sich nach vorne, er nicht. Er, der zum Spieler des Finals gewählt wurde kurz zuvor. Der das Chelsea-Spiel geleitet und geordnet hatte und somit neben Kai Havertz' Tor der Garant für den Titelgewinn war.

Schon 2018 nach dem WM-Sieg in Russland musste sein französischer Teamkamerad Steven Nzonzi Kanté den Pokal förmlich in die Hand drücken, weil dieser sich so zurückgehalten hatte. Die Reserviertheit hat nichts mit mangelndem Selbstbewusstsein zu tun und liegt nicht an seiner kleinen Körpergröße von 1,68 Metern. Die Szenen aber sagen viel aus über den 30-Jährigen, der Deutschland gehörig wehtun könnte am Abend beim Auftakt Frankreichs in die EM (21 Uhr im Liveticker auf ntv.de): Kanté ist die Bescheidenheit in Person. Der Anti-Superstar.

Kanté - fast so gut wie Wasser

Das gilt, wohlgemerkt, nur vor dem Anpfiff und nach dem Abpfiff. In der Zeit dazwischen ist der Franzose ein rücksichtsloser Ballgewinner. Einer, der einfach keine Fehler zu machen scheint: der perfekte Abfangjäger. Ein Malocher mit einer solchen Ästhetik, Intelligenz und Technik, dass gar nicht auffällt, wie sehr er eigentlich auf dem Platz ackert. "Mobiles Gehirn" taufte der englische Guardian ihn jüngst. Dazu ist Kanté die unermüdlichste und auch gemeinste aller Pferdelungen, weil sie ihre Luft quasi aus den Gegenspielern saugt, ihnen den Atem raubt.

Arme DFB-Elf. Schlägt Bundestrainer Joachim Löw im Wörterbuch bei "Mittelfeldmotor" nach, wird er mit ziemlicher Sicherheit auf den Namen "Kanté" stoßen. Ebenso wohl bei "Taktgeber" und "Regisseur". Ob Löw nachts schon von Kanté träumt (Albträume wären hier ebenso möglich wie trügerische Illusionen von dem Franzosen in der eigenen Mannschaft), ist nicht bekannt.

Highlight-Clips gibt es von Cristiano Ronaldo und Lionel Messi, von Erling Haaland und Kylian Mbappé. Kanté eignet sich dafür nicht, trotz stets wundervoller Ästhetik und sauberstes Timings am Ball. Tore schießt er selten, den finalen Pass spielt er auch nicht. Seine Maßarbeit, sein optimales Stellungsspiel sind zwar Kunstformen für sich; sie lassen sich aber nicht mit einzelnen Sekunden-Szenen widerspiegeln. Zitate lohnen da schon mehr. "71 Prozent der Erde sind von Wasser bedeckt, der Rest von N'Golo Kanté", dieser Satz kursierte immer wieder in England. Der bescheidene Franzose wäre nicht er selbst, wenn er der Aussage nicht direkt widersprochen hätte.

Nationalspieler Timo Werner adelte seinen Chelsea-Teamkollegen jüngst zum "besten Sechser der Welt". Vor İlkay Gündoğan, Joshua Kimmich, Toni Kroos und wie sie alle heißen. "Kanté ist eine Klette", sagte er. Diese Klette könnte dem deutschen Offensivspiel gehörig wehtun, da ist sich auch Kai Havertz sicher, der erklärte: "Man wünscht es sich, ihn in seiner Mannschaft zu haben." Diesmal wird ihm Kanté die Bälle abluchsen statt zuspielen wie beim FC Chelsea.

Nachfolger des großen Zidane?

Glamour und Prunk sind so sehr nicht das Ding des bescheidenen Franzosen, dass es dazu unzählige Geschichten gibt. Er soll als einer der bestbezahlten Blues-Profis immer noch denselben Mini-Cooper von ganz früher fahren. Als er einmal zu spät dran war für ein Chelsea-Meeting, weil er in einen Autounfall verwickelt war, hielt er trotzdem aus Höflichkeit für Fans an, um Fotos zu machen. Ein anderes Mal verpasste er einen Zug von London nach Paris und besuchte deshalb spontan eine lokale Moschee. Von anderen Besuchern wurde er zum Essen nach Hause eingeladen, wo er für ein paar Stunden Playstation mit deren Freunden spielte.

Die Höflichkeit und Bescheidenheit erlernte Kanté durch Schicksalsschläge. Seine Eltern mussten vor Konflikten aus Mali fliehen und noch bevor er ein Teenager war, verstarb sein Vater. In prekären Verhältnissen in einem Vorort von Paris wuchs Kanté als eines von acht Kindern auf, Fußball-Akademien ließen ihn immer wieder abblitzen. Auf dem Weg zum Profi lehnten ihn später Teams wie Paris Saint-Germain, Sochaux oder Rennes ab, wohl weil er ihnen zu klein war. "Das hat mich als Spieler geprägt und hat mir geholfen, der Spieler zu werden, der ich heute bin", sagt Kanté selbst.

Über Boulogne, Caen und Leicester landete der Franzose schließlich bei Chelsea. Heute befindet Kanté sich wohl in der besten Form seines Lebens. Nationalmannschaftskollege Paul Pogba rief ihn bereits zum Ballon d'Or-Kandidaten aus. Der Blues-Profi wäre der erste Franzose seit dem großen Zinédine Zidane, dem diese Ehre zuteilwird. "Zizou" zog auf brillantere, aber ähnlich effektive Art und Weise die Fäden im Spiel der Franzosen. Ohne Zidane hätte Frankreich nicht die WM 1998 und die EM 2000 gewonnen. Ohne Kanté wäre die Grande Nation 2018 nicht Weltmeister geworden.

Jetzt könnte N'Golo Kanté, der so ruhige wie gut geölte Mittelfeldmotor, seine Mannschaft auch zum Europameister-Titel tragen. Vor allem aber wird die "Klette" erst mal Deutschland gehörig wehtun.

Quelle: ntv.de

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