Fußball-EM

Huhs, Tränen, Pfiffe und Schläge "EM-Turnier hinterlässt faden Beigeschmack"

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Die Enttäuschung ist diesem französischen Fan ins Gesicht geschrieben, nach der Finalniederlage gegen Portugal.

(Foto: picture alliance / dpa)

Portugal ist Europameister, Spanien entthront. Aber was bleibt von der EM in Frankreich in den Köpfen? Wurde Ronaldo im Finale vorsätzlich gefoult? Wer hat überzeugt, welche Teams enttäuschten? Gab es einen Star bei dieser EM? Bleibt es bei diesem Modus? Und: Was wird nach der "Halbfinal-Pleite" aus Joachim Löw? Welttorhüter Lutz Pfannenstiel gibt die Antworten im n-tv.de Interview:

n-tv.de: Herr Pfannenstiel, Ihr Favorit vor der EM lautete Frankreich. Nun hat Portugal gewonnen. Ein würdiger Europameister?

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Lutz Pfannenstiel, Welttorhüter und TV-Experte

(Foto: Lutz Pfannenstiel)

Lutz Pfannenstiel: Wenn man Frankreich im Finale schlägt, dann hat man den Titel Europameister auch verdient. Wenn man sich aber den Weg Portugals ins Finale anschaut: als Gruppendritter ohne Sieg in der Vorrunde, dann Verlängerung gegen Kroatien, Elfmeterschießen gegen Polen, ein Sieg gegen das Überraschungsteam Wales - dann kann man darüber auch diskutieren. Aber danach fragt schon morgen eh keiner mehr. Auch nicht danach, dass Frankreich genug Chancen hatte, das Spiel in 90 Minuten für sich zu entscheiden.

War Frankreich vielleicht zu platt nach nur zwei Tagen Pause nach dem Halbfinale gegen Deutschland?

Nein, so weit würde ich nicht gehen. Klar, das Turnier war lang und die Spieler der Topvereine hatten eine anstrengende Saison in den Knochen. Das ist ein Punkt, den man vor Augen haben muss. Aber wenn du Fußballprofi bist, im Finale stehst, die Franzosen noch vor heimischem Publikum, dann spielt das alles keine Rolle mehr. Und Portugal musste durch das Turnier mit Verlängerungen, Elfmeterschießen. Von der Kraft her gesehen, hatte keines der Teams Vor- oder Nachteile.

Welche Rolle spielte das frühe Aus von Superstar Ronaldo?

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Ronaldo: Den Tränen der Enttäuschung folgten noch Freudentränen über den Europameistertitel.

Vorweg: Mir tut das für Ronaldo persönlich sehr, sehr leid. Das Foul von Payet sieht für mich eher nach Vorsatz aus. Ronaldo hat danach noch versucht weiterzumachen. Er wollte unbedingt spielen. Aber es ging einfach nicht. Und als er dann raus musste, hat man gesehen, dass für ihn eine Welt zusammengebrochen ist. Für das Team war das zunächst auch ein Schock, das hat man dem Spiel der Mannschaft angesehen: Jetzt ist unser absoluter Superstar, unser Schlüsselspieler draußen, wie geht's jetzt weiter? Dann hat sich das Team gefangen. Die Portugiesen waren wütender und konzentrierter.

War das Aus Ronaldos vielleicht sogar der Schlüssel zum späteren Sieg?

Das wäre Spekulation. Aber: Die Portugiesen waren danach noch motivierter, wollten nun auch für Ronaldo gewinnen. Und je länger das Spiel dauerte, desto mehr merkten sie auch: Hey, da geht was. Die Chancen für Portugal waren eine logische Folge.

Was hat Portugal am Ende anders oder besser gemacht als die restlichen Teams bei dieser EM?

Der Welttorhüter

Lutz Pfannenstiel ist der erste Fußballer, der in seiner aktiven Karrieren auf allen sechs Kontinenten gespielt hat: 25 Vereine in 13 Ländern - nachzulesen in "Unhaltbar - Meine Abenteuer als Welttorhüter". Seit seinem Karriereende ist Pfannenstiel als TV-Experte für verschiedene nationale und internationale Sender wie ZDF, SRF, BBC und DAZN tätig gewesen. Er war Auslandsexperte beim DFB und Trainerausbilder bei der Fifa. Für Fußball-Bundesligist 1899 Hoffenheim verantwortete er mehrere Jahre den Bereich International Relations. Seit Dezember 2018 ist er Sportvorstand beim Traditionsverein und Fußball-Bundesligisten Fortuna Düsseldorf. Pfannenstiel ist Gründer von Global United FC. Er ist bei Twitter, Facebook und Instagram aktiv.

 

Portugal stand in den vergangenen Jahrzehnten immer für Offensivfußball. Attraktiv zwar, aber brotlos am Ende. Bei diesem Turnier hat Trainer Fernando Santos den Fokus auf die Defensive gelegt und in jedem Spiel einen ganz klaren Plan verfolgt. Die Mannschaft hat die Vorgaben dann sehr gut umgesetzt: Sie hat ungemein effektiv gespielt. Dieser rein ergebnisorientierte Fußball sah für den Fan draußen am Spielfeldrand nicht schön aus. Auch ich habe darüber geschimpft. Aber am Ende fährt Portugal mit dem Titel nach Hause - und nichts anderes zählt bei einer Europameisterschaft.

Das weckt Erinnerungen an die EM 2004 in Portugal und den überraschenden Sieg Griechenlands ...

Ja, das stimmt, auf den ersten Blick gibt es Parallelen: Die Mannschaft, die am unästhetischsten gespielt hat, hat jeweils den Titel geholt. Aber Griechenland war weitaus defensiver unterwegs als Portugal bei diesem Turnier in Frankreich. Zudem sind seitdem zwölf Jahre vergangen - und der Fußball ist nicht stehengeblieben.

Portugal ist Europameister, aber der Star des Turniers heißt Antoine Griezmann, oder?

Ein Star, dem die Krönung versagt blieb. Über das ganze Turnier betrachtet war Griezmann ein herausragender Akteur. Am Anfang extrem stark gesehen hatte ich auch Dimitri Payet, aber der hat im Verlauf des Turniers zusehends abgebaut und im Finale nur die eine Szene - das Foul gegen Ronaldo. Griezmann war bis auf das letzte Spiel der Star des Turniers - und hätte sich mit einem Finaltor zum unsterblichen Helden der Grande Nation machen können, die Chance dazu hatte er. Fußball ist halt ein Tagesgeschäft - jetzt reden alle nur von Cristiano Ronaldo: Er ist jetzt die Figur des Turniers.

Welche Mannschaften haben positiv überrascht?

Wie meistens bei solchen Turnieren sind es die vermeintlich Kleinen, die überraschen. Allen voran Wales und Island. Aber bei Wales muss man bedenken, dass fast ausschließlich Premier-League-Spieler auf dem Platz standen, keine No-Names. Dennoch: als Neuling bis ins Halbfinale zu kommen ... Chapeau! Und die Wikinger: Von denen bleibt für immer der Jubel. Den sportlichen Höhenflug befeuert hat natürlich der Coup gegen England - auch der wird noch lange nachwirken.

Abgesehen von England, welche Teams haben Sie enttäuscht und warum?

Zu den Enttäuschungen gehört für mich auch Belgien. Schwer ins Turnier gestartet, besser geworden, die Offensivklasse aufblitzen lassen und dann aber gegen Wales die große Chance liegen lassen. Da wäre auf alle Fälle mehr drin gewesen, denn für mich war Belgien bei diesem Turnier die Mannschaft mit dem meisten Talent. Komplett enttäuscht haben mich auch die Schweden, die absolut gar nichts gerissen haben.

Und der entthronte Europameister Spanien?

Das Abschneiden der Spanier ist natürlich auch enttäuschend. Beim Spiel gegen Italien, vor allem in der zweiten Halbzeit, war kein Aufbäumen, nichts Zwingendes spürbar. Ganz erstaunlich zu sehen, wie Italien diesen Spaniern komplett den Schneid abgekauft hat.

Spanien vorzeitig raus, Deutschland auch: Diese beiden Teams standen in den vergangenen Jahren für drückenden Ballbesitz-Fußball. Ist diese Ära vorbei? Schlägt jetzt wieder die Stunde der Stoßstürmer?

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Mario Gomez kam, traf - und verletzte sich.

(Foto: imago/Jan Huebner)

Der Stoßstürmer ist wieder da, das stimmt. Mannschaften mit klassischem Stoßstürmer im Team haben vor allem in der Vorrunde aufhorchen lassen: Beispiel Italien. Aber ich glaube nicht, dass sich die Spanier von ihrer Art, Fußball zu spielen, verabschieden werden. Ich denke, da wird der personelle Umbruch weitergehen - und beim nächsten Turnier mischen sie wieder ganz vorn mit.

Und wie sieht's bei Deutschland aus?

Wir sind halt extrem erfolgsverwöhnt: Deutschland stand wieder in einem Halbfinale und hat dort für mich mit Frankreich für das beste Spiel des Turniers gesorgt - und hätte auch gewinnen können. Zwei Fehler haben dann zur Niederlage geführt. Es gibt keinen Grund, das System dann infrage zu stellen. Ich sage aber, es war ein Fehler, keinen zweiten klassischen Stürmer mitzunehmen.

Ein klassischer Stürmer schoss im Finale dann auch das entscheidende Tor für Portugal. Dennoch: Portugal als siegloser Gruppendritter ist am Ende Sieger - der Modus mit 24 Teams macht's möglich. Was halten Sie davon?

Ich habe den Modus von Anfang an kritisiert. Und das Beispiel Portugal hat gezeigt: Sicherheitsfußball kann dich bei diesem Modus sehr weit bringen. Das ist der fade Beigeschmack dieses Turniers. Eine Europameisterschaft mit so vielen Mannschaften, dann noch in die Länge gezogen, übersättigt einen.

Dank des Modus gab es aber auch vor dem eigentlichen Finale bereits drei vorweggenommene: Italien warf Spanien raus, verlor dann unglücklich gegen Deutschland, das dann wiederum von Frankreich besiegt wurde. Fußball-Fan, was willst du mehr? Hat die Uefa mit dem Modus also doch etwas richtig gemacht oder war das nur Zufall?

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Pfannenstiels EM-Fazit: Spielerisch lau, aber die Stimmung war top.

(Foto: Lutz Pfannenstiel)

Das war Zufall - und die Spanier waren daran nicht ganz unschuldig. Durch die Niederlage gegen Kroatien sind sie auf die andere Seite des Turnierbaums gerutscht. Durch die Gruppendritten wurde das ganze System unberechenbarer. Ein Tor mehr oder weniger und da spielt plötzlich Albanien oder Portugal ist draußen. Der Modus hat dem Turnier nicht gut getan.

Muss die Uefa nachbessern?

Wenn sie bei der Anzahl der Teams bleibt, muss sie auf alle Fälle noch etwas am Modus ändern. Vielleicht nach den drei Gruppenspielen eine Rangliste erstellen, wo dann der Erste gegen den 16. spielt, der Zweite gegen den 15. und so weiter. Das würde offensiven, siegorientierten Fußball pushen. Die Mannschaften wären von der ersten Minute an gefordert, auf Sieg zu spielen und Tore zu erzielen. Mannschaften mit drei Remis? Die gibt es dann mit großer Wahrscheinlichkeit nicht mehr.

Zurück zu Deutschland: Nach dem WM-Titel nun das Aus im EM-Halbfinale. Ein klarer Rückschritt. Ist Joachim Löw als Bundestrainer noch tragbar?

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Löw zieht ein positives EM-Fazit. Nächstes Ziel: Titelverteidigung bei der WM in Russland.

(Foto: AP)

(lacht) Die Kritiker, die sich jetzt melden und Löw infrage stellen, sollten sich einfach mal seine Statistik bei großen Fußballturnieren anschauen. Danach ist jede Trainerdiskussion überflüssig. Aber dieses Turnier genau zu analysieren und Fehler zu benennen, steht auf einem anderen Blatt.

Löw hat dann auch ein positives EM-Fazit gezogen. Wie lautet Ihres?

Das große Ziel nach dem Weltmeistertitel hieß natürlich, auch Europameister zu werden. Dass das nicht geklappt hat und Deutschland im Halbfinale ausgeschieden ist, ist für mich aber keine Enttäuschung. Die Niederlage gegen Frankreich war unglücklich. Da kamen individuelle Fehler und Personalprobleme zusammen. Wenn mit Mats Hummels, Sami Khedira und auch Mario Gomez drei Stammkräfte auf einmal wegbrechen, dann verkraftet das auch ein Weltmeister nicht so ohne Weiteres. Deutschland ist nach wie vor eine der besten Mannschaften Europas.

Und Ihr Fazit zum Turnier?

Sportlich betrachtet war diese EM kein großes Turnier, allenfalls Durchschnitt. Spielerisch war es für mich enttäuschend. Organisatorisch gab es Anfangsschwierigkeiten. Was auf alle Fälle positiv hängen bleibt, ist die großartige Stimmung der Fans, seien es Nordiren, Waliser, Isländer oder all die anderen Fußballverrückten. Was bleibt, das sind die Bilder der Freude, des Spaßes, der Begeisterung. Das mehrheitlich friedliche Miteinander hat dieses Turnier in Frankreich geprägt.

... mit ein paar schlagkräftigen Ausnahmen?

Ja, zu Turnierbeginn. Aber das meinte ich auch mit den organisatorischen Anfangsschwierigkeiten. Über allem schwebte ja das Damoklesschwert eines möglichen Terroranschlags. Die entsprechenden Sicherheitsvorkehrungen haben eine Menge Polizei gebunden und damit Freiräume für Hooligans geschaffen. Die haben die dann auch knallhart genutzt - mit dem Negativhighlight rund um das Spiel England gegen Russland.

Was wünschen Sie sich für die kommende EM?

Eine Änderung des Modus, damit dieser Schwachsinn mit den Gruppendritten wegfällt und die Spiele wieder offensiver angegangen werden. Der jetzige Modus schiebt die Taktik in den Vordergrund, das Abtasten. Das muss sich ändern.

Wie sieht Ihr EM-Team aus?

(lacht) Schwierig. Aber im Tor kämpfen Manuel Neuer und Hugo Lloris die Nummer eins aus. Über das Turnier betrachtet waren sie die stärksten, auch wenn Portugals Rui Patricio im Finale ganz groß aufgespielt hat. In der Abwehr ragt für mich Jérôme Boateng heraus. Aber vor allem der Angriff kann sich sehen lassen mit Gareth Bale, Antoine Griezmann und Cristiano Ronaldo.

Mit Lutz Pfannenstiel sprach Thomas Badtke

Mehr vom Welttorhüter gibt es auch bei Twitter.

Quelle: n-tv.de

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