Fußball-EM

Löw-Ende und noch mehr Positives Es gibt sie noch, die guten DFB-Nachrichten

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Joachim Löw gab dem deutschen Fußball viel. Aber jetzt ist es genug.

(Foto: picture alliance/dpa)

Beim DFB gibt es viel zu tun: Das Achtelfinal-Aus bei der Fußball-Europameisterschaft bedeutet das zweite Desaster bei einem großen Turnier. Die Probleme sind durchaus hausgemacht, der neue Bundestrainer Hansi Flick muss am Tiefpunkt seine Ära starten. Aber es war nicht alles schlecht.

Die Fußball-Europameisterschaft ist noch nicht zu Ende, die deutsche Nationalmannschaft aber schon lange nicht mehr dabei. Zum zweiten Mal hintereinander scheitert der vierfache Welt- und dreifache Europameister bei einem Turnier früh. Immerhin: Das Achtelfinal-Aus bei der EURO 2020 ist am Ende nur noch ein kaum mehr überraschendes Ärgernis und nicht mehr ein aufwühlendes Desaster wie die Pleite bei der Weltmeisterschaft 2018. Da war schon nach der Vorrunde Schluss. Nach Russland war man als Titelverteidiger aufgebrochen, dieser Tage ist die DFB-Truppe nach einem langen Abstieg sportlich auf ihrem in den vergangenen Jahren schwer verdienten Platz fernab der Weltspitze angekommen.

Ein Sieg, ein Unentschieden, zwei Niederlagen: Es gibt eigentlich keinen Anlass, etwas Positives aus diesem Turnier mitzunehmen. Und doch sind da ein paar Dinge, aus denen man Hoffnung schöpfen könnte.

Die Ära Löw ist vorbei

In den letzten Jahren hat sich ein Narrativ unter den Gegnern von Joachim Löw festgesetzt: 2014 holte die deutsche Mannschaft trotz Löw den WM-Titel, nicht wegen Löw. Das ist schlicht falsch. Löw ließ seine Mannschaft viele Jahre den aufregenden Fußball spielen, der in der spannenden Spielergeneration auf ihrem Höhepunkt steckte. Löw holte die deutsche Nationalmannschaft aus dem Pragmatismus in die Schönheit. Der ehemalige Bundestrainer hatte für den deutschen Fußball wertvolle Impulse. Doch in den letzten Jahren hat Löw die Überzeugung verlassen, er schien gefangen in einem Netz aus zweifelhaften Sicherheitsphantasien.

Es waren für den deutschen Fußball lähmende Jahre, der Umbruch, den Löw nach dem WM-Debakel 2018 einleiten wollte, bleib auf der Strecke. Und das nicht nur personell: Löw fand nie mehr eine funktionierende Spielidee für sein Personal, zum Ende schien er entkoppelt von der sportlichen Realität. Das sture Festhalten an der ungeliebten Dreierkette, die Abschiebung Joshua Kimmichs, dem "besten Sechser der Welt" (Welt- und Europameister Javi Martinez) aus dem Zentrum auf die rechte Außenbahn, das fehlende aktive Coaching und seltsame Wechsel: Joachim Löw selbst zeigte bei der Europameisterschaft keine gute Leistung.

Spätestens seit 2018 hatten sich der Verband und sein Trainer in einem eigenartigen wechselseitigen Schwitzkasten. Kritik vom Verband an seinem wichtigsten sportlichen Angestellten wurde von diesem mit Empörung quittiert. Das alles ist nun vorbei, aus dem Umbruch wird ein Neustart. Joachim Löw wird nun seinen verdienten Platz in der Ruhmeshalle des deutschen Fußballs einnehmen. Und der deutsche Fußball darf darauf hoffen, dass er nun aus der Lethargie wieder herausgeführt werden kann. Oder dass wenigstens neue, womöglich sogar geeignete Schritte dafür unternommen werden. Nachfolger Hansi Flick muss zügig loslegen, es gibt viel zu tun.

Die Götterdämmerung, die gut tut

Der deutsche Fußball liebt seine Helden. Oder wenigstens die Idee des Helden. Und die Idee des Idioten, der das Offensichtlichste nicht erkennt: Es bedarf eben des Helden, um eine ganze Mannschaft zu retten. Das, was die einstigen Helden Thomas Müller und Mats Hummels bei der EURO leisteten, taugt als deutliches Beispiel dafür: So einfach ist das alles und schon ganz lange nicht mehr. Beide waren 2019 von Löw ausgemustert worden, mit jedem zweifelhaften Auftritt der Nationalmannschaft wurden die Rufe nach der Rückkehr der beiden lauter. Kurz vor der EM knickte Löw ein, tat, wonach das Volk verlangte und was angesichts des enttäuschten Vertrauens in die nachrückenden Kräfte auch alternativlos war: Hummels und Müller kehrten zurück, natürlich als Führungskräfte in einem Team auf der Suche nach sich selbst.

Das Problem: Die Helden konnten keine Wunder bewirken, sie konnten in den ihnen in einem wackeligen System zugedachten Positionen nicht das einbringen, wozu sie möglicherweise in der Lage gewesen wären. Und in manch entscheidender Szene patzten sie. Hummels entschied das Auftaktspiel gegen Frankreich mit einem Eigentor, Müller vergab beim nahezu chancenlosen Aus im Achtelfinale gegen England (0:2) die Großchance, das Schicksal nochmal zu wenden. Kein Vorwurf an die verdienten Nationalspieler. Aber der Glaube, dass strukturelle Schwierigkeiten schlicht mit zwei Mosaiksteinchen zu reparieren sind, sollte spätestens jetzt mausetot sein. Flick muss nun Strukturen schaffen, in denen jeder Spieler die Mannschaft besser machen kann. Müller und Hummels sind dazu in der Lage. Ob sie gewillt sind und ob sie in Flicks Plänen eine Rolle spielen, ist nicht bekannt.

Robin Gosens kann ein Hoffnungsträger sein

Ja, es gibt sie noch, die Fußballprofis, die ein ganzes, von DFB-Verdrossenheit sediertes Land für Tage euphorisieren können: Nachdem sich die deutsche Mannschaft in ihrem Auftaktspiel von den soliden Franzosen in einer begeistert kommentierten Scheindominanz einlullen ließ und völlig chancenlos 0:1 verloren hatte, war das folgende 4:2 gegen Portugal ein regelrechtes Erweckungserlebnis. Wachgeküsst ward das deutsche Fußballvolk von Robin Gosens, der nicht nur auf der linken Außenbahn das Länderspiel seines Lebens machte, inklusive zwei Vorlagen, einem Treffer und dem schönsten Dann-doch-nicht-Tor des gesamten Turniers, sondern das Spektakel dann hinterher noch so euphorisch und bodenständig kommentierte, dass es eine helle Freude war. Ein selten gewordener Ausbruch aus dem Erwartbaren, sowohl sportlich als auch rhetorisch. Entsprechend groß war der Hype um den "etwas anderen Profi" von Atalanta Bergamo, auch bei ntv.de.

Gegen Ungarn jedoch ging der neue Kurzzeit-Edelbotschafter des DFB im allgemeinen Chaos mit unter, gegen England bekam er deutlich die Grenzen aufgezeigt. Aber immerhin: Robin Gosens schenkte dem Land ein paar Tage Euphorie, er weckte den Funken der Begeisterung, der dann ganz schnell wieder ausgetreten wurde. Bei der EM am Ende ein One-Hit-Wonder, der künftig aber noch zum Hoffnungsträger werden könnte.

Leon Goretzka ist ein Typ. Ein Spitzentyp.

Typen. Alle wollen Typen. Vor allem im Fußball, denn dem sind sie angeblich völlig abhanden gekommen. Kevin Großkreutz, der bodenständige Dortmunder mit Herz und Hang zum Fettnäpfchen, gilt manchen als solcher, Lukas Podolski auch. Mario Basler, Stefan Effenberg, Mehmet Scholl ... Das waren angeblich noch Typen. Das Profil "Typ" ist eben nicht ganz scharf umrissen, manchen reicht es schon, wenn ein Profi-Fußballer mal nicht so schlaue oder wenigstens nicht bis zum Schluss durchdachte Dinge sagt oder tut.

Einer aber, der viel nachdenkt, viel reflektiert und dann klare Worte findet, ist Leon Goretzka. Der äußert sich auf und ohne Nachfrage zu politischen Fragen, gegen Rassismus und Homophobie. Auch abseits des gängigen Sprachgebrauchs der Kampagnen von Vereinen und Verbänden. Ein Typ, der aus der Masse heraussticht. Positiv. Der Profi des FC Bayern steht eher in der Tradition von Typen der Marke Karl Allgöwer und Ewald Lienen. Allgöwer stritt dereinst mit seinem erzkonservativen Präsidenten Gerhard Meyer-Vorfelder über Atomenergie und die Welt, der radikal Linke Lienen weigerte sich sogar, Autogramme zu schreiben und begründete das so: "Meine Unterschrift ist nicht mehr wert als deine. Im Zirkus von Brot und Spielen trete ich nicht als Autogramme schreibender Held auf."

Goretzka nun steht für seine Worte ein, auch im Angesicht einer schwarzen Wand schlecht gelaunter, durch homophobe Gesänge und Transparente auffällig gewordener ungarischer Fans. Der Ein-Mann-Lovestorm, den Goretzka nach seinem 2:2 gegen Ungarn, in die Welt jagte, ist eine der positiven Szenen dieser Europameisterschaft. Ein Herz als Mittelfinger gegen Hass und Diskriminierung. Im Moment der Erlösung für die deutsche Mannschaft ein starkes Signal: Es gibt Dinge, die sind größer und wichtiger als Fußball. Glücklich, wer solche Typen in seinen Reihen hat.

Die Mannschaft der klaren Kante

Erinnern Sie sich noch an das Gruppenspiel gegen Ungarn? Das Spiel nach dem Portugal-Rausch? Das schlimme 2:2, das letztendlich mehr zufällig zustande gekommene Weiterkommen, ist längst nur noch eine Fußnote in der deutschen Länderspielgeschichte. Vor der Begegnung ging es nur nebenbei um die Aufgabe gegen die Ungarn, die größtmöglichen Außenseiter in der letztendlich krachend überschätzten Todesgruppe. Das alles beherrschende Thema war die Auseinandersetzung um den Regenbogen, den man den Ungarn und ihrem Ministerpräsidenten Viktor Orban möglichst grell und großflächig entgegenschleudern wollte. Als Symbol gegen Homophobie, aus Solidarität mit der ungarischen und der weltweiten LGBTQ-Bewegung. Die Aufregung war dann doch vielerorts arg reflexhaft, die Empörung galt wohl vor allem der spielverderbenden UEFA, die nicht mitziehen wollte beim wohligen Protest, und nicht dem Kampf gegen Homophobie. Die ist nämlich gerade im Fußball allgegenwärtig, beileibe nicht nur in Ungarn, sondern auch in Deutschland.

Die deutschen Nationalspieler wagten sich auffällig aus der sicheren Deckung, die die Imagefilme und vorgestanzten Floskeln von Vereinen und Verbänden zu Rassismus, Menschenrechten und allen möglichen anderen gesellschaftlichen Fragen den Spielern eigentlich bieten sollen. In der Vorbereitung auf die Europameisterschaft hatte die Mannschaft bereits Stellung zur Menschenrechtssituation in Katar bezogen, wo die umstrittene WM 2022 ausgetragen wird. Die Anerkennung für die klare Kante wurde seinerzeit schon einen Tag später getrübt durch ein Hochglanz-Imagefilmchen des DFB, der die Spieler bei der Vorbereitung ihrer spontanen Aktion in Szene setzte. Die klare Botschaft: Authentizität? Vergiss es!

Umso erfrischender war dann, wie sich die Spieler und auch der Bundestrainer "gerade machten" für die Sache: Kapitän Manuel Neuer dachte nicht daran, seine Regenbogen-Kapitänsbinde abzulegen, obwohl die UEFA deswegen gegen ihn ermittelte. Denn eigentlich ist für alle Spielführer die UEFA-genormte Binde obligatorisch, die mit dem UEFA-Slogan "Respect!" drauf. Neuer trug das Stück Stoff auch gegen die Ungarn. Mats Hummels erschien mit einem Shirt mit der Aufschrift "Love unites!" (Liebe verbindet) zur Pressekonferenz und verkündete: "Ich bin absoluter Freund davon, wenn man Botschaften dieser Art in die Welt sendet", sagte Hummels. Er sei "Freund solcher Gesten".

Leon Goretzka sagte, dass er es für eine "tolle Idee" halte, "Rassismus und Homophobie mit Vielfalt entgegenzutreten". Löw hatte klargemacht, dass es für ihn "bei aller Wichtigkeit von Symbolen" noch wichtiger sei, dass die durch die Regenbogenflagge dargestellten Werte für Vielfalt, freie sexuelle Orientierung und Menschenwürde "auch gelebt werden". Dies sei in der Nationalmannschaft der Fall, betonte Löw. Die DFB-Elf werde immer Zeichen setzen. Der Verband selbst wiederum setzt gegensätzliche Zeichen und verhandelt derzeit offenbar mit Qatar Airways über eine Partnerschaft. Das Geld, egal woher, wird dringend gebraucht und gerne genommen.

"Das ist immer auch ein Thema bei uns, weil wir auch wissen, was für eine Kraft und Reichweite der Fußball hat, auch jeder Einzelne von uns", sagte Joshua Kimmich bei der EM über Anti-Rassismus-Botschaften. Mit ihrer Kernkompetenz, dem Fußball, und ihrer Kernaufgabe, dem Gewinnen von Fußballspielen, fremdelte die deutsche Nationalmannschaft in ihren gut zwei EM-Wochen, aber sie zeigte, dass sie als Botschafter eines Landes taugt, den man in die Welt schicken kann. Sie muss künftig nur noch dafür sorgen, dass sie etwas länger bleiben darf.

Quelle: ntv.de

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