Fußball-WM

Vielleicht die Besten der Welt? Euphorisierter van Gaal knutscht Elftal in Favoritenrolle

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Das hier sind nicht Will Smith und Tommy Lee Jones in "Men in Black", das hier sind Edgar Davids (l.) und der zukünftige König der Welt.

(Foto: IMAGO/PA Images)

Mit 71 Jahren ist Louis van Gaal auf der Zielgeraden seiner Karriere. Zum dritten Mal arbeitet er als Bondscoach. Wie Jupp Heynckes 2013 beim FC Bayern ist er der richtige Mann am richtigen Ort. Bald schon könnte er der Beste der Welt sein. Nur noch drei Siege fehlen ihm.

Zurück im Khalifa, zurück am Ursprung des DFB-Debakels bei dieser Fußball-Weltmeisterschaft. Das erste Achtelfinale steht an: Louis van Gaal gegen die USA. Der 71-Jährige hat große Pläne. "Wir wollen Weltmeister werden, also haben wir noch vier Spiele vor uns", sagt er vor der Partie gegen die Minimalisten aus Übersee und lädt gleich noch einen Journalisten zum Finale ein.

"Wir sehen uns da", sagt der Ex-Coach der Bayern. Schlechte Nachrichten für die USA also schon im Vorfeld. Die Vereinigten Staaten erzielen in drei Spielen zwei Tore, kassieren nur eins. Macht insgesamt fünf Punkte und die sichere Passage ins Achtelfinale.

Nur einmal überhaupt, vor 20 Jahren, geht es für die USA weiter. Im Munsu Cup Stadium, im südkoreanischen Ulsan scheitern sie im Viertelfinale an Schiedsrichter Hugh Dallas und Michael Ballack. Im katarischen Doha geht es für die Vereinigten Staaten zum dritten Mal seither im Achtelfinale raus. Gegen van Gaals Weltmeister-Pläne haben sie keine Lösungen. Das 3:1 (2:0) der Niederländer ist so verdient wie kräftesparend. Es wirkt weiter, als nähme das Team von der Nordsee Anlauf für die großen Spiele. Noch drei stehen an.

Die Meister der Effizienz

Mit jedem Sieg der Niederländer erhöht sich auch die Wahrscheinlichkeit, dass sie den aufblasbaren WM-Pokal beim Einlaufen ins Stadium noch einmal sehen. Das ist am Samstag nicht der Fall. Der gigantische, aufblasbare Weltpokal muss etwas getan haben. Achtlos steht er in einer Ecke des Stadions, rund 30 Meter näher am Feld steht Saffron. Die Britin mit nigerianischen Wurzeln hat vor 26 Jahren mit ihrer Band Republica einmal einen Welthit gelandet, "Ready To Go". Ja. Legt los. Stellt endlich die Musik ab, die bei dieser WM Trommelfelle platzen lässt und Nerven zerfetzt.

Die Darbietung gerät, es war zu erwarten, vollkommen daneben. Aber wen interessiert's? Niemand ist für Saffron gekommen, die Feinschmecker sind wegen Louis van Gaal da. Der Rest für die USA. Die bieten zumindest vor dem Spiel schon einen Vorgeschmack auf die WM 2026. Da sind sie laut, danach nicht mehr so sehr.

Bondscoach van Gaal zeigt sich bei diesem Turnier von seiner allerbesten Seite. Befreit vom Druck, will er diese WM nur noch genießen und sich selbst in die Geschichtsbücher eintragen. Das hat er sich in seinen Augen auch verdient. Denn immerhin ist er Louis van Gaal und nicht irgendwer. Dass hinter seiner sympathischen Großmäuligkeit viel mehr steckt, beweist seine Elftal auch im Khalifa. Sie sind die Meister der Effizienz.

Als die Stadionregie während einer Spielunterbrechung in der 66. Minute eine der zahlreichen bei diesem Turnier erhobenen Statistiken einblendet, unterlegen die Daten das, was auf dem Feld zu beobachten ist. Die USA versuchen es immer, brechen in das Abwehrdrittel der Niederländer ein, aber scheitern stets. Zwar haben sie bereits in der dritten Minute durch den Ex-Dortmunder Christian Pulisic eine Riesenchance auf die frühe Führung, doch danach entgleitet ihnen das Spiel trotz aller Ballkontrolle.

Immer wieder Denzel Dumfries

In der 66. Minute nun sind die Eintritte in eben jenes Abwehrdrittel des Gegners zu sehen, und von wo diese passieren. Das Spielfeld ist dabei von links nach rechts in fünf Zonen unterteilt. Bei den USA liest sich das dann so: 10-6-2-4-12. Insgesamt also 34 Durchbrüche ins Angriffsdrittel, auf der Anzeigetafel aber stehen null Tore. Bei van Gaals Niederlande steht: 1-0-2-6-5. Insgesamt 14 Wege in die letzte Zone, nur drei nicht über die rechte Seite, auf der Anzeigetafel aber stehen zwei Tore.

Beide natürlich über die rechte Seite eingeleitet. Zweimal gelingt es dem überragenden Denzel Dumfries am Ende einer Kombination bis beinahe zur Grundlinie durchzudringen, und da steht dann einer. Zuerst schiebt Memphis Depay ein, dann vollendet Daley Blind mit dem Pausenpfiff. Den Rest der Zeit verbringen die Niederländer meist damit, den Vereinigten Staaten beim sinnlosen Ballbesitz zuzuschauen. Es bereitet ihnen, so hat es den Anschein, eine große Freude.

In der zweiten Halbzeit ein ähnliches Bild. Wieder hat die USA eine erste frühe Chance, wieder scheitern sie und auch, als dem angeschossenen Ex-Schalker Haji Wright mit der Hacke einer der seltsamsten Treffer des Turniers gelingt, gerät niemand in Panik. Diesmal darf Dumfries vollenden. 3:1. Das Spiel ist vorbei. Und die Niederlande locker weiter. Das muss den verbliebenen Mannschaften große Angst bereiten.

Showdown Messi gegen van Gaal

Der Hype liegt bei dieser WM der Abschiede bei den großen alten Männern auf dem Feld, bei Lionel Messi oder Cristiano Ronaldo. Die GOAT-Debatte, die Debatte darum, wer der beste Spieler aller Zeiten ist, könnte bei einem immer noch möglichen zwischen Argentinien und Portugal im Finale im Lusail endgültig eskalieren. Doch der Gedanke daran, dass Louis van Gaal gerade bei seiner letzten Weltmeisterschaft zu sehen ist, lässt sich kaum aushalten.

Beim ersten großen K. o.-Spiel des Turniers, dem Viertelfinale Niederlande gegen Argentinien, heißt es also: Messi gegen Louis van Gaal. Der ist ganz entspannt. "Wir haben hier eine große Chance. Es sind noch drei Spiele. Ich erzähle seit einem Jahr davon. Wir können Weltmeister werden! Wir können, wir werden Weltmeister sein", sagt er.

Kein Runterbringer in Sicht

"Ich spreche über den Zusammenhalt. Und darüber, wie wir die bestmögliche Mannschaft auf den Platz bringen. Diese Gruppe macht mir richtig Spaß, die Leistung und die Ergebnisse natürlich auch." Dann drückt van Gaal dem Man of the Match, Denzel Dumfries, einen dicken Schmatzer ins Gesicht. Das habe er schon vor einigen Tage gemacht, aber alle sollen es sehen.

Bei der Ankunft im Teamhotel der Elftal erklingt "Waka Waka" von Shakira, das Team läuft durch ein Spalier von Menschen und singt und tanzt. Ganz am Ende tänzelt Louis van Gaal und hält alles mit seinem Smartphone fest. Er ist so glücklich jetzt, und noch ist kein Runterbringer in Sicht. Bei den Bayern wollt er einst die beste Mannschaft von Europa formen, mit der Elftal hat er womöglich das beste Team dieses Turniers.

Der WM-Titel, so viel ist klar, geht nur über die Niederlande. Wenn es dann so kommt, dann wird er wieder auf einer Bühne stehen und eine seiner ganz wunderbaren Reden für die Ewigkeit schwingen. Dann ist Louis van Gaal endgültig der König der Welt.

Quelle: ntv.de

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