55 Jahre Bundesliga

Redelings über die Saison 96/97 Als Mehmet Scholl auf den Titanen losging

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Ungleiches Duell: Mehmet Scholl vs. Oliver Kahn.

(Foto: imago/Horstmüller)

Die Liga ist gaga. Ein Trainer verfügt über geheimnisvolle Voodoo-Kräfte, ein Spieler bricht sich beim Naseputzen das Siebbein und bei den Bayern dreht sich alles um eine zünftige Prügelei. Kahn lacht sich allerdings über den vermeintlichen Sieger kaputt.

Die Leverkusener spielen groß auf. Bayers neuer Trainer Christoph Daum schwört seine Mannschaft vor der Saison zur Geisterstunde in der Kabine des Ulrich-Haberland-Stadions auf die bevorstehende Meisterschaftsrunde ein: "Männer! Wer nicht zumindest an einen Uefa-Cup-Platz glaubt, der soll sofort die Kabine verlassen!" Niemand verlässt den Raum. Alle sind wie hypnotisiert von Daums Aura. Der Brasilianer Paulo Sergio glaubt sogar an höhere Mächte: "Ich stehe seit unserer Mitternachtsbesprechung im Bann des Zauberers Daum. Jetzt glaube ich sogar, dass unser Coach über geheimnisvolle Voodoo-Kräfte verfügt!"

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Sprachgenie mit T-Shirt-Aversion: Thorsten Legat (l.).

(Foto: imago sportfotodienst)

Am 20. Spieltag in Düsseldorf (0:0) lässt sich Daum etwas ganz und gar Ungewöhnliches einfallen: "Ich brauchte Alarmstimmung. Deshalb habe ich mich entschieden, einen starken Spieler rauszunehmen. Damit wollte ich ein Zeichen setzen, jedem im Kader zeigen, dass er eine Chance hat." Der rausrotierte Zé Elias findet die Aktion nicht ganz so lustig. Der neu ins Team gekommene Nico Kovac hingegen ist begeistert. Toll finden die Spieler auch die Zusammenarbeit von Daum mit seinem Co-Trainer. Ulf Kirsten: "Christoph Daum und Roland Koch sind wie ein ideales Ehepaar. Die beiden ergänzen sich unheimlich gut." Am Ende wird Leverkusen jedoch nur Zweiter hinter dem FC Bayern München. Das findet Kölns Trainer Peter Neururer allerdings ganz und gar nicht schade, denn vor der Saison hatte er versprochen: "Wenn Christoph Daum Meister wird, verlese ich Lobeshymnen in Gedichtform auf dem Kölner Neumarkt. Das habe ich gesagt, dazu stehe ich."

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Stuttgarts Fredi Bobic gewährt einen Blick hinter die Kulissen des VfB und seinen Spielern. Franco Foda ist kein Liebling der Physiotherapeuten, weil er der "Massagekönig" ist und sich fast täglich auf die Bank legt. Hendrik "Herze" Herzog fährt das hässlichste Auto – einen knallgelben Volvo. Kapitän Frank Verlaat singt gerne mit seiner Frau Cassandra auf Vereinsbällen im Duett – ihr gemeinsamer Hit: "New York, New York" Und Thorsten Legat heißt bei seinen Mannschaftskameraden nur noch "Doso", weil er bei einer Korea-Reise so tat, als ob er Koreanisch sprechen könne. Dauernd habe er versucht, mit Einheimischen ins Gespräch zu kommen, doch egal, was er auch sagte, es hörte sich wie "Doso" an – und die Koreaner verstanden natürlich kein Wort. Ansonsten läuft Legat gerne oben ohne rum. Seine starken Muskeln soll nicht nur er allein genießen dürfen.

Der "liebestolle Mehmet" lässt nicht locker

Mehmet Scholl produziert abseits des Platzes mehr Nachrichten als auf dem grünen Rasen für den FC Bayern – und ist darüber selbst am meisten irritiert: "Ich habe mehr Schlagzeilen gemacht als das Geiseldrama in Peru. Da stimmen doch die Relationen nicht!" Zum Großteil ist der gealterte Teeniestar jedoch selbst schuld an seiner Lage. Freizügig erzählt er der Presse aus seinem Privatleben. Ehefrau Susanne habe einen Neuen und sei mit dem gemeinsamen Sohn bereits ausgezogen. Zeitgleich berichtet "Momo"-Darstellerin Radost Bokel in großer Aufmachung über den "liebestollen" Mehmet, der "einfach nicht locker lässt". Und zu guter Letzt gelangt eine Kneipenschlägerei im Winterurlaub, den er mit sechs Bayern-Kollegen verlebt, in die Medien, obwohl "kein einziger Journalist dabei war": "Also muss einer von uns am nächsten Tag sofort die Presse informiert haben. Es gibt also einen Verräter!"

Aus der Kneipe zerrten ihn, um ihn zu beruhigen, seine Mitspieler Kreuzer und Kahn. Scholl soll das gar nicht gepasst haben, schreibt die Boulevardpresse, und angefangen haben, auf die beiden einzuprügeln. Das kann Titan Oliver Kahn so allerdings nicht stehen lassen. Als er die Schlagzeilen liest, sagt er trotzig: "Bei einer echten Prügelei hätte der Mehmet mit seinen 68 Kilo keine Chance gegen mich gehabt."

Und zum guten Ende: Das Kapitel "Kuriose Verletzungen" kann immer weiter geschrieben werden. Dieses Mal von Dirk Dammann. Der Abwehrrecke des FC St. Pauli rutscht im Mannschaftshotel aus und knallt mit dem Kopf gegen die Badewanne. Die Folge: eine schmerzhafte Jochbeinprellung. Das ist zwar schlimm, wäre aber noch kein Grund gewesen, nicht zu spielen. Doch dann putzt sich Dammann die Nase, bricht sich dabei das Siebbein, und Blut läuft in die Nasennebenhöhlen. Damit, so entscheidet der Mannschaftsarzt, ist ein Einsatz tatsächlich nicht möglich.

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Quelle: n-tv.de

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