55 Jahre Bundesliga

Redelings über die Saison 03/04 Als der FC Bayern dem BVB Millionen lieh

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Für die Fanfreundschaft hat die Münchner Finanzspritze wenig getan.

Ailton präsentiert sich angesichts des Meisterschaftstriumphs mit Werder Bremen im Adamskostüm und auch der BVB zieht blank – allerdings komplett anders. Die Dortmunder sind pleite und bekommen Hilfe aus einer nicht erwarteten Ecke.

In Dortmund gehen fast alle Lichter aus. Die fortdauernde Geldverbrennung treibt den BVB in die Arme des FC Bayern. Die Münchner helfen dem BVB mit Geld aus der tiefsten Patsche. Uli Hoeneß erinnert sich: "Als die Dortmunder mal gar nicht mehr weiter wussten und Gehälter nicht mehr zahlen konnten, haben wir ihnen ohne Sicherheiten zwei Millionen gegeben für einige Monate." Sicherlich ein Akt von höchster Peinlichkeit für den Dortmunder Vorstand.

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Peter tanzt den Neururer-Shuffle.

Was allerdings kaum mehr einer weiß: Anfang der 1980er Jahre greift die Borussia den strauchelnden Revierklubs FC Schalke 04 und VfL Bochum in finanziell höchster Not unter die Arme. 1,1 Millionen D.Mark überweist der BVB zur Saison 1980/81 für Rüdiger Abramczik an den S04 und rettet den Schalkern so die Lizenz. Nur ein Jahr später wechselt Jupp Tenhagen unter Tränen vom VfL nach Dortmund. Bochums ehemaliger Präsident Ottokar Wüst erinnert sich: "Und dann hat der Reinhard Rauball gesagt: Schick uns den Tenhagen und wir schicken euch eine Million Mark. Andernfalls hätte es uns am nächsten Tag nicht mehr gegeben."

Am 29. Spieltag ist die Meisterfrage quasi entschieden. Obwohl Bremen zu Hause nur 0:0 gegen Hannover spielt, gelingt es den Bayern nicht, näher an Werder heranzukommen. Im Gegenteil. Mit 2:0 verliert man beim BVB und hat fünf Partien vor Schluss bereits acht Punkte Rückstand auf den Tabellenführer von der Weser. Dort spielt der Franzose Johan Micoud eine herausragende Saison und ist der gefeierte Star bei Werder.

"Musse heute alles. Alle"

Sein Teamkollege Ivica Banovic beschreibt ihn so: "Micoud will immer gewinnen. Wenn es dann nicht so läuft, wird er ein anderer Mensch. Aber das muss er wohl sein, um so genial zu sein." In Bremen erinnern sie sich in den Zeiten des Erfolgs an ihren alten Trainer Otto Rehhagel. Manager Klaus Allofs: "Der hat immer zu den Spielern gesagt: 'Jungs, wenn ihr Tabellenführer seid, gibt’s nur eins: rauf aufs Sofa, Bier auf, Fernseher an, ARD-Videotext Tafel 253, die Tabelle angucken und den ganzen Abend anlassen – und dann nur noch genießen.'"

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Dank einer Serie von 23 Spielen ohne Niederlage in Folge setzt sich Bremen nach der Winterpause von der Konkurrenz ab und ist nicht mehr einzuholen. Die Meisterschaft sichert sich das Team am 32. Spieltag durch ein s3:1 beim direkten Konkurrenten Bayern München. Im Entmüdungsbecken zieht Torjäger Ailton vor laufenden Kameras blank und präsentiert sich der Fernsehnation in seiner vollen Pracht. Draußen auf der Tartanbahn des Olympiastadions hatte Ailton schon zuvor überschwänglich von seinen Plänen für den Rest des Tages erzählt: "Champagne, Wasser, Bier brasilian. Musse heute alles. Alle."

"Ey, Sunday, sprich Deutsch, du Arschloch!"

Geradezu sensationell qualifiziert sich der VfL Bochum für den Uefa-Cup. Weil Dortmund im letzten Saisonspiel in Kaiserslautern nicht über ein Remis hinauskommt und der VfL zu Hause Hannover 96 schlägt, reicht es für den fünften Tabellenplatz. Bochums Trumpf sind vor allem die ausländischen Spieler Vahid Hashemian, Raymond Kalla und Sunday Oliseh. Um den Teamgeist zu stärken, hat Trainer Peter Neururer ihnen verboten, sich in ihren Heimatsprachen zu unterhalten. Beim VfL soll Deutsch gesprochen werden. Und die Anweisung nehmen sich die Spieler zu Herzen. Als Oliseh doch einmal eine andere Sprache wählt, stutzt ihn Kalla mit einem verzagten Lächeln um die Mundwinkel zurecht: "Ey, Sunday, sprich Deutsch, du Arschloch!"

Bis zu seiner Suspendierung (er verpasst Hashemian in der Halbzeit eines Spiels eine Kopfnuss) ist Oliseh Bochums wichtigster Spieler und ein enger Vertrauter Neururers. Vor der Saison sagt der Nigerianer zu seinen Mitspielern: "Männer, lasst uns einfach spielen und nicht den Maradona probieren!" Und freut sich sehr über die Reaktion von Neururer: "Der Trainer hat gesagt: Genau! Das werde ich nie vergessen."

Einen verbalen Fehltritt leistet sich Schalkes Trainer Jupp Heynckes. Über seinen jungen, türkischen Ersatztorwart Volkan Ünlü sagt er: "Der Ünlü ist ja eh ein bisschen kräftiger an den Backen. Dem dürfte der Ramadan ganz gut tun."

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Quelle: n-tv.de

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