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"Ich reiß dir alles ab!": Lauterns Torwart Gerry Ehrmann.
"Ich reiß dir alles ab!": Lauterns Torwart Gerry Ehrmann.(Foto: imago sportfotodienst)
Samstag, 13. Januar 2018

Redelings über die Saison 88/89: Bundesliga brutal: "Ich reiß’ dir die Eier ab!"

Von Ben Redelings

Jung-Trainer Christoph Daum teilt aus: Im "Aktuellen Sportstudio" kommt es zum legendären Showdown mit Jupp Heynckes vom FC Bayern Und auch die Film-Haudegen Bud Spencer und Terence Hill spielen eine Rolle in der Fußball-Bundesliga.

Die neue Saison in der Fußball-Bundesliga ist noch keine 75 Minuten alt, da gibt es am 23. Juli 1988 den ersten großen Aufreger. Uli Stein, der Torwart der Frankfurter Eintracht, verlässt im Münchner Olympiastadion nach dem 1:0 für den FC Bayern durch Klaus Augenthaler das Spielfeld und lehnt sich an die Werbebande. Schiedsrichter Kurt Witke zögert keine Sekunde, eilt zu Stein und zeigt ihm die Gelbe Karte. Stein applaudiert, sieht daraufhin Rot - und ist verzweifelt: "Ich habe nichts gesagt!" Witke entgegnet: "Wir sind dazu angehalten, den Regeln Geltung zu verschaffen!" Irritiertes Staunen allenthalben. Und Eintrachts Trainer Kalli Feldkamp kommentiert süffisant: "Ich glaube nicht, dass der Schiedsrichter wegen der Hitze so schlecht gepfiffen hat. Denn dann dürfte er ja nie mehr pfeifen, wenn die Sonne scheint!"

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Um die Meisterschaft kämpfen in dieser Spielzeit der FC Bayern und der 1. FC Köln. Ab dem 24. Spieltag steigt der Druck auf die Münchner. Nach dem Sieg der Kölner beim Hamburger SV und der Niederlage des Vorjahreszweiten in Mönchengladbach steht der 1. FC Köln in der Tabelle nur noch drei Punkte zurück. Doch was sagt Daum? "Wir sind bis auf einen Punkt dran." Kölns Trainer baut darauf, dass der FC sein Heimspiel am 31. Spieltag gegen die Bayern gewinnt.

Deren Trainer Jupp Heynckes reagiert verschnupft auf so viel Offensivdrang: "Der Daum soll Lotto spielen, da kann er Millionär werden, wenn er alles im Voraus weiß!" Doch Daum lässt sich nicht beirren. Vor dem 2:1 in Bremen am 28. Spieltag schickt er Geschäftsführer Wolfgang Schänzler zur Bank, um 35.000 Mark abzuheben. Es ist die Prämie, die jeder Spieler im Falle des Gewinns der Meisterschaft erhalten soll. Er und sein kongenialen Ko-Trainer Roland Koch kleben die Geldscheine auf eine Pappe und pinnten sie im Besprechungsraum an eine Tafel. Daum zu seinen verblüfften Spielern: "Damit ihr seht, um was es heute geht!"

"Der Daum ist eine billige Lattek-Imitation"

Und seine provokante Strategie scheint aufzugehen: Vor dem Topspiel im Müngersdorf liegen die Kölner nur noch zwei Zähler zurück. Doch dann gewinnt der FC Bayern durch drei Tore von Roland Wohlfahrt mit 3:1 - und wird Deutscher Meister. Doch vor dieser Partie kommt es noch zu einem echten Highlight in 55 Jahren Bundesliga. Es ist eines der legendärsten Gespräche, die je im "Aktuellen Sportstudio" des ZDF stattgefunden haben.

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Das Rededuell zwischen Daum und Udo Lattek auf der einen und Uli Hoeneß und Heynckes auf der anderen Seite geht in die Geschichte ein. Über Wochen hat der Kölner Trainer die Münchner und vor allem Heynckes verbal attackiert. Daum lässt sich zu Äußerungen wie "Heynckes könnte auch Werbung für Schlaftabletten machen" oder "Jeder Wetterbericht ist aussagekräftiger als ein Gespräch mit Heynckes" hinreißen. Als er auch noch sagt: "Die Münchner Journalisten haben mich nach dem Unterschied zwischen Heynckes und einem großen Trainer gefragt", ist Bayerns Manager Uli Hoeneß richtig sauer: "Das Semester der Rhetorik hat der Daum wohl versäumt." Auch Heynckes teilt nach dem ersten Schock kräftig aus: "Der Daum ist eine billige Lattek-Imitation. Er hat zu viel Hafenstraßen- und Kreuzberg-Niveau. Er hätte den Knopf finden müssen, um sich abzustellen, der braucht doch Medikamente gegen Höhenrausch."

"Die sind wie Bud Spencer und Terence Hill"

Nicht nur verbal wird die Bundesliga immer handfester: Bochums Uwe Leifeld liegt fast mehr in Krankenhausbetten als zu Hause im Ehebett. Eine Narbe am Knie musste mit dreißig Stichen genäht werden. Sagt der Arzt zum Stürmer: "Die erinnern dich immer daran, wie viele Punkte der VfL pro Saison braucht." Leifeld klagt vor allem über die Unfairness der gegnerischen Abwehrhaudegen: "Der Emanuel Günther trat mir zweimal mit den Stollen in die Knöchel und sagte dann zu mir: Ich trete dich so klein, dass du nie wieder spielen kannst." Lauterns Torwart Gerry Ehrmann griff ihm in den Schritt und zischte trocken: "Ich reiß dir alles ab!" Besonders harte Jungs seien laut Leifeld aber die Waldhöfer Roland Dickgießer und Dimitrios Tsionanis: "Die sind wie Bud Spencer und Terence Hill. Die hauen auf alles drauf, was sich bewegt. Die wissen, wie sie an den Schienbeinschützern vorbeitreten müssen, um dich zu treffen."

In Bremen herrschen hingegen nicht nur klare Verhältnisse, sondern es darf auch gelacht werden, wie dieser Witz dokumentiert: Werders Vorsitzender Dr. Franz Böhmert meckert Manager Willi Lemke an: "Ein für allemal: Der Präsident bin immer noch ich!" Lemke ganz cool: "Ach ja, und wer schmeißt den Laden hier bei Werder? Ich doch! Das hat mir der liebe Gott persönlich gesagt!" Von der Seite ruft Trainer Otto Rehhagel herein: "Was soll ich gesagt haben?"

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Quelle: n-tv.de