55 Jahre Bundesliga

Redelings über die Saison 87/88 Kondom-Verbot macht die Liga wuschig

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"London"-Werbung - ein Skandal

(Foto: imago sportfotodienst)

Hamburgs Keeper Uli Stein streckt seinen Gegner per Faustschlag nieder, Nationalspieler Frank Mill wird von einer Leuchtrakete getroffen und auf Schalke geht das Licht aus. Zudem sorgt der prüde DFB für einen unvergesslichen Skandal.

Die Saison startet spektakulär. Beim Supercup zwischen Bayern München und dem Hamburger SV (2:1) streckt Keeper Uli Stein den Doppel-Torschützen der Bayern, Jürgen Wegmann, mit einem Faustschlag nieder. Er sieht völlig zu Recht die Rote Karte und wird umgehend vom Hamburger SV entlassen.

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Die Mannschaft der Saison: Werder Bremen

(Foto: imago/WEREK)

Ansonsten ist es die Spielzeit des SV Werder Bremen - vor allem, weil der Erfolg so unerwartet kommt. Eigentlich hat man sich an der Weser auf ein Jahr des Übergangs eingerichtet. Ohne Völler und Pezzey geht man in die neue Saison, und die Zeitungen titeln: "Aus 'Rehhagels Rentnerband' wird 'Rehhagels Rasselbande'." Der Trainer selbst sagt: "Ich baue das Werder-Team der 1990er-Jahre." Und dieser Umbau gelingt schnell. Mit Karl-Heinz Riedle holt man vom Absteiger Blau-Weiß 90 Berlin einen hervorragenden Ersatz für Rudi Völler, und in den eigenen Reihen reifen Gunnar Sauer und Rune Bratseth zu souveränen Abwehrstrategen heran. Bremen kassiert nur 22 Gegentreffer. Auch dank des großartigen Teamgeistes, den Trainer Otto Rehhagel fast poetisch besingt: "Bei uns ist es der Zusammenhalt, der uns so stark macht. Mir nutzen Stars nichts, ich brauche elf Leute. Bei einem Geigenvirtuosen mag das gehen. Aber eine Mannschaft ist wie ein Chor. Wenn da einer einen Kloß in der Kehle hat, kommen schiefe Töne raus."

Fußball-Gott ist kein Schalker

In Köln ist Nachwuchstrainer Christoph Daum mit der Abschluss-Platzierung auf dem dritten Rang sehr zufrieden. Ganz gewieft sagt er: "Wären wir Zweiter geworden, dann gäbe es in der nächsten Saison nur noch eine einzige Steigerung."

In der Winterpause hat das lustige Schalker Original Charly Neumann bereits Muffensausen, was den Klassenerhalt angeht: "Ich muss für Schalke beten. Ich bin ein gläubiger Christ. Trainer und Mannschaft haben alles getan in der Vorbereitung. Jetzt muss uns auch der liebe Gott helfen." Doch der Fußball-Gott ist kein Schalker. Sang- und klanglos steigt man als Tabellenletzter ab. Zusammen mit dem FC Homburg, bei dem schon während der Saison Riesenwirbel herrscht.

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Der FC läuft auf seinen Trikots Werbung für eine Firma ("London"), die Kondome vertreibt. Der DFB ist empört und spricht ein Verbot aus. Offiziell wird vonseiten des DFB erklärt: "Wir sind der Meinung, dass das den Auffassungen von Sitte und Moral zumindest von Teilen der Bevölkerung widerspricht. Aus diesem Grund haben wir uns gegen die Trikotwerbung ausgesprochen." Homburgs Vorsitzender Udo Geitlinger reagiert auf die schüchternen Fragen der Medienvertreter, wie man denn "mit der Sache" umzugehen gedenke, sehr unverkrampft: "Sie meinen die Sache mit den Gummihüten? Die werden wir auch weiter anbehalten." Daraufhin droht der DFB mit einem Punktabzug. Als Homburgs Trainer Cendic das hört, lacht er laut auf: "Was für Punkte wollen die uns eigentlich abziehen?"

Schließlich beugt sich der FC kurzfristig dem Druck des DFB. Homburgs Stadionsprecher Kürten verkündet beim 3:1-Sieg über Schalke: "Unsere Mannschaft spielt heute mit einem schwarzen Balken auf der Brust. Jeder, der die Hauptstadt Englands kennt, weiß, was sich unter diesem Balken verbirgt." Am Ende setzt sich Homburg durch und berichtet, dass "London" auch Schnuller herstelle und sehr fürsorglich einmal im Monat den Eltern im Team ein Päckchen für die Kinder zugeschickt würde. Klar wären da auch immer ein paar Kondome mit dabei, aber, so Präsident Manfred Ommer, das wäre ja eigentlich Quatsch, weil es bei denen schon zu spät sei. Er fügt noch hinzu, dass es eh wichtiger sei, dass "wir in der Abwehr dichtmachen" als im heimischen Bette.

Soldaten sollen Stadien schützen

Und noch etwas beschäftigt die Liga - denn Vollidioten gibt es leider überall. Beim 4:1-Sieg des BVB über Schalke 04 trifft den Dortmunder Frank Mill beim Einlaufen eine Feuerwerksrakete. Verbrennungen zweiten Grades an den Oberschenkeln sind die Folge. "Es hat gebrannt wie Pech und Schwefel", berichtet Frank Mill, der dennoch das letzte Tor an diesem Tag schießt.

In München macht man sich Sorgen um die Sicherheit in den Fußballstadien. Bayern-Präsident Prof. Fritz Scherer hat eine revolutionäre Idee, die allerdings allenthalben für Entsetzen sorgt: Er möchte die Krawalle von Soldaten bekämpfen lassen! Seine Begründung klingt einleuchtend wie bedrohlich: "Das müssen Leute sein, die mit Waffen umgehen können."

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Quelle: n-tv.de