Fußball

Anfällig nicht nur für Atlético Ancelottis FC Bayern tapst in die Falle

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Yannick Carrasco und seine madrilenischen Konter-Künstler ernüchterten die Bayern bereits zum dritten Mal in diesem Jahr.

(Foto: imago/Marca)

Josep Guardiola hat sich mit den Bayern im April bei Atlético Madrid personell verzockt. Sein Nachfolger Carlo Ancelotti will das vermeiden, tappt aber auch in die Falle der "Rojiblancos". Sind die Bayern nur noch eine normale Mannschaft?

Philipp Lahm macht ein schlechtes Spiel. Das klingt wie einer dieser Chuck-Norris-Nonsens-Witze, die in den 90er-Jahren Menschen zum Lachen brachten, obwohl sie kein bisschen lustig waren. Und wenn das Urteil dann doch mal lautet, er habe schlecht gespielt, bedeutet das auf normale Fußballer umgelegt, dass die Leistung immer noch ganz gut war. Wenn aber dieser Lahm den Eindruck hinterlässt, er sei überfordert, ist das im Grunde eine Eilmeldung.

Tor: 1:0 Carrasco (35.)
Bes. Vork.: Griezmann verschießt FE (84.)
Madrid: Oblak - Juanfran, Godin, Savic, Filipe  Luis - Gabi, Saul - Carrasco (72. Gameiro), Koke - Torres (79.  Gaitan), Griezmann (90.+2 Thomas)
München: Neuer - Lahm, Jerome Boateng (62. Hummels), Martinez,  Alaba - Vidal - Alonso, Thiago (66. Kimmich) - Thomas Müller (59.  Robben), Lewandowski, Ribery
Referee: Marciniak Zus.: 48.242
Schüsse: 15:14 Ecken: 4:6
Ballbesitz: 37:63 % Zweikämpfe: 101:88

Stockfehler, Fehlpässe. In Serie. In einem Spiel. In kaum einem Text über Lahm wird so etwas zu lesen sein. Doch dann tritt er an diesem Mittwochabend mit dem FC Bayern bei Atlético Madrid in der Champions League an, zum zweiten Mal in 154 Tagen. Zum zweiten Mal im Vicente Caldéron. Und zum zweiten Mal verlieren die Münchner mit 0:1. Wieder haben sie unerhört viel Ballbesitz. Wieder sind sie optisch überlegen. Und wieder fallen sie auf das zur Perfektion gebrachte Nerv-Pressing-Konter-Spiel der Roijablancos herein.

Im April, im Halbfinal-Hinspiel der Champions League, hatte sich der damalige Bayern-Trainer Josep Guardiola verzockt. Völlig überraschend ließ er in Europas Leidenschafts-Hotspot sein Mentalitätsmonster Thomas Müller auf der Bank. Dem auf maximalen Ballbesitz ausgelegten Spiel seiner Elf fehlte das Überraschungsmoment. Blöd gegen eine Mannschaft, die alles und jeden aus dem Weg verteidigt, die nur mit hohem Tempo und freigeistigen Willkürmomenten zu bezwingen ist. Carlo Ancelotti wollte den Fehler seines Vorgängers nicht wiederholen. Das misslang allerdings gründlich.

Wäre Müller doch nur Müller

Eine gute Viertelstunde sah's so aus, als hätte der Italiener einen prima Plan ertüftelt, um die Ballbesitzverweigerer aus der spanischen Hauptstadt zu entschlüsseln. Zumindest, um ihr so gnadenlos effektives Umschaltspiel erfolgreich zu sabotieren. Und wäre Thomas Müller einfach nur Thomas Müller gewesen, dann wären die Bayern ganz früh in Führung (13.) gegangen. Ein absoluter Edeljoker im Taktikpoker gegen die Spielaufbauphobiker aus Madrid wäre das gewesen. Aber da der Konjunktiv der größte Feind der Realität bleibt, gingen die Bayern nicht in Führung, sondern tappten zunehmend in die Atléti-Falle.

Die pressten entweder ganz früh oder eher spät. Aber spätestens an der Mittellinie wurde es richtig ekelig für die Gäste. Engmaschig, perfekt im Kollektiv verschiebend und gewohnt aggressiv-geschickt verteidigte die Elf von Zeremonienmeister Diego Simeone die eigene Hälfte. Auf den Außenbahnen wurden Franck Ribéry und Müller ganz früh gestellt. In der Zentrale tapste Arturo Vidal im Aufbauspiel von einer Verlegenheit in die nächste und finalisierte seine Leistung mit dem dusseligsten Elfmeter der jüngeren Klubgeschichte. Aber auch Ballstreichler Thiago schmeckte die innige, körperliche Fürsorge seiner ihm zugeteilten Bewacher nach gutem Beginn zunehmend weniger. Und dennoch: Ballbesitz, klar. Ein paar Chancen, okay. Aber sonst? Kaum etwas. Eigentlich nichts.

Auch die Abwehr bockt

Fehlervermeidungsfußball. Unkreativ. Berechenbar. Und wenn's doch mal ins Risiko ging, war der Ball meist ratzfatz wieder weg. Intelligent, technisch fein und berauscht vom eigenen Tempo stürmte die madrilenische Konter-Crew auf die Bayern-Abwehr zu. Wuchtig, vehement. Schwer zu verteidigen. Und bei Ballverlust sofort wieder im giftigen Gegenpressing. Nicht nur den Münchener Kreativkräften ging das auf den Senkel. Auch die sonst so stoisch-fehlerfreien Abwehrspieler sorgten regelmäßig für Klärungsmist. An allen voran halt Lahm, der den hibbeligen Torschützen Yannick Carrasco nie beruhigen konnte.

Freilich taugt dieses Spiel nicht, um den Ancelotti-Bayern endgültig die technisch-taktisch perfekt inszenierte Übermacht (bis hinein ins Champions-League-Halbfinale) der Guardiola-Jahre abzusprechen, doch die Bayern sind anfälliger geworden. Das Spiel nicht mehr so stabil. In der Bundesliga war das bereits schon auf Schalke und daheim gegen Ingolstadt auffällig geworden. Das mag, wie Thomas Müller sagt, an den Veränderungen durch den Trainerwechsel liegen, es kann aber auch sein, was die "Zeit" urteilt: Die Bayern sind nur noch eine ganz normale Fußball-Mannschaft. Klingt irgendwie auch wie einer diese Chuck-Norris-Nonsens-Witze. Nur lacht niemand. Und Philipp Lahm hat ein schlechtes Spiel gemacht. Aber es ist ja noch früh in der Saison.

Quelle: n-tv.de

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