Fußball

FC Bayern fühlt sich verhöhnt Aufreizendes Leipzig lernt für Königsklasse

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"Es war aufreizend. Das muss man schon sagen. Vielleicht hätten sie das lieber sein lassen sollen": Thomas Müller feiert mit seinen Kollegen den Sieg in Leipzig.

(Foto: imago/Camera 4)

Es ist ein Spektakel wie bei einem Jahrhundertkampf im Schwergewichtsboxen. Am Ende triumphiert der FC Bayern und erteilt RB Leipzig eine Lehre. Die Leipziger ahnen nun, was sie in der Champions League erwartet.

Den Trikottausch mit dem FC Bayern musste Stefan Ilsanker nachholen. Gut eine halbe Stunde nach dem 4:5 (2:1) im Spektakelspiel gegen den Rekordmeister trug Leipzigs Defensivallrounder sein Jersey mit der Nummer 13 in die Kabine der Münchner. Denn das Trikot, das er auf dem Feld getragen hatte, hatte er nach dem Schlusspfiff zerrissen, so wie das Diskuswerfer Robert Harting immer nach Siegen tat - allerdings nicht aus überschäumender Euphorie, sondern aus Wut. Ilsanker und sein Abwehrkollege Marvin Compper hätten den Siegtreffer der Münchner zum 5:4 durch Arjen Robben in der fünften (!) Minute der Nachspielzeit durch ein Foul verhindern können.

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Sauer: Leipzigs Stefan Ilsanker.

(Foto: imago/Picture Point LE)

Doch RB Leipzig war in den letzten zehn Minuten dieses furiosen Spiels am vorletzten Saisonspieltag der Fußball-Bundesliga unter dem Druck des Deutschen Meisters zusammengebrochen, nicht mehr Herr seiner Sinne und wurde einfach ausgekontert. In diesem so offenen und aufregenden Schlagabtausch wie bei einem Jahrhundertkampf im Schwergewichtsboxen hatte der Newcomer lange ausgesehen wie der sichere Sieger; Routinier Bayern München drohte nach dem demütigenden 4:2 durch Timo Werner (65.) per Beinschuss gegen Bayerns Ersatzkeeper Tom Starke vorzeitig ausgeknockt zu werden. Doch am Ende war es doch das Team von Trainer Carlo Ancelotti, das die Leipziger mit drei Toren in zehn Minuten - inklusive Nachspielzeit - auf die Bretter schickte. Eine epische Partie völlig ohne Fesseln, die so wohl nur zustande kommt, wenn beide Teams frei aufspielen können und dennoch jede Menge Prestige im Spiel ist.

Nachdem RB Leipzig 80 Minuten lang fast alles richtig gemacht hatte, vor allem die optimale Balance zwischen Ballbesitz- und Konterspiel gefunden hatte, fasste Leipzigs Trainer Ralph Hasenhüttl die letzten 15 Minuten so zusammen: "Viele Freistöße gegen uns, die man schwer verteidigen kann, ein Schuss in den Winkel, der nicht zu halten ist, eine Nachspielzeit, die wir bis jetzt in dem Stadion noch nicht hatten und die Qualität des Gegners, der unsere Fehler ausgenutzt hat." Nachdem er die Offensiv-Leistungsträger Timo Werner, Yussuf Poulsen und Marcel Sabitzer vom Platz genommen hatte, sei sein Team "nicht mehr so in die Zweikämpfe gekommen, wir haben sie nicht mehr stoppen können", bekannte er selbstkritisch.

"Das war unglaublich, Spektakel pur"

So vermieste das Ergebnis den betrübten Leipziger Spielern zwar die anschließende Party auf der Festwiese; 18.000 Leute kamen dennoch, um Rang zwei zu feiern, der den Rasenballsportlern nun nicht mehr zu nehmen ist. Doch Hasenhüttl hatte sich nur ganz kurz über die hergeschenkte Partie geärgert. "So ein Spiel, in dem es auf und ab ging, eine Chance nach der anderen, Pfostenschuss hier, Tor da, das war unglaublich, Spektakel pur", schwärmte der Fußballlehrer. "Auch ohne Punktgewinn ein unglaubliches Erlebnis." Sportdirektor Ralf Rangnick hatte das Spiel zuvor als ersten Champions-League-Test ausgerufen.

Und auch wenn beide Teams ein Spiel in der Königsklasse nie und nimmer derart enthemmt offensiv angehen würden, konnte RB Leipzig in der Tat einiges für die neue Saison lernen. "Auf diesem Niveau ist ein Zwei-Tore-Vorsprung eine Viertelstunde vor Schluss eben nicht gleichzusetzen mit Punktgewinn", mahnte Hasenhüttl. "Da sind wir noch ein bisschen zu blauäugig und zu naiv. Wir haben in dieser Phase des Spiels Fehler gemacht, die wir in den 75 Minuten davor nicht gemacht haben." Vor dem Hintergrund, dass Bayerns Präsident Uli Hoeneß den Leipzigern unter der Woche entgegen ihrer Transfer-Philosophie erfahrenere Spieler empfohlen hatte, durchaus pikant. Stürmer Poulsen berichtete, dass die Mannschaft nach dem Anschlusstreffer zum 3:4 durch Robert Lewandowski (84.) "das Vertrauen ein bisschen verloren" habe. "Das ist der nächste Schritt, den wir machen müssen, dass wir uns unser Spiel auch in der 80. Minute zutrauen. Das können wir, das müssen wir einfach machen."

Und noch eine Kleinigkeit sollte RB Leipzig eine Lehre sein. Zu Beginn der zweiten Hälfte, als es 3:1 stand, spielten sich die Leipziger die Bälle im Dreieck zu wie im Training; die Zuschauer feierten jede Ballberührung - dem FC Bayern muss das vorgekommen sein wie eine Verhöhnung. Darauf angesprochen sagte der eingewechselte Thomas Müller: "Es war aufreizend. Das muss man schon sagen. Vielleicht hätten sie das lieber sein lassen sollen. Man kanns ihnen nicht verdenken, aber es hat sich gerächt." Ein in die Zukunft gerichtetes Lob für die Leipziger gab es vom großen Stoiker der Trainerzunft. Carlo Ancelotti hatte diese Partie nicht sonderlich aus der Fassung gebracht. Die linke Braue etwas hochgezogen, sagte er: "Für RB Leipzig ist es nur der Start einer fantastischen Periode, weil die Mannschaft jung ist und sie sehr motiviert ist." Und: "Die Leistung in der nächsten Saison zu bestätigen, wird kompliziert, aber sie haben die Qualität und Organisation, im nächsten Jahr wieder gut abzuschneiden."

Am Ende dieses torreichsten Pflichtspiels von RB Leipzig seit dem 8:2-Sieg gegen den SV Wilhelmshaven in der Regionalliga 2012 konnte sein Kollege Ralph Hasenhüttl der Niederlage sogar bereits Gutes abgewinnen. "Wir haben gezeigt, dass wir viel näher herangerückt sind", sagte der 49-Jährige. "Gleich am Anfang alles zu bekommen, muss nicht sein. Vielleicht war es ganz gut, dass wir noch nicht gegen Bayern gewonnen haben." Zuvor hatte er kämpferisch mit Blick auf die neue Saison angekündigt: "Wir kommen wieder, und dann guck mer mal."

Quelle: n-tv.de