Fußball

Wenn der Kaiser Märchen erzählt Beckenbauer klärt in WM-Affäre nichts auf

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Hinterläst Rätsel: Franz Beckenbauer.

(Foto: AP)

Nach Franz Beckenbauers überfälliger Erklärung zur WM-Affäre geht das Rätselraten über die Hintergründe weiter. Kronzeuge Theo Zwanziger präsentiert unterdessen neue Hinweise auf Korruption, hat dabei aber schon wieder selbst buchstäblich die Finger im Spiel.

Franz Beckenbauers Erklärung zur WM-Affäre erinnert ans Märchen von des Kaisers neuen Kleidern. Durch die aufsehenerregende Stellungnahme des WM-Chefs zu den ungeklärten Millionen-Zahlungen rund um die Organisation der Fußball-WM 2006 ist, auch wenn die Lichtgestalt für einen "Fehler" die Verantwortung übernahm, nur eines klar: nichts. Im Gegenteil - Beckenbauers "Geständnis" hat das Rätselraten noch weiter angeheizt, weil nunmehr sogar bisher als gesichert angesehene Vorgänge wieder infrage stehen.

Die Verwirrung vergrößerte außerdem Theo Zwanziger. Der frühere Präsident des Deutschen Fußball-Bundes legte in der "Bild"-Zeitung Spuren der angeblich "schwarzen Kassen" bei der WM-Bewerbung zum früheren Fifa-Vermarktungspartner ISL und dem verstorbenen Exekutivmitglied Charles Dempsey aus Neuseeland - erneut allerdings ohne stichhaltige Beweise. Unterdessen begann die Debatte über Auswirkungen der Affäre. Die Bundestags-Sportausschussvorsitzende Dagmar Freitag (SPD) setzte im WDR-Fernsehen ein Fragezeichen hinter die Unterstützung der Politik für die DFB-Kandidatur als Gastgeber der EM-Endrunde 2024: "Ich denke nur an das Thema Steuerbefreiungen, die erteilt werden müssen. Bestimmte Großereignisse werden tatsächlich nur vergeben, wenn vorher entsprechende Bundesgarantien auch gegeben werden. Aber im Moment schauen wir natürlich, was den Fußball angeht, schon besonders genau hin."

"Wie groß wird der Schaden noch?"

Beckenbauers insgesamt enttäuschende Erklärung vom Montagabend nach seiner laut "Bild" vierstündigen Aussage bei den externen DFB-Ermittlern in München blieb etwas überraschend zunächst ohne jegliches Echo. Faktisch hat der Kaiser allerdings auch keinerlei Licht ins Dunkel gebracht, sondern bestenfalls die Darstellungen von DFB-Chef Wolfgang Niersbach aus der Vorwoche in weiten Teilen bestätigt. Kein Wort hingegen zu seinen persönlichen Beteiligungen an Absprachen mit Vertretern des Weltverbandes Fifa und/oder - Stichwort Schuldschein - dem früheren adidas-Chef Robert Louis-Dreyfus. Umso leichter konnte sich Zwanziger auf der freien Bühne wieder in seiner neuen Lieblingsrolle als Kronzeuge inszenieren. Seiner angeblichen Einschätzung gegenüber der "Bild"-Zeitung zufolge lässt sich aufgrund der Akten zum ISL-Skandal eine mutmaßliche Bestechung von Dempsey vor der Abstimmung der Fifa-Exekutive über den WM-Gastgeber 2006 ableiten.

Die von Zwanziger vorgelegten Papiere umfassen eine mutmaßliche Auflistung einer Zahlung noch einen Tag vor der WM-Entscheidung über 250.000 Dollar. Für den möglichen Empfänger soll das Kürzel E16 eingetragen sein, den Eintrag hat Zwanziger laut Bild handschriftlich mit der Notiz "Dempsey!" versehen. Dempsey hatte 2000 bei der Stichwahl zwischen Deutschland und Südafrika (12:11) ohne Angabe von Gründen den Raum verlassen. Mehr als seine Notiz lieferte Zwanziger als Beweis für seinen behaupteten "Schmiergeldteppich" jedoch nicht. Zur Auflösung der ungeklärten OK-Zahlung von 6,7 Millionen Euro aus dem Jahr 2005 an die Fifa würden außerdem noch gut 6,5 Millionen Euro fehlen. Auch das angebliche ISL-Interesse an einer Manipulation im Sinne Deutschlands und eine mutmaßliche Verbindung zu den deutschen WM-Machern wird von Zwanziger nicht nachvollziehbar dargestellt. Auch weil auf Verbandsebene wenig Ergebnisse der bisherigen Aufklärungsbemühungen erkennbar sind, erhöhte die Sportausschuss-Vorsitzende Freitag im WDR-Magazin "sport inside" den Druck auf die Funktionärskaste. "Insbesondere im Kontext mit den Bewerbungen um internationale Großereignisse kommt die Politik ja auch ins Spiel. Das ist immer im Einzelfall zu beurteilen", sagte die 62-Jährige ausdrücklich zu den DFB-Ambitionen auf die Gastgeberrolle beim EM-Turnier 2024.

Freitag forderte zudem erneut gänzlich unabhängige Untersuchungen: "Ich sage seit Jahren, dass ich große Zweifel an den Selbstreinigungskräften des Sports habe. Insbesondere im Fall des DFB sind viele der heute handelnden Personen ja auch in der Vergangenheit mit der Thematik befasst gewesen, direkt involviert gewesen, und ich glaube, dann wäre es gut, wenn Externe einen Blick darauf werfen." Beim Bezahlsender Sky verdeutlichte die Sportpolitikerin die Auswirkungen der Affäre auf internationaler Ebene: "Ich bin der vergangenen Woche dienstlich in den USA gewesen. Das spielt auch im Ausland offensichtlich eine große Rolle. Der Schaden ist da, und die Frage ist für mich eigentlich nur: Wie groß wird er noch?"

Quelle: n-tv.de, Dietmar Kramer, sid

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