Fußball

Mit kleinen Mitteln nach oben Bei Arminia fliegt jetzt niemand mehr raus

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Fabian Klos ist nach einem langen Weg endlich in der Bundesliga angekommen.

(Foto: imago images/Dünhölter SportPresseFoto)

Arminia Bielefeld steigt nach einer beeindruckenden Saison vorzeitig aus der 2. Fußball-Bundesliga auf, während sich die Großklubs HSV und VfB Stuttgart von einer Verlegenheit zur nächsten hangeln. Die Westfalen marschieren vom ersten Tag an - weil die Wahl der Mittel eine ganz andere ist.

Eigentlich war am Montagabend ja schon alles klar. Rund 200 Arminia-Fans feierten vor der Bielefelder Alm mit rot qualmenden Bengalos und Jubelgesängen den Aufstieg. Arminia Bielefeld spielt in der nächsten Saison erstmals seit elf Jahren wieder Fußball in der 1. Bundesliga. "Wer jetzt noch daran zweifelt, den schmeiß ich raus", jubelte Trainer Uwe Neuhaus schon nach dem 4:0 gegen Dynamo Dresden, da war der Aufstieg rechnerisch noch nicht unter Dach und Fach. Rausschmeißen muss er nun keinen mehr. Der Aufstieg in sportlicher Abwesenheit ist fix - weil Konkurrent Hamburg gegen Osnabrück nicht über ein 1:1 hinauskam.

Rausschmeißen hätte Neuhaus vermutlich ohnehin keinen seiner Aufstiegshelden wollen. Nicht Fabian Klos, nicht Andreas Voglsammer, nicht Amos Pieper. Auf einen muss er demnächst dennoch verzichten. Auf Mittelfeldspieler Jonathan Clauss. Der 27-Jährige wird in der kommenden Saison für den französischen Ligue-1-Aufsteiger RC Lens spielen. Warum, das zeigte er unter anderem noch einmal gegen Dresden, als er einen langen Ball von Hartel mit rechts annahm und mit links - aus 18 Metern - über Dynamo-Torwart Broll hinweg ins Tor lupfte.

Und das, nachdem er vor fünf Jahren noch in der Oberliga gekickt hatte. Bielefeld holte den Flügelspieler 2018 aus der dritten französischen Liga. Unter Neuhaus rückte Clauss von der Rechtsverteidiger-Position in die Offensive und wusste schnell zu überzeugen. Im von Neuhaus bevorzugten 4-3-3-System fand sich der Franzose meist auf dem Flügel wieder. In der Rückwärtsbewegung bildeten die beiden offensiven Außenpositionen gemeinsam mit dem Mittelfeld-Zentrum eine kompakte Fünferkette. Verteidigen fängt bei Neuhaus vorne an.

"Die beiden treffen schon"

Als größtes Plus der Aufstiegshelden sieht ntv-Fußballexperte Steffen Freund die Chemie innerhalb der Mannschaft, hebt mit den beiden Stürmern Klos und Voglsammer aber dennoch zwei Spieler heraus. "Wenn du dann mal 1:0 in Rückstand bist, dann weißt du, die beiden treffen schon. Dann machen wir noch ein Unentschieden draus, oder andersrum: Stehst du gut in der Defensive, machst du dann schon das entscheidende Tor."

Klos, Clauss und Voglsammer statt Gomez, Harnik und Hunt. Klangvolle Namen weichen vermeintlichen "No Names". Fabian Klos ist einer der besten Zweitligastürmer der letzten Jahre: 19 Tore in 30 Spielen der Saison 2019/20, dazu neun Torvorlagen. In seinem ersten Seniorenjahr spielte der Arminia-Kapitän noch in der Kreisliga, beim SV Meinersen-Ahnsen-Päse. Über den Oberligisten MTV Gifhorn landete Klos 2009 bei der zweiten Mannschaft des VfL Wolfsburg. Zwei Jahre später folgte der Wechsel auf die Bielefelder Alm. Damals war er 24 Jahre alt. Ein Nachwuchsleistungszentrum hat der heute 32-Jährige nie besucht.

Die Karrierewege von Clauss und Klos sind sinnbildlich für die Bielefelder Transferpolitik. Im Vordergrund steht das Entwicklungspotenzial - und das muss nicht viel kosten. Innenverteidiger Amos Pieper wechselte in der vergangenen Saison für 50.000 Euro aus der Reserve von Borussia Dortmund nach Ostwestfalen. Nils Seufert kam im selben Jahr ablösefrei aus Kaiserslautern. Steffen Freund sieht bei Aufsteiger Bielefeld Parallelen zu Union Berlin, die den Klassenerhalt in der Bundesliga geschafft haben. "Die haben mit Gentner und Subotic zwei erfahrene Bundesligaspieler geholt, aber sonst das Team ganz gut zusammengehalten. Das kann ich mir von Arminia Bielefeld auch gut vorstellen."

Neuhaus war Dortmunds Meister-Assistent

Ob Kirmes, Schützenfest oder Fußball, Ostwestfalen können feiern, weiß ntv-Fußballexperte Marco Hagemann. Aufgewachsen, südöstlich von Bielefeld, in Schloß Holte-Stukenbrock hat er Arminia-Größen wie Ernst Middendorp, Markus Schuler, Artur Wichniarek, Fatmir Vata oder Patrick Owomoyela erlebt. Auf die Frage, wer für ihn Arminia sei, antwortet Hagemann: Ansgar Brinkmann! Der weiße Brasilianer, einer der letzten deutschen Straßenfußballer. 2002 stieg dieser mit Bielefeld in die 1. Liga auf. Im selben Jahr wurde Borussia Dortmund deutscher Meister.

Trainer damals war Matthias Sammer, sein Assistent: Uwe Neuhaus. Der jetzt, achtzehn Jahre später, erstmals als Chefcoach einen Bundesligisten betreuen wird. "Ohne ihn persönlich zu kennen, finde ich, dass er perfekt nach Bielefeld passt. Ein Top-Trainer, der eine unfassbare Ruhe ausstrahlt und Spieler besser macht", lobt Hagemann.

Uwe Neuhaus hat es geschafft, in anderthalb Jahren ein Team zu formen, das vor allem eine Sache auszeichnet: nicht zu verlieren. Lediglich zweimal gingen die Arminen in dieser Saison leer aus. Besonders bemerkenswert ist die Balance zwischen Abwehr und Angriff. Beim Torverhältnis die Nummer eins, die wenigsten Gegentore der Liga, nur der Hamburger SV traf öfter. Eine Saison der Superlative endet mit dem achten Bundesliga-Aufstieg der Vereinsgeschichte. Unterm Strich sind die Bielefelder jetzt, gemeinsam mit dem 1. FC Nürnberg, Rekordaufsteiger. Den jubelnden Arminia-Fans mit den leuchtenden Bengalos war das schon am Montagabend klar.

Quelle: ntv.de