Fußball

Stepanovic im Interview "Benfica ist keine Laufkundschaft"

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Fiebert immer noch mit "seiner" Frankfurter Eintracht mit: Dragoslav "Stepi" Stepanovic, (hier 1996).

Eintracht Frankfurt ist die Überraschung der Saison: seit 15 Pflichtspielen ungeschlagen, in der Bundesliga auf Champions-League-Kurs, in der Europa League noch nicht verloren. Nun wartet Benfica Lissabon. Ein Selbstläufer für die "Büffelherde"? Kult-Coach Dragoslav "Stepi" Stepanovic warnt, ist dennoch voller Euphorie, sagt n-tv.de im Interview aber auch, wie es noch besser geht.

n-tv.de: Herr Stepanovic, auf Sie geht der "Fußball 2000" zurück, den die Frankfurter Eintracht Anfang/Mitte der 1990er gespielt hat mit Größen wie Anthony Yeboah, Jay-Jay Okocha, Uwe Bein und Andreas Möller. Wie würden Sie den Fußball der heutigen Eintracht bezeichnen?

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Das waren noch Typen: Dragoslav Stepanovic 1978, als er als Spieler zur Eintracht in die Bundesliga gewechselt ist. In den 1990ern war er zwei Mal Trainer der SGE.

(Foto: imago sportfotodienst)

Dragoslav Stepanovic: Fußball 2000 plus! Es ist eine Weiterentwicklung, für die der ganze Verein gesorgt hat, von den Spielern selbst, über den Trainer, das Scouting bis hin zum Management und Vorstand.

Was zeichnet den "Fußball 2000 plus" aus? Wo liegen seine Stärken?

Der Offensivblock ist die große Stärke. Normal musst du als gegnerische Verteidigung auf ein bis zwei Stürmer aufpassen, bei der Eintracht hast du plötzlich drei - brandgefährliche noch dazu: Ante Rebic, Luka Jovic, Sebastian Haller. Aber dahinter steht dann auch noch ein Mijat Gacinovic. Da kommen von außen Filip Kostic und Danny da Costa. Die musst du alle auf dem Zettel haben, weißt aber auch, dass das eigentlich nicht oder nur schwer machbar ist.

Ist das der beste Sturm, den die Eintracht in ihrer mehr als 120-jährigen Geschichte je hatte?

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Kostic, Rebic, Haller und Jovic - die Frankfurter Traumoffensive.

(Foto: picture alliance/dpa)

Die Zeiten haben sich geändert, ein Vergleich ist daher schwierig. Aber ich sage es mal so: Die drei - Rebic, Jovic und Haller - sind schon ein absoluter Kracher! Und wenn man bedenkt, dass ein Jovic erst am Anfang seiner Karriere steht: Wahnsinn! Am Ende der Saison wird man sehen, was rumgekommen ist: ein Champions-League-Platz vielleicht. Europapokalsieg? Wer weiß. Aber auch ein Titel hilft, um in die Geschichte als bester Sturm einzugehen. Ganz klar. Aber: Es ginge natürlich auch noch besser.

Inwiefern?

Zu meiner Zeit als Eintracht-Trainer gab es einen Uwe Bein. Gacinovic ist zwar stark, aber an einen Bein kommt er nicht heran. So einen bräuchte die Eintracht noch, seine ruhige Art, seine Genialität! Auf der Position sehe ich zumindest noch Luft nach oben.

Haben Sie da einen Wunschspieler?

James von den Bayern oder den Schweden Forsberg aus Leipzig (lacht). Aber die sind beide für die Eintracht viel zu teuer, nicht zu bezahlen.

Zurück zu denen, die bereits da sind: Was zeichnet Rebic, Jovic und Haller jeweils aus?

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Zum Fürchten? Vize-Weltmeister Rebic beim Training vor dem Spiel in Donezk bei um die zehn Grad Minus.

(Foto: picture alliance/dpa)

Rebic spielt mit Power, mit Schnelligkeit. Jovic ist der Knipser, mit Technik, steht zur richtigen Zeit am richtigen Ort. Und Haller sichert die Bälle, verteilt sie, ist der Kopfballstärkste der drei.

Und gemeinsam?

Die schwere Ausrechenbarkeit. Und dann hast du da auch drei Stürmer, die nicht aufs eigene Ego schauen, sondern den Blick auch immer für den besser postierten Mitspieler haben. So etwas ist extrem selten, vor allem, wenn du gleich drei Stürmer dieser Klasse hast.

Also keine Starallüren wie einst zu den Zeiten der "launischen Diva vom Main"?

Ganz genau! Das kann man der jeweiligen Verpflichtung der Spieler nur erahnen, aber ich denke, dass auch die gesamte Mannschaft samt Trainerteam darauf achtet, dass da keiner abhebt. Und die Mannschaft an sich ist eben auch ein Team. Da hast du 17 verschiedene Nationalitäten, aber auf dem Platz steht immer ein Team. Das ist stark! Da kämpft jeder für jeden - und das macht dann auch den einzelnen Spieler am Ende besser, bringt ihn weiter nach vorn.  

Die Eintracht zeichnet also auch aus, dass sie eine perfekt aufeinander abgestimmte, eingespielte Mannschaft ist. Dazu gehören natürlich auch die Abwehr und Torwart ...

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Von PSG derzeit nur ausgeliehen: Nationaltorwart Kevin Trapp.

(Foto: picture alliance/dpa)

Absolut. Ein Kevin Trapp hinten drin gibt Sicherheit. Die Mannschaft weiß, der hält auch mal Unhaltbare. Dann hast du einen Makoto Hasebe, der Typ ist 34! Und spielt wahrscheinlich die beste Saison seines Lebens. Und Martin Hinteregger, der im Winter gekommen ist, den habe ich ebenfalls noch nie so gut spielen sehen wie bei der Eintracht. Wenn du solche Spielertypen neben dir hast, kannst du auch als jüngerer, unerfahrener Spieler wie Evan N'Dicka stark auftrumpfen. Der Lauf, den die Eintracht derzeit hat, noch ungeschlagen 2019, hilft da natürlich auch, sorgt für Selbstvertrauen. Da geht dann einiges wie von selbst. Und wir alle wissen: Der Sturm gewinnt die Spiele, aber die Abwehr holt die Titel! (lacht)

Apropos Titel: Im Viertelfinale der Europa League wartet nun Benfica Lissabon, derzeit Tabellenführer in Portugal zwar, aber es hätte die Eintracht auch härter treffen können ...

Benfica ist keine Laufkundschaft! Das ist ein ganz großer europäischer Verein, der viele Titel gewonnen hat, auch wenn die ganz großen schon etwas zurückliegen. Ich glaube, dass sich der portugiesische Fußball im Aufwärtstrend befindet. Die Nationalelf ist Europameister, das darf man nicht vergessen! Und dann steht mit Porto eine Mannschaft im Champions-League-Viertelfinale - und keine deutsche. Unterschätzen darf die Eintracht Benfica also nicht. Aber das wird sie auch nicht, da bin ich mir sicher.

Worauf wird es ankommen?

Ich denke, am Ende wird auf diesem Niveau der letzten acht Teams die Tagesform entscheiden. Jeder kleine Fehler, jede Unachtsamkeit kann das Aus bedeuten. Umgekehrt gilt: Jede Torchance muss genutzt werden! Also hochkonzentriert sein. Darauf kommt es an für die Eintracht.

Welche Rolle spielt die Tatsache, dass Frankfurt zuerst in Lissabon antreten muss und das Rückspiel dann in der heimischen Arena, vor den eigenen Fans spielt?

Ich habe einmal mit Leverkusen bei Benfica gespielt, das Stadion ist ein Hexenkessel, immer ausverkauft, 65.000 Fans. Das wird kein einfaches Spiel. Aber mit einem guten Ergebnis kann die Eintracht zu Hause den Sack zumachen. Ich denke deshalb, dass auswärts zuerst zu spielen ein Vorteil für die Eintracht ist. Wobei man auf diesem Niveau, im Viertelfinale der Europa League, in beiden Spielen glänzen muss und das Zeug dazu hat die Eintracht, hat sich die Mannschaft in den vergangenen Wochen und Monaten erspielt. Die werden mit breiter Brust, voller Selbstvertrauen in Lissabon auftreten, da bin ich mir sicher!

Ist Benficas Topstürmer, der ehemalige Eintrachtler Haris Seferovic, ein Faktor?

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Scheint derzeit in der Form seines Lebens zu sein: Benfica-Stürmer Haris Seferovic.

(Foto: picture alliance / Peter Klaunze)

Ich meine, die Abwehr muss ihn auf dem Zettel haben. Der hat bei der Eintracht sein Potenzial immer mal wieder gezeigt. Macht er eine seiner Chancen im Endspiel gegen Borussia Dortmund rein, wäre die Eintracht schon 2017 Pokalsieger geworden. Aber erst bei Benfica ist er so richtig aufgeblüht, führt die Torjägerliste in der portugiesischen Liga an. Er dürfte auch topmotiviert gegen sein altes Team spielen. Was das bedeutet, hat Kostic mit seinen beiden Toren gegen Stuttgart gezeigt. Aber: Seferovic ist nur ein Stürmer, die Eintracht hat von diesem Kaliber momentan drei.

Und Frankfurt hat noch Adi Hütter auf der Trainerbank ...

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Adi Hütter wurde als Trainer bereits Meister in Österreich und der Schweiz.

(Foto: picture alliance/dpa)

Ja, aber von der Trainerbank kann man keine Tore schießen (lacht). Im Ernst: Die Eintracht stünde ohne Hütter nicht da, wo sie jetzt steht. Auch unter Niko Kovac gab es schon Rebic, Jovic und Haller. Aber erst Hütter hat die drei gemeinsam spielen lassen. Und er hat ein Händchen fürs Team! Wenn du in zwei Wettbewerben - im DFB-Pokal ist die Eintracht ja früh gescheitert - weit kommen willst, musst du rotieren, Spielern mal Ruhepausen gönnen. Aber gleichzeitig kannst du dadurch auch anderen zeigen, dass sie zum Team gehören, ein wichtiger Bestandteil der Mannschaft sind. Da ist Fingerspitzengefühl gefragt und Hütter scheint mit seinem gesamten Team ein Händchen dafür zu haben. Wobei auch klar ist: Spielst du erfolgreich und stehst oben in der Tabelle, ist alles einfacher! (lacht)

Apropos einfach: Wie lauten Ihre Tipps für die beiden Viertelfinalspiele?

1:1 in Lissabon und dann ein 2:0 zu Hause.

Also mindestens Halbfinale für die Eintracht?

Die Eintracht kann das schaffen! Das Gleiche gilt für den Champions-League-Platz in der Bundesliga. Ich wünsche Frankfurt das auch, dem Team, dem Verein, der Stadt, den Fans vor allem. Alle haben das verdient!

Nächste Saison in der Champions League zu spielen würde sicher auch helfen, den einen oder anderen bisher ausgeliehenen Spieler fest zu verpflichten und die "Büffelherde" weiter in Frankfurt grasen zu lassen.

Ja, klar hilft das. Wenn ich Champions League spielen kann, warum sollte ein Spieler dann die Eintracht verlassen wollen?

Geld spielt da sicher eine Rolle.

Ja, aber Rebic und Haller haben einen Vertrag, spielen derzeit so stark wie nie zuvor. Das Gleiche gilt für Jovic.

Aber da locken mit dem FC Barcelona und Real Madrid zwei absolute Schwergewichte.

Stimmt schon. Aber Jovic ist 21, spielt seine erste wirklich gute Saison, auch weil er im Gegensatz zu seiner Benfica-Zeit verletzungsfrei ist. Er ist einer der Topstars der Bundesliga, ein Aushängeschild von Eintracht Frankfurt, absoluter Stammspieler, von Hütter gesetzt. Bei Barça und Real muss er sich erst durchkämpfen, ist einer von vielen, kann auch auf der Bank landen. Das kann für einen jungen Spieler auch einen Karriereknick bedeuten.

Wenn Sie Jovic' Berater wären, was würden Sie ihm raten?

Ganz klar: Junge, bleib' mindestens noch ein Jahr bei der Eintracht! Bestätige in der kommenden Saison deine bisherigen Leistungen, entwickle dich weiter - hoffentlich in der Champions League. Zu Barça oder Real oder nach England kannst du auch mit 22 oder 23 noch.

Mit Dragoslav Stepanovic sprach Thomas Badtke

Quelle: n-tv.de

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