Fußball

Pyro, Platzsturm, Union-Party Chaoten stören das Berlin-Derby

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Hertha-Fans zünden Bengalos und Feuerwerk.

(Foto: imago images/Bernd König)

Vermummte Unterstützer von Union Berlin und Hertha BSC sorgen dafür, dass beim ersten Erstliga-Derby beider Klubs das Sportliche in den Hintergrund gerät. Raketen aus dem Hertha-Block verletzen einen Fan, Union-Ultras stürmen den Platz. Nur der eigene Torwart kan sie aufhalten.

"Stadtmeister - Berlins Nummer eins", schallt es aus dem Union-Block. "Unioner komm' aus Köpenick, Herthaner aus Berlin", singen die Gäste. Häme und Neckereien wie sie ein Derby braucht. Schon eine Stunde vor dem ersten Duell in der Fußball-Bundesliga vom 1. FC Union Berlin und Hertha BSC glänzen die Fans mit lautstarken Gesängen im mit 22.012 Zuschauern ausverkauften Stadion zur Alten Försterei. Zum Anpfiff präsentieren beide Blöcke Sprechchöre: "Spreeathen ist weiß und rot", heißt es bei den Eisernen, während die Blau-Weißen eine überdimensionale Alte Dame Hertha ausrollen und skandieren: "Es gibt nur ein Berlin und das ist mein Berlin." Es ist ein stetiger Wettbewerb, die Anhänger des Gegners zu übertrumpfen. Ein Wettbewerb zweier Fanlager, die vor nicht allzu langer Zeit mal befreundet waren, der völlig aus dem Ruder gerät an diesem Abend.

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Sebastian Polter trifft und die Alte Försterei bebt.

(Foto: dpa)

Besonders in der in ersten Halbzeit findet auf dem Rasen wenig Nennenswertes statt. Derby-Krampf statt "Spektakel", wie Herthas Coach Ante Covic die vergangenen Auftritte seiner Mannschaft beschrieben hatte. Union beginnt mit einer Großchance an den Pfosten, ansonsten verteidigen beide Teams aggressiv, können aber nach vorne kaum etwas ausrichten. Dann bringt Dedryck Boyata in der 87. Minute Christian Gentner ungestüm zu Fall.

Elfmeter. Videobeweis. Ein einziges Mal sind sich die Fanlager einig: "Ihr macht unseren Sport kaputt" und "Fußballmafia DFB" singen sie. Sebastian Polter steht in den drei Minuten, in denen Schiedsrichter Deniz Aytekin mit Köln kommuniziert und sich die Szene auf dem Bildschirm anschaut, mit dem Ball im Arm am Elferpunkt und blickt entschlossen zu den eigenen Fans. Er wird heute nicht verschießen, das ist klar. Polter trifft und die Alte Försterei bebt.

"Raketen aufs Spielfeld? Ich glaub', es hackt"

Ansonsten gilt an diesem Abend aber: mehr Feuer auf den Rängen als auf dem Spielfeld. Sprichwörtlich. Schon nach wenigen Minuten wird das Spiel wegen Pyrotechnik und Leuchtraketen, die aus dem Hertha-Block aufs Spielfeld fliegen, unterbrochen. Der Derby-Wettbewerb auf den Rängen geht weiter - und nimmt chaotische und idiotische Züge an. Sind es in den ersten 45 Minuten vermummte Herthaner, die mehrmals Raketen sogar in die anderen Blöcke schießen, so tauchen die Eisernen zu Beginn von Halbzeit zwei die Waldseite in ein rotes Pyro-Meer. Darauf antworten die blau-weißen Anhänger prompt. Wieder fliegen Raketen, diesmal weitaus mehr. Selbst Union-Trainer Urs Fischer muss einem Geschoss ausweichen. Dichter Nebel wabert in der Alten Försterei. Aytekin sieht sich genötigt, die Partie zu unterbrechen und verschwindet mit den Mannschaften im Tunnel. "Raketen aufs Spielfeld? Ich glaub', es hackt", sagt der Stadionsprecher. Ein Spielabbruch sei die nächste Reaktion auf abermalige Pyro-Aktionen.

Aytekin tauscht sich im Tunnel mit der Polizei aus und entscheidet sich, das Spiel wieder anzupfeifen, um Chaos zu vermeiden. Er berichtet nach dem Spiel, dass ein Zuschauer von einer Rakete verletzt worden sei. Die Polizei bestätigt, dass es einen Leichtverletzten gab. Raketen in die Ränge zu schießen "gehört sich nicht", sagt Fischer anschließend. "Beide Seiten haben sind nicht vorbildlich verhalten", fügt Covic hinzu. Und Hertha-Kapitän Vedad Ibisevic erkärt: "Solche Sachen gehören nicht ins Stadion, das ist gefährlich." Aber die Chaoten überschatten die ansonsten beeindruckende, knisternde Derby-Atmosphäre weiterhin. Der Fan-Konkurrenzkampf geht in die nächste Runde. Erst hängen vermummte Union-Ultras erbeutete Hertha-Fahnen an ihren Zaun und verhöhnen die gegnerischen Anhänger. Dann kontern die Herthaner damit, dass sie ihrerseits eingeheimste Union-Utensilien verbrennen.

Verletzungen in Kauf genommen

Zehn Minuten Nachspielzeit, keiner sitzt mehr. Die Partie wird ruppiger. Noch zehn Minuten zittern für die Unioner gegen den Favoriten aus Charlottenburg. Auch wenn vor dem Spiel alle Welt behauptete, dass in so einem Derby keine Mannschaft Favorit sein könne, so hat Hertha einen weitaus größeren Etat, mehr individuelle Klasse, mehr Bundesliga-Erfahrung und spielt eine stärkere Saison. Abpfiff. Das gesamte Stadion fällt sich in die Arme.

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Union-Torwart Rafal Gikiewicz weist die Vermummten zurecht.

(Foto: imago images/Bernd König)

Aber der unsägliche Chaoten-Contest schreibt noch sein letztes Kapitel. Wieder fliegen aus dem Hertha-Lager Leuchtraketen aufs Spielfeld und in den Union-Block nebenan. Das Stadion pfeift. "So etwas hatten wir hier noch nie", raunt es auf der Tribüne. Dass im Derby auch Pyro-Aktionen in den Kurven dazugehören, ist klar. Aber jeder hier weiß, dass diese Idiotie leicht hätte mehr Unschuldige, vielleicht Kinder, verletzen können.

Dann zeigen die Union-Ultras, dass sie ebenso minderbemittelt sind. Noch während ihre Mannschaft sich vor ihren Fans feiern lässt, klettern Vermummte über den Zaun und stürmen den Platz. Sie wollen rüber zu den Herthanern. Von Ordnern weit und breit keine Spur. Erst ein beherztes Eingreifen der Unioner Mannschaft, allen voran Keeper Rafal Gikiewicz, kann die vollkommene Eskalation verhindern und die Randalierer wieder zurück in ihren Block bewegen. "Gikiewicz! Gikiewicz!", ruft das Stadion. "Da sind wir als Spieler in der Pflicht, dass wir die Fans davon abhalten, Dummheiten zu begehen", sagt nach dem Spiel Torschütze Polter.

"Wenn du überdrehst, kommt das nicht gut", empfahl vor dem Spiel Union-Coach Fischer. Beide Fanlager hätten sich an dem Schweizer orientieren sollen. So aber wird weder über den verdienten Sieg der Eisernen gesprochen, noch darüber, dass die Köpenicker nun auf einen Punkt an den Konkurrenten aus dem Westen herangerückt sind und im Abstiegskampf gut dastehen. Auch, dass Hertha BSC, der ein "Big City Club" sein will, nach einem knappen Drittel der Saison im Niemandsland der Tabelle festhängt und keinen Schritt weiter als unter Covic‘ Vorgänger Pal Dardai zu sein scheint, wird aufgrund der Derby-Chaoten übersehen.

Quelle: n-tv.de

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