Fußball

"Er hat mir freie Hand gegeben" "Coach" Boateng lenkt und rettet seine Hertha

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Pure Freude.

(Foto: IMAGO/Eibner)

Im Relegations-Hinspiel muss Kevin-Prince Boateng von der Bank aus mit ansehen, wie sein Team dem Abstieg entgegentrudelt. Im Rückspiel beim Hamburger SV hält er das Drama auf. Als Flüsterer von Trainer Felix Magath, als emotionaler Anführer. Nach dem Klassenerhalt verteilt er viel Lob.

Kevin-Prince Boateng hatte in der Nacht zu Dienstag noch einen Endgegner: Niklas Stark und seinen Musikgeschmack. Der scheidende Hertha-Verteidiger wollte den mutmaßlichen DJ im Bus auf der Rückfahrt nach Berlin bezirzen, doch ein paar Schlager zu spielen. "Ich drücke auf die Tränendrüse und sage 'Ey, komm, ist meine letzte Fahrt heute'", so der 27-Jährige, der die letzten sieben Jahre bei Hertha BSC verbracht hat und nun weiterzieht zu einem noch unbekannten Verein. Weiterzieht nach dem geschafften Klassenerhalt, den die Berliner dank des 2:0 (1:0) im Relegations-Rückspiel beim Hamburger SV klarmachten.

Hamburger SV - Hertha BSC 0:2 (0:1)

Hamburg: Heuer Fernandes - Heyer (82. Gyamerah), Vuskovic, Schonlau, Muheim - Meffert - Rohr (58.Vagnoman), Reis - Jatta (74. Kaufmann), Glatzel, Kittel - Trainer: Walter

Berlin: Christensen - Pekarik, Boyata, Kempf, Plattenhardt (81.Björkan) - Ascacibar, Tousart - Serdar (85. Stark), Boateng (90. Darida), Jovetic - Belfodil (82. Maolida) - Trainer: Magath

Tore: 0:1 Boyata (4.), 0:2 Plattenhardt (63.)

Gelb-Rot: Tousart (90.+6)

Schiedsrichter: Aytekin

Zuschauer: 55.000 (ausverkauft)

Mehr Wille als im Hinspiel, mehr Zweikampfhärte, mehr Präsenz, so entzauberte Hertha den HSV und hielt berechtigt die Klasse. "DJ Prince" hatte daran einen großen Anteil. "Ich habe die Jungs vor dem Spiel gefragt, ob sie Hunger haben. Die haben alle gesagt, dass sie Hunger haben. Ich habe gesagt, lasst uns rausgehen und essen. Wir haben gegessen", sagte er nach dem Sieg metaphorisch.

Bei der 0:1-Pleite im Hinspiel im Berliner Olympiastadion hatte Boateng noch 90 Minuten auf der Bank gesessen, für das Rückspiel aber setzte Trainer Felix Magath auf seinen Oldie. "Prince ist ein Finalspieler. Er weiß, wie das geht. Ihn braucht die Mannschaft jetzt beim Finale", hatte er vorab gesagt - und er sollte recht behalten. Der Ur-Berliner, dessen Wechsel zurück nach Berlin vor allem mit seiner Mentalität und seiner Verbundenheit zum Klub zu tun hatte, gab auf dem Platz den "aggressiven Leader", den Lenker und Einweiser. Immer wieder gestikulierte er abseits des Balls mit seinen Mitspielern, besprach sich in der Behandlungspause von Mario Vuskovic nach einer guten halben Stunde mit Ishak Belfodil und Stevan Jovetic - und hatte selbst eine Passquote von 87 Prozent. Zwei Hackentricks im Mittelkreis unter ärgster Bedrängnis in der zweiten Hälfte, als der HSV noch einmal zunehmend versuchte, den Nicht-Aufstieg doch noch abzuwenden, brachte ihm Szenenapplaus ein. Natürlich nur aus der Kurve der Hertha-Fans.

"Ich habe Gott sei Dank auf ihn gehört"

Und sein Lenken war nicht nur geduldet, es war hocherwünscht. "Er hat die Mannschaft gestellt. Ich habe Gott sei Dank auf ihn gehört", sagte Magath nach der Partie. Boateng führte es genauer aus: "Er hat mir heute freie Hand gegeben. Er hat mich gefragt: 'Wen siehst du besser wo, auf welcher Position?" Wir haben das zusammen super hinbekommen, eine Mannschaft auf den Platz zu kriegen, die fußballerisch stark war, kämpferisch stark war." Das Lob für den Trainer, der die Mannschaft erst am 13. März übernommen hat - als bereits dritter Trainer der Saison - war entsprechend groß: "Es war von Anfang an klar, er ist ein spezieller Typ, ich bin ein spezieller Typ, das kann entweder voll aufeinander prallen oder wir verstehen uns überragend. Und wir verstehen uns überragend." Von Berichten über einen Streit zwischen den beiden wollte Boateng nichts wissen, das sei eine Diskussion auf Augenhöhe gewesen.

Und so spielte Boateng im wichtigsten Spiel des Jahres, so lange, bis er in der 90. Minute seinen gesonderten Abschied bekam: Gefeiert von der lautstarken Hertha-Kurve, die er mit großen Armbewegungen noch weiter aufpeitschte, gellend ausgepfiffen vom restlichen Stadion. Lange sechs Minuten Nachspielzeit musste er auf der Bank verbringen, ehe Schiedsrichter Deniz Aytekin das Spiel abpfiff und der 35-Jährige anders als die meisten Herthaner nicht sofort in die Kurve rannte, sondern erst einmal auf dem Rasen zusammensank. Als er sich dann zu der feiernden Meute gesellte, nahm ihn Torhüter Oliver Christensen, der am überschwänglichsten feierte, mit Mucki-Geste und Urschrei in Empfang.

"Ich liebe diesen Typen"

Etwas später schloss er Sportgeschäftsführer Fredi Bobic in eine sehr enge und lange Umarmung. Die beiden kennen sich schon aus früheren Hertha-Jahren, als der junge Boateng so langsam zum Profi reifte und sich die Karriere des 16 Jahre älteren Bobic dem Ende entgegenneigte. Eine langjährige Bekanntschaft, gar eine "super Beziehung", wie Boateng es nennt, die jetzt wieder wichtig werden könnte. Denn Boatengs Vertrag läuft aus. "Ich hab noch Lust, bin gut drauf, auch wenn man es nicht immer gesehen hat. Aber heute war der Prince wieder da, genau, wenn es drauf ankommt, bin ich wieder da. Das könnt ihr auch mal schreiben, ist eine schöne Überschrift 'Der Prince is back'. Und wenn ich aufhöre, könnt ihr schreiben 'Der Prince ist schon wieder weg'", so der Mittelfeldmann. "Gespräche kann man jetzt in Ruhe machen."

Überhaupt hat Boateng Redebedarf: "Wir müssen ganz, ganz viel lernen. Wir müssen Ruhe reinbringen in den Verein. Wir müssen wieder eine Familie werden, so wie es heute war. Das ist Hertha BSC."

Hertha BSC, das ist auch Marvin Plattenhardt. "Einen der besten Linksfüße der Bundesliga" nennt Boateng ihn. Stark wurde emotionaler: "Ich liebe den Typen", sagte er mit einem Grinsen. "Dass er auch noch heute der Matchwinner ist - mit seinen zwei, eineinhalb Toren …" Der linke Verteidiger ist schon seit 2014 im Klub, reifte in Berlin zum zwischenzeitigen Nationalspieler und ist normalerweise für seine brandgefährlichen Flanken bekannt. An diesem Abend in Hamburg ging es noch darüber hinaus. Nach gerade einmal vier Minuten legte Plattenhardt das 1:0 auf, seine Ecke verwandelte Kapitän Dedryck Boyata wuchtig per Kopf.

Das 2:0 in der 63. Minuten war dann ein absolut sehenswerter Sonntagsschuss des 30-Jährigen. Einen Freistoß hatte sich Plattenhardt an der rechten Seitenlinie zurechtgelegt, sein Schuss senkte sich perfekt in einem Bogen um HSV-Keeper Daniel Heuer-Fernandes herum ins lange Eck, direkt verwandelt. Und plötzlich war die Hertha gerettet. "Das war genau das, was wir brauchten", kommentierte Boateng. "Ohne Marvin Plattenhardt hätten wir heute nicht gewonnen", stellte auch Magath fest.

"Es denken alle, ich bin so eine Partymaus"

Der scheidende Trainer, der Berlin wieder verlässt, hatte ein Ziel: Klassenerhalt. Den hat er mit dem nervenzehrenden Umweg über die Relegation klargemacht: "Ich bin natürlich überglücklich. Wir waren heute die Glücklicheren und so bin ich richtig froh, das für Hertha geschafft zu haben."

Für Hertha, für die Fans, die im voll besetzten Volksparkstadion unermüdlich sangen, hüpften und ihre Schals schwangen und trotz der Übermacht der HSV-Fans gut zu hören waren. Natürlich auch für Boateng, der die Hertha-DNA in sich trägt. Und der für Magath mehr ist als nur der emotionale Anführer. Gut für den Verein, dass der Trainer auf seinen Profi gehört hat. So gibt es ganz zum Schluss einer teils katastrophalen Saison doch noch etwas zu feiern. "Es ist ein Abschluss der Saison als wenn wir Meister geworden sind", so Boateng.

Eine große Party will er deswegen aber nicht feiern, nur "zwei, drei Bierchen" sind drin. "Es denken alle, ich bin so eine Partymaus", dabei wolle er "einfach nur nach Hause. Ich muss relaxen, es war ein anstrengendes Jahr". Den Musik-Wünschen von Stark nach "ein paar Mal Helene (Fischer, Anm.d.Red.)" aber wird er im Bus nicht entkommen sein.

Quelle: ntv.de

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