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Konsequenzen aus der Causa Özil DFB-Präsident Grindel ist nicht mehr tragbar

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Reinhard Grindel sollte Konsequenzen aus dem Chaos um Özil ziehen und zurücktreten.

(Foto: imago/Sven Simon)

Fußballer Mesut Özil ist aus dem DFB-Team zurückgetreten. Das sollte ihm einer nachmachen, der die Verantwortung für das Chaos um Erdogate trägt: Präsident Reinhard Grindel. Erst dann kann es einen Neuanfang geben.

Eigentlich weilt Reinhard Grindel gerade im Urlaub. Es ist einer, den der DFB-Präsident so schnell nicht vergessen wird. Seit Mesut Özils Anschuldigungen gegen ihn dürfte jeglicher Erholungseffekt beim 56-Jährigen verflogen sein. In seinem Rücktrittsschreiben wirft Özil dem Verbandspräsidenten mangelnden Rückhalt, Doppelmoral und versteckten Rassismus vor. Das sind heftige Anschuldigungen, die Özil allerdings nicht allein vorträgt. Auch andere Kommentare aus der Sportwelt und der Politik sowie ein Blick in die jüngere DFB-Geschichte machen eines deutlich: Reinhard Grindel ist als Chef des DFB nicht mehr tragbar.

Seit zwei Jahren ist Grindel Boss beim größten nationalen Sportverband der Welt. 2016 übernahm er das Amt in den Wirren der WM-Affäre, die der DFB bis heute noch nicht aufgeklärt hat. Die größte Herausforderung hätte Grindel aber vor der Weltmeisterschaft in diesem Jahr zu bewältigen gehabt - er ist gescheitert: Gemeinsam mit seinem Teamkollegen Ilkay Gündogan posierte Özil für ein Foto mit dem türkischen Präsidenten Recep Tayyip Erdogan - der Neologismus Erdogate war geboren. Ebenso amateurhaft wie die beiden Nationalspieler agierten in der Folge der DFB und sein Präsident. Erst durch das Krisenmanagement wurde Erdogate zu einer Krise.

"Methode Merkel" erweist sich als fatal

Schon am Tag nach Özils und Gündogans Treffen mit Erdogan twitterte Grindel, die Nationalspieler hätten sich für Erdogans "Wahlkampfmanöver missbrauchen lassen". Keine glückliche Wortwahl, will man das Feuer, das wegen der Fotos entfacht ist, nicht unnötig anheizen. Nach den gellenden Pfeifkonzerten gegen Özil und Gündogan bei den Testkicks Anfang Juni gegen Österreich in Klagenfurt (1:2) sowie Saudi-Arabien in Leverkusen (2:1) entschieden sie sich beim DFB dann für die "Methode Merkel": aussitzen.

Das hat sich als fatal erwiesen - für beide Seiten. Zum einen trudelte der Verband unnötig in ein Kommunikationsdesaster, in dem das Fehlen einer klaren Linie, einer Haltung, deutlich wurde. Mehr noch: Mit blankem Populismus konterkarierte der Verband sein Lieblingsbild vom über jegliche Zweifel erhabenen und professionellen Imperium. Etwa Teammanager Oliver Bierhoff, der der "Welt" sagte, man hätte "überlegen müssen, ob man sportlich auf ihn (Özil) verzichtet". Wohlgemerkt sagte Bierhoff dies erst nach dem WM-Aus und gab Özil damit indirekt die Schuld am Ausscheiden - und ruderte mit einer aberwitzigen Relativierung zurück ("Es tut mir Leid, dass ich mich da offenbar falsch ausgedrückt habe"). Zum anderen ließ der DFB so zwei seiner Topspieler allein. Besonders der schweigsame Özil, der anders als Gündogan wochenlang seine Beweggründe verschwieg, verkam fortan zum "Sündenbock", wie er es nun selbst in seinem Rücktrittschreiben formuliert. Erst recht nach dem WM-Aus. Der DFB hat mit seinem Herumgeeiere nicht nur falsche Schuldzuweisungen toleriert, sondern sich auch nicht gegen aufkommenden Rassismus gestellt.

Während die Schweden vehement ihren Mitspieler Jimmy Durmaz verteidigten, als dieser sogar Morddrohungen aus der Heimat erhielt, reagierte der DFB gar nicht auf Beleidigungen gegen Özil oder Gündogan. Vielleicht kommt das nicht von ungefähr. Grindel war von 2002 bis 2016 für die CDU Mitglied des Bundestages - und fiel 2003 etwa mit diesem Satz auf: "Multikulti ist in Wahrheit Kuddelmuddel." Zudem sprach er von einer "Lebenslüge", derzufolge es in vielen Städten islamisierte Räume "und Verhaltensweisen von Ausländern" gibt, "die zu Unfreiheit führen." Der ehemalige Grünen-Abgeordnete Özcan Mutlu sagte dem "Tagesspiegel", Grindel sei ein "Rechtsaußen" sowie ein "gewiefter Strippenzieher und absoluter Opportunist". Özil prangert an: "In den Augen von Grindel und seinen Helfern bin ich Deutscher, wenn wir gewinnen, aber ein Immigrant, wenn wir verlieren."

Grindel äußert sich nicht persönlich

Die heftigen Worte Özils möchte der DFB nicht kommentieren. "Es gehört für uns als Verband auch zum respektvollen Umgang mit einem verdienten Nationalspieler, dass wir manche für uns in Ton und Inhalt nicht nachvollziehbare Aussage in der Öffentlichkeit unkommentiert lassen", heißt es in einer Stellungnahme. Mit Rassismus jedoch wolle sich der DFB nicht in Verbindung bringen lassen. Die Stellungnahme ist mit "Direktion Öffentlichkeit und Fans" unterzeichnet - kein persönliches Wort von Grindel.

Für sein Gebaren bekommt der DFB-Präsident nun die Quittung - es hagelt Rücktrittsforderungen. Auch von einem ehemaligen Wegbegleiter, dem Ex-DFB-Pressesprecher Harald Stenger. "Grindel war und ist der schlechteste DFB-Präsident, den ich je erlebt habe", sagt der 67-Jährige Sky Sport News HD. "Es war alles nur populistisch, und so kann man einfach keinen Verband führen", kritisiert er Grindel. Stenger arbeitete übrigens von 2001 bis 2012 beim Fußballverband - also auch unter dem umstrittenen Gerhard Mayer-Vorfelder.

Mit Özils Rücktritt ist Grindel zwar eine Personalproblematik los. Doch eine neue tut sich auf: seine eigene. Handelt er konsequent im Sinne des DFB, von dem weitere Katastrophen ferngehalten werden sollen, um am Neuanfang zu arbeiten, bleibt ihm nur eins: abzudanken.

Quelle: n-tv.de

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