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Das Dilemma der Man-United-Fans Das Derby ist schon vor dem Anpfiff verloren

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Die Fans von Manchester United haben ein kompliziertes Derby vor sich. Der Rekordmeister benötigt Punkte, um vielleicht am Ende der verkorksten Saison doch noch auf einen Champions-League-Rang hoffen zu können.

(Foto: imago/Action Plus)

Die Fans von Manchester United sind sich unsicher, ob sie das Stadt-Derby gewinnen wollen – denn damit würden sie dem ärgsten Rivalen Liverpool wohl zum Titel verhelfen. Ein Zwiespalt, der zeigt, wie weit der Rekordmeister hinter die eigenen Ansprüchen zurückgefallen ist.

Wie er sich fühle vor diesem Fußball-Spiel? "Sehr, sehr seltsam", sagt Barney Chilton, seit den 1970ern Fan von Manchester United und Chefredakteur des Fan-Magazins "Red News". Sein Gefühl hat allerdings weniger damit zu tun, dass die Ausgangslage für das Premier-League-Derby gegen Manchester City an diesem Mittwochabend schlecht ist nach sechs Niederlagen aus den vergangenen acht Partien und zuletzt der 0:4-Blamage beim FC Everton.

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Eigentlich würden die United-Anhänger gerne einen Sieg ihrer Mannschaft gegen Josep Guardiolas Elf sehen - die Realität sieht aber anders aus.

(Foto: imago images / ZUMA Press)

Chilton fühlt sich seltsam, weil bei der Partie im Old Trafford der Grundsatz dessen in Frage steht, was doch eigentlich das Fan-Sein ausmacht – nämlich der Wunsch, den eigenen Klub gewinnen zu sehen. Normalerweise will Chilton das Beste für seinen Verein, doch vor dem Duell mit der Mannschaft von Trainer Pep Guardiola ist er sich nicht ganz sicher. Er hat mit einem inneren Zwiespalt zu kämpfen, und mit ihm viele andere United-Fans. "Es mag bei einigen diese geheime Hoffnung geben", sagt er und meint: die geheime Hoffnung auf eine Niederlage. Schlimm, das weiß er selbst, aber was soll er machen? "Es fühlt sich alles ziemlich schmutzig an."

Das Leben als Fußball-Fan kann eine komplizierte Angelegenheit sein. Die Dinge verkomplizieren sich ja stets durch die Anwesenheit von Gefühlen und Emotionen, durch das Irrationale. Die Fans von Manchester United befinden sich vor dem Duell mit Manchester City in einem speziellen Dilemma. Sie können nur verlieren. Eine Niederlage, logisch, würde für den Rekordmeister eine weitere Demütigung durch den enteilten Stadtrivalen bedeuten und die Chance auf die Qualifikation zur Champions League weiter verringern. Als Tabellensechster braucht United jeden Punkt. Einerseits. Doch sollte anderseits tatsächlich Zählbares herausspringen, ein Unentschieden oder sogar ein Sieg, würde United möglicherweise dem größten Feind zur ersten Meisterschaft seit fast 30 Jahren verhelfen, nämlich dem FC Liverpool.

Liverpool ist der wahre Rivale

Für Manchester City ist die Reise ins Old Trafford nach allgemeiner Einschätzung die letzte große Prüfung auf dem Weg zum zweiten Titel nacheinander. Mit einem Sieg würde Guardiolas Mannschaft den FC Liverpool von der Tabellenspitze verdrängen, und es ist schwer vorstellbar, dass sie in den danach verbleibenden Partien gegen Burnley, Leicester und Brighton noch Punkte abgibt. Liverpools Fans hoffen auf einen Ausrutscher von Manchester City bei United. Damit würde das Team von Trainer Jürgen Klopp Erster bleiben und hätte bei den noch zu absolvierenden Spielen gegen Huddersfield, Newcastle und die Wolverhampton Wanderers beste Chancen auf den Titel.

Für die Fans von Manchester United ist Liverpool der größere Feind als Manchester City. Die Rivalität ist historisch gewachsen und geht über den Fußball hinaus. Mancunians und Scousers mögen einander nicht besonders. Auf die Frage, welchen der beiden Konkurrenten er lieber als Meister sehen würde, Liverpool oder Manchester City, sagt United-Fan Chilton: "City. Das ist ein erfundener, falscher Verein. Liverpool ist unser wirklicher Rivale."

Allerdings ist ihm auch klar, dass die Wünsche der Fans keinen Einfluss auf den Verlauf des Derbys und damit möglicherweise auf den Ausgang des Titelrennens haben. So sieht das auch Alistair Fergusson, 44 Jahre alt, schon immer United-Fan. "Während des Spiels werden wir natürlich voll hinter unserer Mannschaft stehen. Wenn wir verlieren, können wir uns immerhin damit trösten, dass Liverpool nicht Meister wird", sagt er. Sein Klub könne es sich nicht leisten, die Partie gegen Manchester City mit halber Kraft anzugehen: "Wir haben unsere eigenen Probleme. Die müssen wir in den Griff bekommen. Es wäre lächerlich, wenn wir abschenken würden."

Ein Klub auf der Suche nach sich selbst

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Trainer Solskjaer kann bei Manchester United auf weniger bauen, als die Coaches der Ligarivalen.

(Foto: imago images / PA Images)

In der Tat: Manchester United befindet sich seit dem Abschied von Trainer-Ikone Sir Alex Ferguson vor sechs Jahren auf der Suche nach sich selbst. Der seit Dezember amtierende Ole Gunnar Solskjaer ist seitdem schon der vierte Trainer, der sich daran versucht, den Klub wieder in die Spitze des englischen Fußballs zu führen. Wie schwer das wird, hat er durch die jüngsten Niederlagen brutal erfahren müssen.

Manchester City und der FC Liverpool dagegen arbeiten seit Jahren konstant am Erfolg, mit einer fußballerischen Philosophie, schlauen Transfers, Konstanz auf der Trainerbank – und natürlich auch mit viel Geld. Die beiden Vereine sind da, wo der Rekordmeister einst war und wohl frühestens in ein paar Jahren wieder sein wird, wenn überhaupt. Und so zeigt das Dilemma der United-Fans vor dem Derby vor allem eins: Wie weit der Klub zurück gefallen ist - hinter der Konkurrenz und den eigenen Ansprüchen.

Quelle: n-tv.de

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