Fußball

Scheuklappen-Trainingslager Das ist doch nicht euer Ernst, FC Bayern

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Was will Philipp Lahm zwischen Fußballplatz und Sternehotel schon mitbekommen?

(Foto: imago/MIS)

Auf den Baustellen in Katar bekommen Arbeiter die Pässe abgenommen. Nicht selten wird auch mit Abschiebung gedroht. Gerade wegen seiner Beziehung zu Katar darf der FC Bayern davor nicht die Augen verschließen.

Philipp Lahm hat schon im letzten Jahr versprochen, im Trainingslager in Katar "nicht die Augen zumachen" zu wollen. "Die Mannschaft und alle im Verein beschäftigen sich mit dem Thema, was in Katar los ist", sagte er. Schon damals war dieses Versprechen im Prinzip wertlos: Denn zwischen Fußballplatz und Sternehotel lässt sich kaum herausfinden, was in dem Golfstaat wirklich "los ist". Dass Lahm nach dem Training mit dem FC Bayern in bester Sherlock-Holmes-Manier mit Schiebermütze und Karomantel loszieht, um Menschenrechtsverletzungen aufzudecken, ist zwar ein witziges Bild – dürfte so aber nicht passiert sein.

Und trotzdem ist der FC Bayern inzwischen zum siebten Mal in Folge an den persischen Golf geflogen. In ein Land, das unter anderem für die schlechten Bedingungen auf den Baustellen der WM-Stadien für 2022 kritisiert wird. Das Fatale daran: Es entsteht nicht der Eindruck, als ob der Verein die Bedenken aus Politik, Öffentlichkeit und der eigenen Anhängerschaft auch nur ansatzweise nachvollziehen kann.

Moralische Instanz auf Abwegen

Für Karl-Heinz Rummenigge bleibt ein Trainingslager demnach keine politische Äußerung. Vielmehr verteidigt er die Entscheidung des Vereins kürzlich mit "Aberglaube". "Wir bereiten uns seit Jahren in der Aspire Academy auf die Rückrunde vor. Und wichtig, wir haben seit dieser Zeit sehr viele Titel gewonnen." Titel über Moral - so rechtfertigt er die Trainingslager der letzten Jahre und macht gleichzeitig deutlich: So schnell wird sich der Verein nicht nach einer anderen Option umschauen. Warum auch?

Dem Verein ist es so wichtig mit europäischen Top-Klubs wie Real Madird oder dem FC Barcelona mithalten zu können, dass beim Thema Menschenrechte gerne die Scheuklappen aufgesetzt werden. Anders lässt sich wohl auch der hochdotierte Sponsorenvertrag mit dem "Hamad International Airport" in Doha, der Hauptstadt des Wüstenstaats, nicht erklären. Er soll Rummenigge und Co. immerhin geschätzte fünf bis sieben Millionen Euro pro Jahr bringen. Da drückt man bei unangenehmen Themen sicherlich gerne beide Augen zu.

Dem mitgliedsstärksten Fußballverein der Welt mit seiner enormen Fanbasis muss seine Vorbildfunktion allerdings bewusst sein. Egal, was der Verein tut oder nicht, es hat Signalwirkung und wird diskutiert. Und trotzdem nimmt der FC Bayern ohne große Bedenken das Geld vom Golf an. Als Ausrede muss stets herhalten: Auch andere Top-Klubs werden schließlich von dort finanziert.

Der Deal mit dem Flughafen und das Trainingslager wären insofern weniger streitbar, wenn die Münchener sich bei anderen Themen nicht allzu gerne als moralische Instanz aufspielen und für Toleranz und Weltoffenheit werben würde. Denn genau diese Werte, für die der Verein angeblich einsteht, werden in Katar eben in einem hohen Maße eingeschränkt.

Auch Fußballspieler haben eine Verantwortung

Zum Jahreswechsel hat der frisch gewählte Vereins-Präsident Uli Hoeneß in einem "tz"-Interview gesagt: "Werte werden wieder wichtiger" – und meint damit die Verantwortung von Politikern und Journalisten gegenüber der Gesellschaft. Für seinen Verein und seine Spieler scheint das nicht zu gelten. Sicherlich, noch nie hat sich ein Fußballspieler eines namhaften Klubs gegen die kollektive Entscheidung seines Arbeitgebers gestellt.

Doch auch Fußballspieler haben eine Verantwortung: Wenn auf den WM-Baustellen von Katar den Arbeitern ihre Pässe abgenommen und Löhne erst mit sieben Monaten Verspätung ausgezahlt werden oder bei Beschwerden den vielen Arbeitsmigranten mit Abschiebung gedroht wird, dann ist es Zeit für Philipp Lahm die Schiebermütze mit ins Trainingslager zu nehmen – oder er bleibt lieber gleich "dahoam".

 

Quelle: ntv.de

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