Fußball

Kapitän Kimmich wundert sich "Das war ja eigentlich kein Fußballspiel"

Liechtenstein feiert einen Sieg gegen Deutschland. Zumindest einen gefühlten. Das sagt eigentlich alles über das Duell in der WM-Qualifikation aus. Das Debüt von Bundestrainer Hansi Flick? Eher nicht gelungen. Der Coach bleibt aber gelassen, sein Kapitän findet dagegen deutliche Worte.

Es gibt aus St. Gallen, das liegt in der Schweiz, tatsächlich auch eine gute Nachricht an diesem Donnerstagabend: Die deutsche Fußball-Nationalmannschaft war im Spiel der WM-Qualifikation gegen Liechtenstein nie und zwar wirklich nie in Gefahr, einen Gegentreffer zu kassieren. Auch nicht beim aufschreckenden Freistoß, der kurz vor Ende durch den eigenen Strafraum segelte. Solche Gewissheiten hatte es in der jüngeren Verbandsgeschichte länger nicht gegeben. Nun ist das kein Seitenhieb gegen Joachim Löw. Der ist ja wirklich nicht mehr Trainer des DFB-Teams. Nach 15 Chefjahren hatte er nach dem EM-Achtelfinale-K.-o. gegen England in den Sack gehauen. Klar, die Entscheidung hatte er bereits vorher getroffen. Vielen Menschen gefiel das. Ob ihnen aber auch gefiel, was sie nun im ersten Länderspiel unter dem Hype-Hansi (Flick) gesehen haben? Eine vorsichtige Vermutung wäre: eher nicht. Zwar gab es gegen Liechtenstein einen Sieg, der fiel indes niedrig einstellig, nämlich 2:0, aus. Wohl niemand hatte das erwartet. Nicht mal der Ex-Coach.

Liechtenstein - Deutschland 0:2 (0:1)

Tore: 0:1 Werner (41.), 0:2 Sané (77.)
Liechtenstein: Büchel - S. Wolfinger (83. Yildiz), Malin (83. Kollmann), Kaufmann, Hofer, Göppel - Noah Frick (71. Kardesoglu), Frommelt, Hasler - Sele (61. F. Wolfinger), Yanik Frick (71. Grünenfelder); Trainer: Stocklasa.
Deutschland: Leno - Baku (60. Hofmann), Kehrer, Süle, Gosens - Kimmich (82. Wirtz), Gündoğan (73. Goretzka) - Musiala (60. Reus), Havertz (60. Gnabry), Sané - Werner; Trainer: Flick.
Schiedsrichter: Fabio Verissimo (Portugal)
Zuschauer: 7958 (in St. Gallen)
Gelbe Karten: keine

Mit einem 0:7, so hatte Ralf Loose im Gespräch mit ntv.de gesagt, könnte die Mannschaft aus dem Fürstentum wohl noch gut leben. Die düstere Prognose baute der gebürtige Dortmunder zum einen aus den großen Erwartungen an die deutsche Post-Löw-Elf und zum anderen aus der Schwäche der Liechtensteiner zusammen. Man muss sich das nochmal klarmachen. Zwar war das DFB-Team nicht in bester Besetzung angetreten, unter anderem fehlten potenziell wichtige Leistungsträger wie Thomas Müller oder Mats Hummels (Manuel Neuer fehlte natürlich auch, wurde aber wegen der Harmlosigkeit des Gegners nicht vermisst), da stand aber trotzdem noch reichlich Qualität auf dem Rasen. Unter anderem ja mit Timo Werner sowie mit Kai Havertz zwei amtierende Champions-League-Sieger. Und mit Joshua Kimmich war Deutschlands derzeit prägendster Fußballer ebenfalls dabei.

Bei Liechtenstein ist die Lage anders. Da kickten ein paar Jungs aus der vierten und fünften Liga der Schweiz mit. Und einer aus der dritten Liga in Österreich. Was das im Detail bedeutet, das ist aus der Ferne betrachtet eher schwer zu bewerten. Aber sicher ist: von internationaler Klasse, oder gar noch einem Niveau darüber (also Weltklasse) sind sie weit entfernt. Das Amateurleben ist den meisten näher als das Profi-Dasein. Und so gab es nach dem Spiel erst mal mit den Fans eine Bratwurst und ein Bier am Tribünenrand und auf dem Feld. Belohnung muss ja sein. War schließlich eine kleine Heldengeschichte, die sie geschrieben hatten. Trainer Martin Stocklasa, der vor 21 Jahren beim skurrilen 2:8 (weil 2:2 bis zur 65. Minute) nach 17 Minuten das 1:1 erzielt hatte, sprach sogar von einem Fast-Sieg, von einem "sensationellen Resultat". Von Hansi Flick habe er sogar eine Gratulation bekommen. Und der sah sich nach dem Spiel bestätigt.

Kimmich hat keine Lust mehr auf DFB-Frust

Dass die Liechtensteiner wirklich gut verteidigen können, das hatte Flick gesagt. Und das nicht nur aus Höflichkeit gegenüber der Nummer 189 der aktuellen Coco-Cola-Fifa-Weltrangliste. Er hatte das genauso gemeint. Es war eine Art des Verteidigens, die im Weltfußball nicht allzu oft vorkommt. So wunderte sich DFB-Kapitän Joshua Kimmich: "Es war komisch, schwierig, der Gegner hat dermaßen tief verteidigt, das habe ich so fast noch nie erlebt." Und Kimmich hat ja bereits viel erlebt. Zum Beispiel jede Menge Enttäuschungen mit dem DFB-Team: WM-Debakel in Russland, Nations-League-Abstieg (dank der UEFA-Genialität einer Modus-Änderung wurde der indes rückgängig gemacht) und Frust-EM zum Abschied von Joachim Löw. Für einen Mann wie Kimmich, der sich partout weigert ein Spiel zu verlieren, sind das ein paar Horrorerlebnisse zu viel. Er will Titel. Mit Deutschland.

Die Zeit bis zur nächsten Chance ist nur kurz. Am 21. November des kommenden Jahres wird in Al Khor, etwa 50 Kilometer von der katarischen Hauptstadt Doha entfernt, das erste Spiel der Skandal-WM angepfiffen. Und wenn sich der Deutsche Fußball-Bund (DFB) nicht doch noch zum mutigen Boykott entschließt, dann würde Kimmich dort sicher gerne voll attackieren. Dafür muss noch viel passieren. Denn dieses Spiel gegen Liechtenstein, dessen Aussagekraft ja vorab massivst in Zweifel gezogen wurde, lieferte nun doch überraschend viele Erkenntnisse. Die Wichtigste: Der Weg des Teams zurück in oder gar an die Spitze ist noch sehr weit. Und die Zweitwichtigste: Hansi Flick, der nach Löw alles anders und besser machen soll, ist nicht der Wunderheiler.

Denn zu viele Schwächen kamen mit aus der Sommerpause. Es fehlte oft an Dynamik, an Mut im Duell, aber auch an kreativen Momenten, an der absoluten Gier und an einem auch kopfballstarken Mittelstürmer (gut, das Problem lässt sich so schnell nicht lösen, war aber eh klar). All das fehlte, um ein wuchtiges Statement in die Post-Löw-Ära zu pflanzen. Ein 2:0 ist eher das Gegenteil. Trotz vieler Abschlüsse und weniger Topchancen, die die herausragenden Benjamin Büchel (Torwart) und Abwehrchef Daniel Kaufmann leidenschaftlich und prächtig wegparierten und verteidigten.

Flick wollte sich das Ganze aber nicht madig machen lassen, auch wenn er die vereinzelten Pfiffe im Stadion sicher wahrgenommen hatte und sein Vorhaben, die eigene, aggressive (weil immens pressende) Spielidee durchzudrücken, misslang. "Wir hätten gerne das eine oder andere Tor mehr geschossen", bekannte er und fand: "Wir haben uns Chancen erarbeitet, aber es ist keine Selbstverständlichkeit, dass die Mannschaft überzeugt ist, Tore zu schießen. Das müssen wir reinkriegen. Wir müssen immer wieder versuchen, das Tempo hochzuhalten, den Gegner zu Fehlern zu zwingen." Aber im Grunde sehe er das Gesehene positiv: "Wir haben gewonnen. Aller Anfang ist nicht immer ganz einfach." Was für eine schöne Weisheit!

Lothar Matthäus staunt über Mutlosigkeit

Nun darf man Flick das Erbarmen im Urteil durchgehen lassen. Es war ja sein erster Abend als Bundestrainer. Lothar Matthäus, der als TV-Experte vermutlich mittlerweile noch mehr Auftritte als im DFB-Trikot (er ist Rekordnationalspieler) hatte, wunderte sich derweil über den Mangel an Selbstvertrauen und Überzeugung. Er schüttelte dabei auf eine Weise den Kopf, wie es nur Eltern tun, wenn ihre Kinder Dinge anstellen, die sie besser nicht angestellt hätten. Nur drei Fouls der Liechtensteiner hatte er gezählt. Für den RTL-Analysten ein klares Indiz dafür, dass von den deutschen Spielern viel zu wenig Druck im direkten Duell ausgeübt worden war. Und das trotz der ständig rochierenden Leroy Sané und Jamal Musiala auf den jeweiligen Außenbahnen. Beide können mit ihrem Tempo und ihrer Dribbelstärke gute Szenen heraufbeschwören, taten das aber viel zu selten. Musiala bereitete das 1:0 durch Timo Werner (41.) geschickt vor, Sané erzielte das 2:0 nach einer schicken Drehung (77.) selbst. Aber taugt das, um als große Gewinner aus diesem Abend zu schleichen? Vielleicht ja.

Ganz sicher nicht zu den Gewinnern gehört Ridle Baku. Der galt als große Hoffnung. Und als noch größeres Versprechen. Der Mann des VfL Wolfsburg ist ein hochtalentierter Rechtsverteidiger. Er ist der Mann, der es Joshua Kimmich ohne schlechtes Gewissen möglich machen soll, künftig wieder die Regie im Zentrum zu übernehmen. Viele Menschen hätte es gerne gesehen, wenn das bei der EM schon passiert wäre. Also, wenn Baku rechts hinten gespielt und Kimmich in der Mitte gelenkt hätte. Das Verständnis für Löw, den 23-Jährigen nicht mit zur EM zu nehmen, war nicht sonderlich groß. Aber womöglich lieferte das Duell gegen Liechtenstein ein paar Argumente für den Ex des DFB. Aber eventuell war Baku auch einfach nur nervös. Tja, und sonst? Was macht man sonst mit dieser Partie? Aufarbeiten? Abhaken? Ein guter Ansprechpartner für solche Fragen ist ja immer der Boss, also Kimmich. Und? Nun, seine Empfehlung lautet so: "Unter dem Strich nehmen wir den Sieg mit. Es ist schwierig, dieses Spiel zu bewerten. Das war ja eigentlich kein Fußballspiel." Ein solches soll am Sonntag wieder anstehen, wenn es in der WM-Qualifikation gegen Armenien geht. Die sind, kein Witz, trotz eines 0:0 gegen Nordmazedonien Tabellenführer!

Quelle: ntv.de

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