Fußball

Jetzt auch noch die Steuerrazzia Der DFB zwischen Affären und Altlasten

Der Deutsche Fußball-Bund kommt nicht zur Ruhe: Die Staatsanwaltschaft lässt Geschäfts- und Privaträume durchsuchen, es geht um knapp fünf Millionen Euro, die am Fiskus vorbeigegangen sein sollen. Für den amtierenden Präsidenten Fritz Keller aber sind das erstmal keine schlechten Nachrichten.

Der Deutsche Fußball-Bund (DFB) sorgt vor dem Länderspiel-Dreierpack gegen die Türkei (20.45 Uhr), in der Ukraine (10.10., 20.45 Uhr) und gegen die Schweiz (13.10., 20.45 Uhr, alle im ntv.de-Liveticker) abseits des Sportlichen für Negativ-Schlagzeilen. Die Staatsanwaltschaft Frankfurt/Main hat am Mittwoch die Geschäftsräume des DFB sowie die Privatwohnungen von gegenwärtigen und ehemaligen Verbands-Verantwortlichen durchsucht. Ein Überblick über die Affären des DFB seit der Jahrtausendwende:

Sommermärchen-Skandal

Die Aufarbeitung der WM-Vergabe für 2006 hält die Sportfans immer noch in Atem. Warum im Zuge der Vergabe umgerechnet 6,7 Millionen Euro zum katarischen Skandalfunktionär Mohamed bin Hammam flossen, ist bis heute ungeklärt. Der Vorwurf des Stimmenkaufs steht immer noch im Raum, auch wenn OK-Chef Franz Beckenbauer dies vehement bestreitet. Der damalige Präsident Wolfgang Niersbach trat zurück. "Es ist höchst unbefriedigend, ja frustrierend, dass wir noch immer kein abschließendes Bild rund um die infrage stehenden Abläufe der WM 2006 haben", sagte zuletzt DFB-Präsident Fritz Keller.

Manipulationen

Im Jahr 2005 stand Schiedsrichter Robert Hoyzer im Blickpunkt des bislang größten Wettskandals im deutschen Fußball. Es gab Hausdurchsuchungen, drei Wettpaten wurden verhaftet. Der Referee manipulierte mehrere Partien sowie das Pokalspiel zwischen dem damaligen Drittligisten SC Paderborn und dem Hamburger SV. Der mittlerweile 41-Jährige saß wegen Beihilfe zum Betrug 14 Monate hinter Gittern. 67.000 Euro hatte er von der Wettmafia für seine "Dienste" erhalten, dem DFB musste er später einen Schadensersatz von 750.000 Euro zahlen.

Erdogan-Affäre

Das Treffen der Nationalspieler Ilkay Gündogan und Mesut Özil mit dem türkischen Staatspräsidenten Recep Tayyip Erdogan sorgte vor der WM 2018 für große Diskussionen. Vor allem der langjährige Stammspieler Özil musste medial heftige Kritik einstecken. Nach der WM trat der 31-Jährige geräuschvoll zurück und holte zum Rundumschlag gegen seine Kritiker, die Medien und den DFB aus, insbesondere gegen Präsident Reinhard Grindel. Unter anderem äußerte Özil Rassismusvorwürfe. Erst kürzlich räumte Generalsekretär Friedrich Curtius Fehler des DFB im Umgang mit der damaligen Situation ein.

Zwanziger-Schlammschlacht

Im Juni 2014 wurde der DFB durch eine in 120 Jahren einzigartige Schlammschlacht unter Spitzenfunktionären in seinen Grundfesten erschüttert. Das DFB-Präsidium forderte den ehemaligen Verbandschef Theo Zwanziger öffentlich zum Rücktritt aus dem Exekutiv-Komitee der Fifa auf. Niemals sonst ist ein ehemaliger DFB-Chef derart vom größten Sportfachverband der Welt angeklagt und bloßgestellt worden. Vorausgegangen war eine Serie öffentlicher Attacken von Zwanziger in diversen Interviews gegen seinen Nachfolger Wolfgang Niersbach. Diesem warf er "Heuchelei" vor und prangerte dessen Vergütung als ehrenamtlicher Präsident an. Zwanziger folgte der Rücktrittsforderung nicht und beendete seine Tätigkeit planmäßig erst 2015.

Uhren-Desaster

Im April 2019 wurde dem damaligen DFB-Präsidenten Reinhard Grindel eine Uhren-Affäre zum Verhängnis. Der mittlerweile 59-Jährige nahm von einem ukrainischen Funktionär illegalerweise eine Luxusuhr an. Außerdem hatten Berichte über ein vermeintlich verschleiertes Zusatzeinkommen beim DFB in Höhe von 78.000 Euro den Druck erhöht, sodass Grindel als DFB-Präsident zurücktrat. Acht Tage später legte er auch seine Ämter bei der Fifa und der Uefa nieder. Erst kürzlich hatte Grindel sein Fehlverhalten offen eingestanden.

Bandenwerbung

Der DFB muss sich dem Vorwurf der schweren Steuerhinterziehung stellen. Die Staatsanwaltschaft Frankfurt/Main durchsuchte am 7. Oktober 2020 die DFB-Zentrale sowie die Wohnungen von sechs gegenwärtigen und ehemaligen Verbands-Verantwortlichen. Laut Staatsanwaltschaft besteht der "Verdacht der fremdnützigen Hinterziehung von Körperschafts- und Gewerbesteuern in besonders schweren Fällen". Konkret geht es um Einnahmen aus der Bandenwerbung bei Länderspielen in den Jahren 2014 und 2015, im Visier der Ermittler steht vor allem der dazugehörige Vertrag vom Dezember 2013. Der DFB soll damit einer Besteuerung von 4,7 Millionen Euro entgangen sein.

Durch die neuen Ermittlungen hat der DFB ein weiteres Steuerverfahren am Hals. Denn im Gegensatz zu den Schweizer Behörden hat die Frankfurter Staatsanwaltschaft die Akten des Sommermärchenskandals noch nicht geschlossen. Beschuldigte sind dabei Niersbach, sein Vorgänger Theo Zwanziger sowie der langjährige Generalsekretär Horst R. Schmidt.

Wegen der Partnerschaft zwischen dem DFB und Infront hatte es schon mehrfach Ärger gegeben. Um den Deal zu bekommen, soll Infront Mitarbeiter des DFB bestochen haben. Von Jobs für Familienmitglieder und Luxusuhren ist die Rede. Über die zwielichtige Zusammenarbeit hatte der "Spiegel" im Juni berichtet. Unmittelbar darauf war die Zusammenarbeit mit Infront von DFB-Seite mit sofortiger Wirkung beendet worden. Als Grund hatte der DFB "klare Unregelmäßigkeiten im Zusammenhang mit dem Zustandekommen und der Erbringung von Vertragsleistungen von Infront sowie unrechtmäßige Einflussnahmen auf DFB-Vertreter" genannt.

Keller will "vollumfänglich kooperieren"

Der Verband habe bereits im Mai 2019 Hinweise auf mögliche schädigende Handlungen der Firma Infront gegenüber dem DFB erlangt, hieß es weiter. Untersuchungen des Beratungsunternehmens Esecon hätten dies bestätigt. Allerdings soll der DFB Infront im Jahr 2013 mit der Beschaffung von Bandenwerbepartnern beauftragt haben, obwohl eine andere Firma für das lukrative Geschäft bis zu 18 Millionen Euro mehr geboten habe. Für den Deal soll die damalige Führung des DFB Gegenleistungen erhalten haben. So soll im Monat des Zuschlags der Sohn des damaligen DFB-Generalsekretärs Helmut Sandrock eine Stelle bei Infront bekommen haben.

DFB-Präsident Fritz Keller gab zu Protokoll, dass er die Ermittlungen unterstützen wolle. "Ich kann nur sagen, dass wir in der Angelegenheit vollumfänglich kooperieren werden", sagte der 63-Jährige. Keller ist seit September 2019 DFB-Boss und hatte vorher kein Spitzenamt beim größten Sportfachverband der Welt. Er sei vor einem Jahr angetreten mit einer Generalinventur, die im letzten Dezember eröffnet worden sei und eine vollumfängliche interne Aufklärung zu allen Vorgängen der letzten Jahre bis zurück ins Jahr 2003 umfasse, erklärte der 63-Jährige. Er stehe "auch für eine Öffnung und für eine vollkommene Transparenz, und eigentlich kann ich eine staatliche Unterstützung in den Untersuchungen nur begrüßen."

Quelle: ntv.de, ter/sid