Fußball

DFB-Sturm wirbelt ohne Effizienz Der Unterschied heißt Antoine Griezmann

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Ein über jeden Zweifel erhabener Elfmeter und das vermutlich schönste Kopfballtor seit Jahren: Griezman ragt heraus.

(Foto: imago/PanoramiC)

Bundestrainer Joachim Löw geht mit seiner Aufstellung gegen Frankreich "all in" - und wird belohnt. Mit Timo Werner, Leroy Sané und Serge Gnabry spielt Deutschland aufregenden Fußball wie lange nicht. Doch der größte Makel bleibt. Noch.

Selten wurde der Katastrophentourist so enttäuscht wie am Dienstagabend im Pariser Stade de France. Ein Fußball-Tsunami drohte die deutsche Nationalmannschaft zu überfluten und mit seiner Zerstörungskraft die letzte Instanz des ohnehin schon heftig reduzierten Weltmeistererbes zu rauben: den Bundestrainer. Doch Joachim Löw hatte den seit Monaten schrill erklingenden Alarm des nationalen Warnsystems ernstgenommen, er setzte der physischen Wucht der französischen Weltmeister die Wucht und Lust der eigenen Jugend entgegen. Endlich, wie nun in jedem Forum freigeatmet wird. Zwar ging der Plan in der unanfechtbaren Währung Ergebnis nicht auf, das 1:2 (1:0) wird dennoch nicht zu unrecht als stärkste deutsche Länderspiel-Leistung 2018 gewertet - und nur in Nebensätzen erwähnt, dass die sechste Niederlage des Jahres die schlechteste Bilanz in der seit 1908 währenden Länderspielgeschichte ist.

Die positive Interpretation hat Löw erzwungen (oder sich aufzwingen lassen), weil er das von ihm stets sehr konsequent verfolgte Prinzip der Nibelungentreue aushebelte und in der Offensive mit Timo Werner, Leroy Sané und Serge Gnabry eine junge und ungewöhnliche Formation von der Kette ließ. Und dieses Sprachbild ist durchaus korrekt, denn die drei brachten eine seit Jahren nicht mehr gesehene Anarchie in das deutsche Spiel - allerdings auch phasenweise geduldet von sehr nachlässiger französischer Abwehrarbeit. Kein langweilender Ballbesitz, keine Maxime der absoluten Kontrolle, kein Lauern und Zurechtlegen, dafür Ideen und Vollgas im Dauerfeuer.

Staunende Zuschauer, staunende Franzosen. Zumindest in den ersten 45 Minuten. Der einzige Makel: die Effizienz. Denn was nach überraschend steilen Pässen von Toni Kroos und Joshua Kimmich sowie immer wieder mutigen Vorstößen der beiden starken Außenverteidiger Nico Schulz (links) und Thilo Kehrer (rechts) regelmäßig spektakulär begann, wurde fast ausnahmslos schlampig zu Ende gebracht. So zum Beispiel in frustrierender Perfektion in der 19. Minute als Sané einigermaßen freistehend nicht den Abschluss suchte, sondern einen Pass auf den mitgelaufenen Werner verunfallte.

Wer vollstreckt die Wucht?

Es bleibt, was zuletzt immer blieb: eine ärgerliche Chancenverwertung. Wobei auch das nicht so ganz stimmt, denn gefährlich war's ja eigentlich nicht. Das schöne und spektakuläre Spiel, was nun bestaunt und als Mutmacher gedeutet wird, löste sich zu oft unmittelbar vor der unheilvollen Zone auf. Klar, den etwas umstrittenen Elfmeter hat Sané mit seiner Entschlossenheit vielleicht erzwungen, den unter akuter Bedrängnis im Fallen abgegebenen und von Hugo Lloris stark parierten Schuss von Innenverteidiger Matthias Ginter (24.) kann man kontrollierter nicht aufs Tor bringen, aber sonst? Ein verzogener Kopfball erneut von Ginter (36.) und ein zu zentraler Schuss von Gnabry Mitte der zweiten Halbzeit direkt auf Lloris vielleicht noch. Der kaum nennenswerte Erkenntnisgewinn dieser Situationen: Einen Mann für Tore hat die Nationalmannschaft auch nach dem eingeleiteten Umbruch nicht.

Dem Bundestrainer ist das kaum vorzuwerfen. Er kann nur das verwalten, aufstellen, verschieben, was ihm von den Vereinen angeboten wird. Die Nationalmannschaft ist kein Ausbildungsbetrieb, sondern die Zusammenstellung der Besten. Und im Auswahlregal ist nun mal kein Antoine Griezmann zu haben. Keiner wie der Atletico-Star, der seinen Kopf so instinktiv und intelligent in eine scharfe Hereingabe von Lucas Hernandez dreht, dass daraus das schönste Kopfballtor der vergangenen Jahre resultiert oder der einen Elfmeter ohne den Hauch eines Zweifels ins Tor pfeffert - gänzlich anders als der nach den schweren DFB-Monaten nachvollziehbar nervöse Kroos beim 1:0 für Deutschland. Was also tun? Verzweifeln? Abwarten? Nein, denn Löw hat nun plötzlich wieder ein hoffnungsvolles Fundament. Längst noch nicht ausgehärtet, perspektivisch aber stabil genug, um darauf etwas Neues, Erfolgreiches zu errichten.

Der Dortmunder Marco Reus (mal wieder verletzt) beispielsweise kann helfen, ebenfalls der Gladbacher Lars Stindl (gerade erst wieder fit). Beides zwar auch keine Sturmochsen, aber clever, routiniert und abschlussstark genug, um die im Stade de France freigelegte Offensivanarchie der Jugend zu Toren zu vollenden. Selbst der Freiburger Nils Petersen, dem ja oft die internationale Klasse abgesprochen wird, kann mit seinem Instinkt erfolgreich in die Wucht eingebunden werden. Auch der Neu-Schalker Mark Uth, zu seiner Hoffenheimer Zeit durchaus als abgezockter Vollstrecker bekannt, verdient sich nach seinem nicht so schlechten Debüt gegen die Niederlande mindestens eine zweite Chance - vielleicht sogar im Rückspiel in der heimischen Arena in Gelsenkirchen. Und sonst gibt's ja immer noch den Kölner Simon Terodde. Seine Bilanz in dieser Saison: neun Spiele, 16 Tore. Das kann selbst Antoine Griezmann nicht.

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Quelle: n-tv.de

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