Fußball

Ein Modell, das es nicht gibt Der große Irrtum von Jürgen Klinsmann

251f53a4759d019fbc2fde062d9ae34c.jpg

Jürgen Klinsmann ist mit seinen Vorstellungen bei der Hertha gescheitert.

(Foto: imago images/Kolvenbach)

Jürgen Klinsmann war bei Fußball-Bundesligist Hertha BSC angetreten, um die großen Ziele von Investor Lars Windhorst mit sportlichen Inhalten zu füllen. Überraschend schnell bricht er seine Mission ab. Wohl auch, weil er als Reformer zu viel Macht wollte.

Jürgen Klinsmann, so sagt er, habe am Montagabend noch einmal überprüft, ob er auf dem Holzweg sei. Ob sein Gefühl, dass er die Arbeit bei Hertha BSC so nicht weiterführen könne, ihn täusche. Er habe sich mit Vertrauten ausgetauscht, unter anderem mit den Kollegen aus seinem Trainerteam. Und mit dem Investor Lars Windhorst. Das Ergebnis der Beratung: Nein, er war nicht auf dem Holzweg. Er spürte kein Vertrauen für seine Arbeit. Und deshalb musste er Konsequenzen ziehen. Die sind überraschend, gravierend und schädlich für alle Beteiligten. Der Fußball-Bundesligist wird verspottet, der Trainer auch - statt "Big City Club" gibt's "Big City Chaos".

Und dem liegt wohl auch ein gewaltiger Irrglaube von Klinsmann zugrunde. Denn offenbar war er am 27. November bei den Berlinern als Trainer angetreten, um nicht weniger als alles zu verändern. Er wollte nicht bloß Starthelfer für die überambitioniert wirkende Spitzenklub-Vision des Investors sein, sondern wie schon bei seinen vorherigen Stationen Reformer, Erneuerer, vielleicht auch ein wenig Messias. Als der galt er ja bereits, als er den überforderten Ante Covic ersetzte. Das Mittelklassegrau des Klubs bekam kosmopolitischen Glanz. Die Hertha war nicht mehr Nische, sie war nationales Interesse. Wegen Klinsmann.

Und der dachte wieder groß. So wie er es immer getan hatte. Als Bundestrainer, als Coach des FC Bayern. Der "Bild"-Zeitung erklärte er, dass es bei seinem Rücktritt um unterschiedliche Denkweisen und die Verteilung von Kompetenzen ging. Auf der einen Seite stand die Fraktion um Manager Michael Preetz und Präsident Werner Gegenbauer, die organisches Wachstum als Fundament für den Erfolg des Klubs sehen. Auf der anderen Seite stand das Lager um Windhorst und Klinsmann, denen es nicht schnell genug gehen konnte: Klassenerhalt, Europa League, Champions League, Meisterschaftsanwärter - alles in spätestens fünf, gerne aber auch schon in drei Jahren.

"Gesamte sportliche Verantwortung"

Das wirkte absurd, aber auch spannend. Klinsmann versuchte radikal, die Ambitionen Wirklichkeit werden zu lassen. So sehr er das Spiel der Mannschaft auf seine Zweckdienlichkeit im Abstiegskampf hin umbaute, auf stabilen Ergebnisfußball, so sehr arbeitete Klinsmann auch daran, alles zu zerlegen und neu aufzubauen - wobei es dazu nicht mehr kam. Die Hierarchie des Teams - verändert. Das Trainerteam - verändert. Der Kader - (teuer) verändert. Klinsmann war längst mehr als ein Trainer, er war, wie er selbst fand, ein "Projektleiter". Und als dieser hätte er gerne die "gesamte sportliche Verantwortung" übernommen, wie er der "Bild"-Zeitung nun erklärte. Das "englische Modell" sei sein Vorbild, sein Verständnis.

Diese Strukturen aber gibt es in Deutschland, in der Bundesliga nicht. Sportvorstände, Manager, Direktoren - das Geflecht der Entscheider ist vielschichtiger. Es sind mächtige Entscheider, die nicht bereit sind ihren Kompetenzbereich aufzugeben. Erst recht nicht für eine Vision. Klinsmann, so sagt er, "finde" sich in diesem Geflecht "nicht wieder". Und überhaupt sei der Job "ein Himmelfahrtskommando" gewesen - was er damit meint, führte er nicht aus. Warum aber hat er sich dann auf diese Aufgabe eingelassen? Warum dachte er über eine mittelfristige Zusammenarbeit nach? Waren seine Visionen, seine Machtvorstellungen nicht abgesprochen? Oder nur mit dem Investor, von dem sich Hertha abhängig gemacht hat? Und wie geht es nun weiter?

Klinsmann zieht sich vorerst in seine Heimat, die USA zurück. Dem Klub bleibt er über den Aufsichtsrat erhalten. Operative Machtkompetenzen hat der 55-Jährige nicht. Aber er ist und bleibt der Vertraute des Investors. Ob ihm das reicht? Ob Windhorst das reicht? Lothar Matthäus, der mit Klinsmann sowohl in der Nationalmannschaft als auch beim FC Bayern gespielt hat und ihm seit Jahren in herzlicher Abneigung verbunden ist, sagte der "Bild" nun: "Jürgen ist jemand, der Machtmensch ist, der dann alles oder nichts spielt."

Das Spiel hat Klinsmann vorerst verloren. Der Widerstand im Klub gegen seine Revolution war zu groß. Nun bleibt die Frage: Wie groß ist die Lust von Windhorst sich diesen Widerständen zu erwehren? Sein Ansinnen ist Rendite, keine romantische Erweckungsgeschichte. Für den Klub ist das durchaus gefährlich. Es spricht viel dafür, dass die Hertha sich auf dem Holzweg befindet.

 

Jürgen Klinsmann schmeißt nach nur 76 Tagen bei Hertha BSC als Trainer hin. Anfangs präsentiert er sich als Visionär, weckt Euphorie und entwickelt große Ambitionen. Doch die Realität heißt Abstiegskampf und endet in einem stillosen Abgang. Auch Fettnäpfchen lässt der Kurzzeit-Coach nicht aus. Seine Mini-Ära im Zeitraffer gibt's hier!

Quelle: ntv.de