Fußball

Zum 60. von Pierre Littbarski Der lustige Kobold mit den krummen Beinen

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Littbarski ist beim WM-Triumph 1990 auf dem sportlichen Olymp angekommen.

(Foto: imago/WEREK)

In Berlin trauern sie noch immer diesem großen Talent hinterher, das 1978 beim 1. FC Köln den legendären Hennes Weisweiler verzückt. Den Höhepunkt seiner Karriere erlebt Pierre Littbarski dann am 8. Juli 1990 in Rom.

Der "Kobold mit den krummen Beinen" hat über sich selbst gesagt: "Ich spiel' nun mal lieber mit zehn fröhlichen Menschen zusammen als mit zehn verbissenen". Seinen Hund nannte Pierre Littbarski in den 80er-Jahren Gante vom Nahetal und bei der WM 1990 hob er zusammen mit seinem Mannschaftskameraden Thomas Häßler den fiktiven Spaß-Sender "Deutsches Nationalelf-Fernsehen" aus der Taufe. Man darf vermuten, der Mann hat einen Sinn für Humor.

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Für jeden Ulk zu haben: Littbarski und Häßler.

(Foto: imago sportfotodienst)

Und so wird der gebürtige Berliner, der in den Jahren zwischen 1993 und 1997 auch große Erfolge als Spieler der Klubs JEF United und Brummell Sendai in Fernost feierte, sicherlich einst über diese Worte der "Berliner Zeitung" geschmunzelt haben: "Dass Japan bei der WM 2006 mitmachen darf, gebietet der Anstand; immerhin waren die Japaner so freundlich, eine Ehefrau für Pierre Littbarski zu finden."

Ob das allerdings tatsächlich so schwierig war, kann im Wissen der Worte der Erotik-Expertin Erika Berger wenigstens mit einem Fragzeichen versehen werden. Sie sagte dereinst über den jungen Kölner Nationalspieler: "Sex mit so einem Mann ist wie ein Rausch, ein Ausbruch aus allen bürgerlichen Zwängen." Wer den kleinen, gebürtigen Berliner je hat spielen sehen, kann die blumigen Worte von Erika Berger fast körperlich nachempfinden.

Aber auch Littbarski selbst kann zu diesem Thema eine heitere Anekdote beisteuern. Er erinnert sich gut daran, wie er nach seiner ersten WM 1982 in Spanien plötzlich immer kuriosere Fanpost erhielt: "Nicht selten schrieben mir junge Frauen, die ich noch nie in meinem Leben gesehen hatte, dass sie ein Kind von mir erwarten würden. Mit dem Zusatz: Es könnte aber auch von Thomas Kroth oder Stephan Engels sein, da bin ich mir nicht so sicher."

"Du bist ein Brasilianer"

1978 verließ Littbarski als junges Talent Berlin und heuerte beim 1. FC Köln an. Das sorgte für Aufregung in der Metropole. Denn wieder einmal hatte sich Hertha BSC nicht mit Ruhm bekleckert und einen hoffnungsvollen Nachwuchsspieler in den Westen ziehen lassen. Der Präsident seines Heimatvereins aus Zehlendorf erzählte: "Lediglich auf einer Geburtstagsfeier wurde ich einmal so nebenbei auf ihn angesprochen."

Beim FC war er herzlich willkommen. Trainer Hennes Weisweiler war von seinem Nachwuchsspieler Littbarski so begeistert, dass er ihm nur sagte: "Pack dir den Ball, Pierre, und lass sie tanzen. Mach was Schönes!" Viele Jahre später traf Littbarski auf den damaligen brasilianischen Nationaltrainer Felipe Scolari. Der nahm den ehemaligen Nationalspieler in den Arm und sagte: "Du bist kein Deutscher. Du bist ein Brasilianer. Schau dir nur an, wie du Fußball gespielt hast!"

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Littbarskis Devise war von Anfang an: "Wir sind doch als Fußballer in erster Linie Künstler, die mehr vom Applaus leben als vom Geld." Und er riss die Zuschauer zu Standing Ovations hin. Mit seiner Art wirbelte er die Bundesliga durcheinander. Doch als er kurz vor dem großen Durchbruch stand, bremste ihn das Leben aus. Nach einer Galavorstellung zu Hause gegen Braunschweig (8:0) wollte DFB-Beobachter Berti Vogts den jungen Kölner direkt befördern: "Ich hätte Littbarski dem Bundestrainer für den Kader der Nationalmannschaft zum Argentinienspiel vorgeschlagen, doch er bat mich, davon Abstand zu nehmen, da er am Montag heiratet." Manchmal geht das Private eben vor. Doch aufgeschoben war im Fall von Pierre Littbarski nicht aufgehoben.

"Die eigenen Füße nummerieren"

Er zeigte weiter sein Spiel - auch wenn ihn nicht jeder Trainer dafür liebte. Für den Niederländer Rinus Michels übertrieb Littbarski etwas mit dem Fummeln: "Sag' mir, wenn du Geburtstag hast, damit ich dir rechtzeitig einen eigenen Ball schenken kann." Und auch Max Merkel merkte kritisch an: "Dem Litti muss man die eigenen Füße nummerieren, damit er nicht dauernd darüber fällt."

Die "Süddeutsche Zeitung" nannte ihn "eine Mutter Teresa, die den 1. FC Köln gesundbeten will" und der "Stern" analysierte während der WM 1990 messerscharf: "Einen Ausnahmefußballer wie Pierre Littbarski, den Beckenbauer für gottbegnadet hält und heimlich liebt, hat er inzwischen umgeschult zum lebendigen Rasenmäher im deutschen Mittelfeld."

Als Wahlmann für die CDU aktiv

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"Pack dir den Ball, Pierre, und lass sie tanzen. Mach was Schönes!" - das sagte Weißweiler zu Littbarski.

(Foto: imago/Horstmüller)

Doch neben seinen außergewöhnlichen fußballerischen Fähigkeiten lieben die deutschen Fans vor allem den lebenslustigen Menschen Pierre Littbarski. Einer, der sich für keinen Scherz zu schade ist: "Ich habe alles ausprobiert. In einem Trainingslager ließ ich mir mit Frank Ordenewitz jeweils einen halben Bart stehen. Er die rechte Gesichtshälfte behaart, ich die linke. Sah überragend aus." Und jemand, der auf jede noch so exotische Frage eine Antwort weiß. Als Tanja aus Ellwangen von ihm einmal wissen wollte, was er beim Friseur sage, "um diese starke Frisur zu bekommen", antwortete Littbarski: "Ich sag' zum Friseur, mach die Augen zu und schneid' drauflos."

Für die Kameraden schleppte er riesige Koffer in die Trainingslager - randgefüllt mit einer Soundanlage und einem Amiga 500 "samt 'Space Invader'". Seine bevorzugte Musik in den 1980er-Jahren: Klaus Lage, Wolf Maahn, Electric-Light-Orchestra (ELO), Queen und Bruce Springsteen.

Ben Redelings

Ben Redelings ist ein leidenschaftlicher "Chronist des Fußballwahnsinns" (Manni Breuckmann) und Anhänger des ruhmreichen VfL Bochum. Der Autor, Filmemacher und Komödiant lebt im Ruhrgebiet und pflegt sein Schatzkästchen mit Anekdoten. Für ntv.de schreibt er dienstags und samstags die spannendsten und lustigsten Geschichten auf. Weitere Informationen zu Bens aktuellem Buch und seinem gleichnamigen Tourprogramm ("Fußball. Die Liebe meines Lebens") gibt es auf seiner Seite www.scudetto.de.

Für die CDU ließ er sich einmal als Wahlmann aufstellen und zeigte sich irritiert, als die Wiederwahl von Bundespräsident Richard von Weizenäcker länger dauerte als gedacht: "Um 15 Uhr ist doch Training!" Ein typischer Litti-Satz. Den schönsten Satz, den Pierre Littbarski aber vermutlich je in seiner Karriere gesagt hat, datiert vom 16. November 1989. Als gebürtiger Berliner kommentierte er damals die bewegenden Ereignisse in seiner Heimatstadt auf diese wundervolle Art und Weise: "Wenn jetzt die Kinder beim Spielen einen Ball über die Mauer schießen, können sie ihn wenigstens wiederholen."

Heute feiert der Weltmeister von 1990 seinen 60. Geburtstag. Alles Gute und Glück auf, Pierre Littbarski!

Quelle: ntv.de