Fußball

Die Wut über Gavi ist verstummt Der neue Wunderjunge des Weltfußballs

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Gavi verblüfft die Fußballwelt.

(Foto: AP)

Die spanische Fußball-Nationalmannschaft möchte gerne wieder einen Titel gewinnen. Das kann bereits an diesem Sonntagabend klappen. Dann steht das Finale in der Nations League gegen Frankreich an. Dabei vertrauen die Spanier auf einen jungen Wunderjungen.

Die Wut war groß, als Luis Enrique vor wenigen Tagen mitteilen ließ, dass er Gavi vertraut. Besonders groß war die Wut auf den Trainer der spanischen Fußball-Nationalmannschaft in der Hauptstadt Madrid. Sie war nahe der Weißglut. Die, die es gut mit Real meinen, waren massiv empört. Sie waren deswegen empört, dass Luis Enrique lieber vier Spieler des gigantisch taumelnden FC Barcelona für das Finalturnier der Nations League nominiert, als einen Fußballer des Tabellenführers der Primera Division. Das Herz des Coaches ist eben doch mehr katalanisch als königlich. Dabei hatte Luis Enrique doch für beide Vereine gespielt. Und beiden Klubs viel zu verdanken. Bei Real startete seine große Karriere, bei Barça wurde sie erst gekrönt und endete dann.

Nun also Gavi. Der ist 17 Jahre und ein paar Tage alt. Bis vor ein paar Wochen war dieser Mann, Entschuldigung, dieser Junge reichlich unbekannt. Er kommt bislang auf 363 Profi-Minuten. Das ist nicht sehr viel. Aber gut, Gavi ist eben auch noch sehr jung. Diese 363 Profi-Minuten haben den Chef der "Furia Roja" dermaßen beeindruckt, dass er sich gedacht hat: Ach komm, den nehm' ich mal mit. Und dann entschied sich der Chef vor dem Halbfinale der Nations League gegen Italien (2:1) auch noch so: Ach komm, den lass' ich auch einfach mal spielen. Und das machte er prima. So prima, dass weder aus Madrid noch aus den nahestehenden Medien neue Feuer gezündet wurden. Die emotionalen Fackeln der Wut wurden wieder verstaut.

Nun war Gavi indes nicht der Mann, der dieses Spiel entschieden hatte. Das war Ferran Torres von Manchester City. Die ziemlich "falsche Neun" spielte gegen den Europameister wie eine sehr "echte Neun" und erzielte beide Treffer. Nun sprachen sie aber dennoch fast nur über Gavi, der im Mittelfeld neben dem großen und großartigen Strategen Busquets, beide sind auch im Klub Kollegen, auflief. Sie sprachen über Gavi, weil er Ángel Zubietas entlegendete. Der war seit 1936 der jüngste Nationalspieler seines Landes.

"Er ist ein Geschenk"

Die lauteste Hymne aber stimmte der Trainer selbst auf seine Entdeckung an: "Wir sprechen bei ihm von einem seltenen Fall. Er spielt auf dem Platz, als wäre es der Hinterhof seines Hauses, er ist die Gegenwart und Zukunft der Nationalmannschaft." Der Aufstieg des 17-Jährigen ist so rasant, dass selbst die gierigen Fußballbörsen nicht hinterherkommen. Es gibt tatsächlich noch keinen Marktwert für Gavi. Währenddessen singt Luis Enrique seine Hymne euphorisch fort: "Er ist ein Geschenk, ein Spieler mit Persönlichkeit, mit beneidenswerten körperlichen Voraussetzungen." Oder um es einfach mal ganz kurz zu sagen: Gavi ist ein "außergewöhnliches" Talent.

Außergewöhnlich ist auch sein Weg, der nun bereits mit einem ersten großen Titel gekrönt werden könnte, wenn man den Triumph in der Nations League als großen Titel bezeichnen möchte. Gegen Frankreich geht es am Abend im Finale. Gavi wird sehr wahrscheinlich wieder beginnen und er wird dann im direkten Duell auf Topstars wie Paul Pogba, Lucas Hernández oder Raphael Varane treffen. Fürchten muss er das nicht. Denn er hatte es im Halbfinale ja bereits mit Legenden wie Leonardo Bonucci, Giorgio Chiellini oder Terriern wie Marco Verratti zu tun. Gegen den Europameister faszinierte der Teenager nicht nur mit seinem erstaunlichen Passspiel, sondern auch mit seiner Robustheit und Schläue im direkten Duell und der Arbeit gegen den Ball. "Er hatte die Aufgabe, sein Idol Verratti zu decken, und er hat das mehr als erfüllt", sagte Enrique.

Die Vita des Mannes, der noch keinen Marktwert hat und der wie ein Komet in der Weltelite einschlug, liest sich schon jetzt beeindruckend. Er hat schon jetzt mehr erlebt, als manch ein gestandener Profi am Karriereende. Gavi hat bereits gegen den FC Bayern gespielt, gegen Benfica Lissabon und gegen Meister Atletico Madrid mit den Defensiv- und Mentalitätsmonstern von Coach Diego Simeone. Alles in gerade einmal sieben Pflichtspiele als Profi gepresst. "Gavi ist eine Maschine. In San Siro brachte der Junge all diese kritischen Stimmen zum Schweigen und verwandelte sie in Lob", schrieb die "Marca" nach dem Länderspieldebüt gegen die Italiener und fragte voller Anerkennung: "Wo bist du denn hergekommen?" Gute Frage!

Gavi profitiert von Barcelonas Krise

Gestartet war sein Weg im Nachwuchs von Betis Sevilla. Als Elfjähriger wechselte er vor sechs Jahren in die legendäre Jugendakademie des FC Barcelona. In der "La Masia" deutete sich sein Talent nicht nur an, es wurde allzu schnell offenbar. Bereits als 16-Jähriger spielte er für die 2. Mannschaft in der 3. Liga.

Sein bemerkenswerter Aufstieg ins internationale Schaufenster ist aber aufs Engste mit dem brutalen Absturz seines Vereins verbunden. Der taumelt unter der Last der Schulden und ohne die Klasse von Lionel Messi in die schwerste Krise seit Jahrzehnten. Und nichts scheint das Verzwergen des einstigen Riesen aufhalten zu können. Vor allem nicht Ronald Koeman. Der wird in den spanischen Medien von allen Seiten angeschossen, sein Aus als Trainer quasi per Liveticker herbeigesehnt. Doch die Bosse halten noch stand, schenken ihm das Vertrauen. Ob aus Überzeugung oder der Not, dass die Trennung zu teuer ist, nun, beide Varianten geistern herum.

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Im Ringen um Stabilität und der Überforderung der Älteren und Neuen setzt Koeman auf junge Spieler. Seit Beginn der Saison ist Gavi im Kader, gab am 3. Spieltag gegen den FC Getafe sein Debüt. Seither steigerte sich sein Wert für das Spiel von Barça auch in Minuten. In den vergangenen drei Spielen stand er immer in der Startelf. Er ist längst nicht das einzige Talent, dass eine erstaunliche Relevanz für den Verein erreicht hat. Noch viel prägender ist der ein Jahr ältere Pedri, auch den übrigens hatte Luis Enrique gegen die Wut und Verwunderung im Land für die EM nominiert. Dort faszinierte er mit seiner Übersicht und den herausragenden Pässen einen ganzen Kontinent. Beim FC Barcelona trösten sie ihr Leid mit dem zarten Traum, dass Gavi und Pedri womöglich ein so geniales Duo werden, wie einst Xavi und Andres Iniesta.

Ganz schön viel Lorbeer, ganz schön viel Druck. Aber vorerst keine Wut und Verwunderung mehr. Nicht mal bei Real Madrid und all jenen, die es gut mit den "Königlichen" meinen.

Quelle: ntv.de

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