Fußball

Loyaler Sorg wirbt für sich Der reservierte Schatten-Bundestrainer

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Marcus Sorg hat in der Abwesenheit von Bundestrainer Joachim Löw sein Profil geschärft. Bei den Spielern kommt der ehemalige Freiburger Bundesligatrainer auch in der Rolle als Chef hervorragend an.

(Foto: imago images / Eibner)

Zehn Tage lang vertritt Marcus Sorg den erkrankten Joachim Löw als Bundestrainer, am Ende der zumindest vorläufigen Kurzkarriere als Chef der Nationalmannschaft dürften zwei Siege aus zwei Spielen stehen. Doch der Ausflug ins Rampenlicht dürfte für Sorg viel mehr wert sein als sechs Punkte.

Eines stellte Marcus Sorg direkt zu Beginn seiner kurzen Amtszeit als Aushilfschef der deutschen Fußball-Nationalmannschaft klar: "Ich sehe mich selbstverständlich hier nicht in der Rolle des Bundestrainers", sagte der Vertreter des erkrankten Joachim Löw. Dieser wisse, dass er sich darauf verlassen könne, dass er da gar "keine Intention habe", betonte Sorg.

Zehn Tage lang vertrat der Assistent den Weltmeistercoach von 2014 - und schärfte trotz seiner Loyalität gegenüber Löw dabei sein Profil. Sorgs Stil kam auch bei den Spielern gut an. "Er ist ein sehr akribischer Trainer und detailverliebt, was ich sehr schätze an ihm, weil ich das Gefühl habe, dass man in jeder Trainingseinheit was dazulernt", sagte der Münchner Leon Goretzka und lobte auch das "herausragende taktische Verständnis" des Ersatz-Bundestrainers.

Profiteur des WM-Debakels

Bei Löw steht der 53-Jährige, den DFB-Direktor Oliver Bierhoff als "Vollbluttrainer" bezeichnete, ebenfalls hoch im Kurs. Nach dem WM-Debakel vor einem Jahr in Russland kam alles auf den Prüfstand. Das aufgeblasene Expertenteam wurde verkleinert, Co-Trainer Thomas Schneider auf den Posten des Chefscouts weggelobt. Sorg durfte bleiben - und ist seitdem die rechte Hand des Bundestrainers. Neben seiner Loyalität schätzt Löw auch den Kritiker in Sorg. Dieser spreche "die Dinge klar an" und sei "in der Lage, Entscheidungen zu treffen", sagte Bierhoff. Folglich genießt Sorg auch in der Mannschaft ein hohes Ansehen, mit einigen Spielern arbeitete er schon im U-Bereich zusammen. "Wir haben genauso großes Vertrauen in ihn wie wir es in Jogi haben", sagte Julian Draxler.

Nach dem EM-Qualifikationsspiel am Dienstagabend in Mainz gegen Estland (20.45 Uhr bei RTL und im Liveticker auf n-tv.de) rückte Sorg erst einmal wieder in die zweite Reihe. Unrecht ist ihm dies vermutlich nicht. Auf allzu grelles Rampenlicht reagierte er früher schon einmal mit Unbehagen. "Ich komme aus Baden-Württemberg, da sind die Menschen ein wenig reservierter", sagte der gebürtige Ulmer über sich: "Ich brauche keinen Prominentenstatus."

Loyaler Schatten-Bundestrainer

Deutschland - Estland (20.45 Uhr/RTL)

Deutschland: Neuer - Kehrer, Ginter, Süle, Schulz (46. Halstenberg)– Kimmich, Gündogan, Goretzka - Sané, Gnabry, Reus
Estland: Lepmets - Kams, Vihman, Teniste, Mets, Pikk - Dmitrijev (59. Käit), Pur, Tamm, Vassiljev - Zenjov (71. Ojaama)
Schiedsrichter: Ali Palabiyik (Türkei)
Zuschauer: 26.050 in Mainz (ausverkauft)
Gelbe Karten: - Tamm
Tore:
1:0 Reus (10.), 2:0 Gnabry (17.), 3:0 Goretzka (20.), 4:0 Gündogan (27., FE), 5:0 Reus (37.), 6:0 Gnabry (62.), 7:0 Werner (79.), 8:0 Sané (88.)

Allerdings weiß man nie, was noch kommen kann. Beim Deutschen Fußball-Bund (DFB) gibt es eine gewisse Tradition, den Assistenten zum Nachfolger des Bundestrainers zu machen. Vier der neun Chefs nach dem Zweiten Weltkrieg übten zuvor die Rolle des Co-Trainers aus. Helmut Schön löste 1964 Sepp Herberger ab und wurde 1978 von seinem Gehilfen Jupp Derwall ersetzt. Berti Vogts übernahm nach dem WM-Titel 1990 von Teamchef Franz Beckenbauer, Löw trat nach dem Sommermärchen bei der Heim-WM 2006 aus dem Schatten von Jürgen Klinsmann. Und Sorg? "Ich bin es gewohnt, vor einer Gruppe zu sprechen und Entscheidungen zu treffen", sagte der Ersatz-Bundestrainer - und wird künftig doch wieder Löw zuerst über seine Entscheidungen informieren.

Quelle: n-tv.de, Oliver Mucha und Marco Mader, sid

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