Fußball

Meine Erinnerung an den Terror Die Brutalität der Fußball-Normalität

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Zuflucht im Innenraum: Die Zuschauer strömten nach dem Spiel aufs Feld, die Situation rund um die Anschläge war unklar.

(Foto: AP)

Vor genau zwei Jahren überzieht der Islamische Staat die französische Hauptstadt Paris mit seinem Terror. Während in der Stadt mehr als 100 Menschen sterben, läuft ein Fußballspiel - Frankreich gegen Deutschland. Es gibt Detonationen, Angst, Chaos. Ein n-tv-Reporter war am 13. November 2015 auch im Stadion.

Die Erinnerung an den Abend, an dem der Fußball plötzlich auf furchtbare Weise egal wurde, ist zwei Jahre später eigentlich nicht mehr ständig präsent. Aber sie kann sehr, sehr schnell wiederkommen. Viel schneller als einem lieb ist.

Im November, so sagt mir der Kollege, spielt die deutsche Fußball-Nationalmannschaft ja traditionell unspektakulär bis schlecht. Er sagt das am Freitagabend. Die Partie in Wembley gegen England ist seit rund anderthalb Stunden vorbei, wir sitzen im Hotel und schreiben über das zähe 0:0. Er zählt auf: 2012 gab's ein 0:0 in den Niederlanden, ein Jahr später ein 1:1 in Italien und ein 1:0 in England, 2014 ein 1:0 in Spanien. Und 2015 ein 0:2 in Frankreich. Es ist nicht so, dass ich erschrecke. Aber die Bilder sind sofort wieder präsent.

Wie komme ich hier raus?

Und die Geräusche im Stade de France zu Saint Denis an diesem 13. November 2015. Die erste Detonation, die ich für einen Böller halte, obwohl mein Nebenmann sofort argwöhnt, dass das nicht normal sei. Dann knallt es ein zweites Mal, später ein drittes Mal. Mittlerweile wissen auch wir auf der Pressetribüne, was da vor sich geht. Der Islamische Staat überzieht Paris mit seinem Terror, tötet am Ende mehr als 130 Menschen. Auch vor dem Stadion explodieren drei Sprengsätze.

Meine Gedanken kreisen im Stadion längst nicht mehr um die zu schreibende Einzelkritik und die Analyse des Spiels. Die einzige Frage, die mich beschäftigt, ist: Wie komme ich hier raus? Das Ergebnis des Spiels bekomme ich nicht mehr mit. Es mag lächerlich klingen, schließlich ist uns im Stadion allen nichts passiert. Aber selten hatte ich so eine Angst. Lauern die Attentäter vor dem Stadion? Warum stürmen die Menschen nach dem Schlusspfiff plötzlich wieder herein? Ich kann doch jetzt nicht mit der Metro fahren! Warum sagt uns keiner was?

Für uns ist - das soll nicht zynisch klingen - letztlich alles gut gegangen. Ein Bus bringt uns gegen halb drei durch die menschenleere Stadt zu einem Hotel. Von dort aus fährt mich ein Taxi in die Nähe meiner Unterkunft in Saint Germain. Die Straße ist abgesperrt, die letzten Meter bis zur Haustür begleitet mich ein Soldat mit umgehängter Maschinenpistole.

Terroralarm in Hannover

Ich bin froh, als ich am nächsten Tag die Stadt verlassen kann und zurückfliege. Meine damals neun Jahre alte Tochter fragt mich, ob die Verbrecher nun auch in Berlin zuschlagen. Ich bin hilflos und denke sinngemäß das, was der Bundesinnenminister Thomas de Maizière vier Tage später im Fernsehen sagen wird: "Teile meiner Antwort würden dich verunsichern." Er hat das gesagt, nachdem das Länderspiel am 17. November 2015 in Hannover gegen die Niederlande wegen Terrorgefahr abgesagt worden war und er nach den Gründen gefragt worden war. Ich war als Reporter für das Spiel dort.

Im Niedersachsenstadion habe ich gemerkt, wie tief der Schreck sitzt. Nicht schon wieder. Hastig haben wir unsere Sachen gepackt und sind so schnell wie möglich ins Hotel gefahren. Dass der Fußball wieder so was von egal war, war dabei das geringste Problem.

Und nun? Hat sich, zwei Jahre danach, etwas geändert? Ich kann nicht für alle sprechen. Aber die Routine hat uns wieder. Während der Europameisterschaft 2016 war ich dreimal im Stade de France; und jedes Mal war mir ein bisschen weniger mulmig zumute. Morgen heißt es: Einzelkritik, Analyse, Bilanz des Länderspieljahres. Das ist gut und schlecht zugleich. Die Erinnerung ist nicht ständig präsent. Aber jetzt ist sie wieder da. Und es ist ja nichts passiert.

Quelle: ntv.de