Fußball

Das DFB-Team in der Einzelkritik Die furiosen Neuer und Musiala nerven England

Hansi Flick bleibt als Bundestrainer ungeschlagen, er muss allerdings auch weiter mit dem Makel leben, gegen einen "Großen" noch nicht gewonnen zu haben. In der Nations League gegen England ist die deutsche Fußball-Nationalmannschaft allerdings verdammt nah dran, ehe sie spät noch böse erwischt wird. "Wir haben ein tolles Spiel gezeigt, uns aber leider nicht belohnt", klagte Flick im ZDF. Jonas Hofmann, der Deutschland in Führung gebracht hatte (51.), ärgerte sich: "Es ist bitter, diesen Ausgleich noch zu kassieren, extrem blöd." Ein halbes Jahr vor der WM in Katar suchen Flicks Fußballer weiter nach der Durchschlagskraft in der Offensive. Für England traf Superstar Harry Kane, per Elfmeter (88.). Der Neu-Dortmunder Nico Schlotterbeck hatte den Stürmer zu Fall gebracht, der Videobeweis brachte die Entscheidung. Unsere Einzelkritik.

Manuel Neuer: Der Titan spielt titanesk (ntv.de-Urteil). Oder weltklasse (Urteil von Flick). In seiner heimischen Arena in München ließ er nicht nur die englischen Angreifer verzweifeln, er beendete mit seiner Leistung auch jede Diskussion, ob nicht womöglich ein anderer deutscher Keeper mittlerweile besser ist. Seien wir ehrlich, die Debatte war zwar nie groß, aber vereinzelt wurde gesummt, dass Kevin Trapp, der Held des Frankfurter Europa-League-Märchens, nicht womöglich ein Kandidat für den Stammplatz in Katar wäre. Antwort an diesem Abend: Blöd für Trapp, aber nein! Gegen Bukayo Saka ließ Neuer seinen legendären Reklamierarm zur Parade in die Höhe schnellen (45.+1), beim Distanzhammer Mason Mounts (53.) flog er äußerst flink ins Eck und gegen Kane hielt er aus kurzer Distanz einfach nur phänomenal. Einmal hatte er allerdings auch das Glück des Titanen, dass seine missglückte Abwehr unter Bedrängnis nach einer Ecke von Kane nicht bestraft wurde (26.).

Lukas Klostermann: War die Diskussion um die Titanen eher leise, so wurde die Besetzung der Außenverteidiger sehr laut debattiert. Fast ein wenig untergegangen war dabei, dass auch Lukas Klostermann eine Option für die Wüsten-WM sein könnte. Nun spielte der Leipziger mal wieder von Beginn an und das sehr vernünftig. Hatte mit Saka und Raheem Sterling zwei unangenehme, weil extrem schnelle und trickreiche Gegenspieler. Aber er hatte sie weitgehend gut im Griff. Überzeugte mit starkem Stellungsspiel, traute sich indes viel zu selten auch selbst mal offensiv zu werden. Am Stammplatz-Pokertisch hat er aktuell dennoch ein gutes Blatt am Fuß.

Antonio Rüdiger: Die Innenverteidigung war lange Zeit ein großes Thema in Deutschland. So richtig hatte sich niemand gefunden, der die Nachfolge der von Joachim Löw per Blitz-Knockout aussortierten Heldengrätscher Mats Hummels und Jérôme Boateng antreten konnte. Mittlerweile ist das Thema aber erledigt. Auch dank Rüdiger, dem Mann, der vom FC Chelsea zu Real Madrid wechseln wird. Der früher manchmal etwas fahrig wirkende Hüne ist ein echter Gladiator geworden, ein Anführer, ein Abwehrchef. Gegen England räumte er alles ab, was durchaus bemerkenswert ist, bei einem Weltklasse-Gegenspieler wie Kane. Die beiden lieferten sich ein paar pfeffrige, aber faire Duelle, mit dem Punktsieger Rüdiger.

Nico Schlotterbeck: Bei Twitter wird schon gespottet: Er ist noch nicht einmal bei Borussia Dortmund, seinem neuen Arbeitgeber, angekommen und schon leistet er sich kapitale Fehler, wie man sie sonst nur von der oft so vogelwilden Abwehr des BVB kennt. Sein Elfmeter fällt in die Kategorie unglücklich. Er berührt Kane, der nimmt dankend an. Auch sonst täte es ihm gut, etwas vorsichtiger zu sein. Klar ist es schön, einen Abwehrspieler zu haben, der das Spiel mutig antreibt. Aber dann müssen die Vorstöße und Zuspiele auch sitzen. Kommt noch zu selten vor. Machte zu viele Fehler, leistete sich zu viele hastige Abspiele, die in den Füßen der pfeilschnellen Engländer landeten und Gefahr heraufbeschworen. Im Stammplatzduell mit Niklas Süle derzeit hinten dran.

David Raum: In seinen ersten Länderspielen (haha, er hat ja erst fünf) war der Hoffenheimer extrem schüchtern, er wirkte nicht wie jemand, dem man die linke Abwehrseite in der Hauptverantwortung übertragen möchte. Doch die Entwicklung des 24-Jährigen ist bemerkenswert. Gegen England machte er sein bislang bestes Länderspiel, war sehr mutig, sehr energisch und bereitete zahlreiche Chancen der deutschen Mannschaft vor. Brach oft bis zur Grundlinie durch, brachte den Ball flach und scharf ins Zentrum und schlug überlegte Flanken. Bringt alles mit, was Flick fordert. Vor allem Dynamik. Muss allerdings aufpassen, dass er seine Kernaufgabe nicht vernachlässigt, gegen Saka war er nicht immer erster Sieger. Es gibt in der Form aktuell dennoch keinen besseren Außenverteidiger in Deutschland. Er ist WM-Kandidat Nummer eins, bitter für Thilo Kehrer, der bislang gesetzt schien.

Joshua Kimmich: Man wundert sich ja schon darüber, über wie viele Spieler und Positionen in der Nationalelf diskutiert wird. Für die Verantwortlichen ist das eine gute Nachricht, denn sie kämpften ja lange Zeit mit einem aktiven Desinteresse der Fans. So, und nun zu Kimmich. Der war und ist Hauptgegenstand von Experten-Talks. Vergessen ist mittlerweile das Impftheater, dafür geht es nun darum, ob Kimmich eher Antreiber oder Anker ist. Gegen England war er wieder einmal beides. Wurde von den Engländern extrem bedrängt, konnte sich zunächst nicht entfalten, blieb aber ruhig unter Druck. Spielte einen Sensationspass auf Hofmann vor dem 1:0 und wirkte danach als Antreiber präsenter. Machte eines seiner besten Spiele in diesem Jahr und ist wieder auf dem Weg zu jener Form, die ihn einst in Deutschland zum Hoffnungsträger Nummer eins für eine erfolgreiche Zukunft machte.

İlkay Gündoğan: Er ist ein Stammspieler, der seinen Stammplatz sucht. Er ist damit der größte Härtefall im DFB-Team. Durfte dieses Mal für Leon Goretzka ran und machte ein unglaublich gutes Spiel, er zog die Bälle magisch an und verteilte sie clever. Lupfte sich manchmal sogar den Weg gegen die attackierenden "Three Lions" frei, war immer anspielbar. Ach, wie schön wäre es doch, wenn Fußball nicht elf gegen elf, sondern zwölf gegen zwölf gespielt würde. So bleibt die Diskussion: Wohin mit Mr. Ballbesitz? Ab der 83. Minute Leroy Sané: Ist und bleibt das große Sorgenkind. Hätte sich selbst ganz viel Druck nehmen können, wenn er bei einem Zwei-gegen-Eins-Konter den Ball zu Timo Werner gebracht hätte. Doch sein Zuspiel wurde geblockt, irgendwie passend.

Jonas Hofmann: Serge Gnabry hat einen echten Herausforderer. Eigentlich gilt der Spieler des FC Bayern ja als unverzichtbar, aber mit einem Hofmann in dieser Verfassung muss Gnabry in Topform bleiben. Was eine gute Nachricht ist. Der polyvalente Gladbacher spielte dieses Mal nicht als Rechtsverteidiger, sondern dort, wo er eigentlich hingehört: auf dem offensiven Flügel. Irres Laufpensum, viele gute Ideen und zwei Tore - das war seine Bilanz. Ärgerlich: der erste Treffer zählte nicht wegen einer komplizierten Abseitsstellung. Sein anerkanntes Tor war überragend rausgespielt und noch besser vollendet, auch wenn Keeper Jordan Pickford nicht gut aussah. Ab der 65. Minute Serge Gnabry: Hatte direkt eine gute Szene, als er Gündoğan im Strafraum freispielte, dessen Schuss aber geblockt wurde. Danach umtriebig, aber ohne nennenswerte Akzente.

Thomas Müller: Gegen Italien lieferte "Radio Müller" keine gute Sendung ab. Auch gegen England war er nicht in bester Verfassung, aber deutlich verbessert. Seine Kommunikation auf dem Feld ist für die Mannschaft wertvoll und für den Bundestrainer unverzichtbar. Hatte viele kluge Aktionen, vor allem gegen den Ball. In der Offensive nach wie vor etwas gehemmt unterwegs. Hätte sich nach 70 Minuten mit einem Tor erlösen können, doch der manchmal starke und manchmal unsichere Keeper Pickford war spektakulär auf dem Posten, reagierte blitzfix und parierte per Faust zur Ecke. Ab der 75. Minute Leon Goretzka: Machen wir es kurz: Der Münchener war dabei, fiel nicht auf.

Jamal Musiala: Er spielte einst für die "Three Lions". In der U17 und der U21. Und in England hätten sie es ganz toll gefunden, wenn er auch für die "Großen" aufgelaufen wäre. Doch er entschied sich gerade noch rechtzeitig für sein Heimatland. Das ist das wohl spektakulärste Erbe, das Löw hinterlassen hat. Denn er bemühte sich, dass das Supertalent für Deutschland spielt. Und wie er das tut. Mit seinen Bewegungen sorgt er wieder und wieder für Staunen. Seine Technik ist beeindruckend, seine Dynamik, sein Mut ebenfalls. Der 19-Jährige beschäftigte mit seinen fulminanten Dribblings die ganze England-Defensive. Hat das Potenzial, einer der dominierenden Spieler dieser Dekade zu werden. Bei ihm ist es allerdings noch wie bei Gündoğan. Weil aber das Leistungsprinzip zählt, wie Flick in München nochmal bekannte, dürfte es bald eng für den wankelmütigen Leroy Sané werden. Musiala ist derzeit klar besser. Ab der 65. Minute Timo Werner: Er ist mit sechs Toren noch immer der beste Torschütze der Flick-Ära und bleibt dennoch umstritten. Der Bundestrainer verteidigte den Stürmer vor dem Spiel und lobte seine Bereitschaft, für die Mannschaft alles zu geben. Werner lieferte den entsprechenden Nachweis, ließ nach 75 Minuten die Chance zum 2:0 aus, Pickford parierte allerdings auch stark. Hatte später noch Pech, dass ein Zuspiel von Sané hängenblieb. Werner stand beim Konter alleine im Strafraum.

Kai Havertz: Wer ist Deutschlands Stürmer Nummer eins? Ein Diskussionsthema! Vielleicht sogar das Thema Nummer eins. Dieses Mal durfte sich der Champions-League-Sieger-Macher des FC Chelsea versuchen. War extrem bemüht und umtriebig, suchte Räume und Abschlüsse. Ist aber als Spielmacher deutlich wertvoller. Deutschland bekam von Kane vorgelebt, was es so vermisst: einen echten Stürmer der Kategorie Weltklasse. Havertz setzte aber seinen immer noch eher schmächtigen Körper mehrfach stark und gewinnbringend gegen die englischen Hünen ein. Er spielte ordentlich.

Quelle: ntv.de

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