Fußball

Degradiert, aber unverzichtbar?Nagelsmann schickt Rüdiger in ungewohnten Kampf

27.03.2026, 08:24 Uhr
imageVon Sebastian Schneider, Basel
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Bleibt erst mal in der zweiten Reihe: Antonio Rüdiger. (Foto: picture alliance/dpa)

Jahrelang fährt Antonio Rüdiger als Abwehrboss zur deutschen Fußball-Nationalmannschaft. Diese Zeit endet unmittelbar vor der Weltmeisterschaft. Der Innenverteidiger musste sich zuletzt so einigen unliebsamen Debatten stellen.

Für den WM-Erfolg ist Julian Nagelsmann zu manchem ungewöhnlichen Kniff bereit. Aber ohne Not am offenen DFB-Brustkorb operieren? Darauf lässt sich der Bundestrainer dann doch nicht ein. "Die Innenverteidigung ist sehr, sehr nah an deinem Herzstück und sollte nicht ständig verändert werden", verkündete Nagelsmann im überfüllten Presseraum des St. Jakob-Parks in Basel. Heißt übersetzt: Das Duo Jonathan Tah und Nico Schlotterbeck bleibt dort gesetzt - und Antonio Rüdiger fällt (erst mal) hintenüber.

So knapp die Entscheidung war: Für den 33-Jährigen kommt das überraschend. Jahrelang fuhr Rüdiger als Abwehrchef zur deutschen Fußball-Nationalmannschaft. Nagelsmann ist eigentlich einer seiner großen Fürsprecher - und doch: Als der Bundestrainer unter der Woche die WM-Rollen verteilte, da fehlte bei Rüdiger ein entscheidender dramaturgischer Hinweis: der für die Startelf. Stattdessen stand da bei Rüdiger etwas, was ihm schon lange nicht mehr zugeschrieben wurde: die Rolle des Herausforderers.

Offiziell bekleidet Rüdiger seine neue Aufgabe erstmals bei den beiden Testspielen gegen die Schweiz (20.45 Uhr/RTL) und drei Tage später gegen Ghana (20.45 Uhr/ARD, beides im ntv.de-Liveticker). Am Ende war es eine rein sportliche Entscheidung: Die vielen Verletzungen und fehlende Spielpraxis kosteten Rüdiger den Stammplatz - und gleichzeitig machte es sein Ersatz besser als nur ein Ersatz.

Rüdiger hatte sich das schon gedacht. "Wenn Julian mich braucht, werde ich da sein - egal, ob Startelf oder von der Bank, um das Ergebnis zu sichern", versicherte er unter der Woche über den "Kicker". "Während einer WM brauchen wir sowieso mehr als nur elf Spieler, erst recht in diesem Sommer." Schließlich sind da die extrem weiten Wege, die klimatischen Bedingungen und mehr Spiele als je zuvor.

Mario Baslers Wutrede

Und dennoch: Für Antonio Rüdiger muss die Entscheidung der nächste Rückschlag in ohnehin schon aufwühlenden Wochen sein. Nach seinem Knie-Gesichts-Vorfall gegen Diego Rico vom FC Getafe (später dazu mehr) liefen wieder einmal die Debatten: Abermals wurde eifrig darüber diskutiert, ob denn einer von Fußballdeutschlands besten Innenverteidigern überhaupt WM-tauglich sei. Ist er noch haltbar? Oder sogar unverzichtbar?

Das gipfelte in der Anekdote, dass Mario Basler sich mit sehr viel Wut im Bauch äußerte. Basler, immerhin 1998 selbst eher unehrenhaft aus der DFB-Elf entlassen, bezeichnete schon Rüdigers Nominierung als "absolute Schweinerei". Er habe aus Wut seine "Mitgliedschaft für die Fußball-Lehrer-Lizenz gekündigt", sagte Basler in einem Podcast. "Die bekommen von mir nicht einen Euro mehr."

Die seltsame Basler-Anekdote erzählt aber etwas über Debatten rund um Rüdiger. Für Grautöne ist dort auffällig selten Platz. Es geht nicht um ein Foul, es geht gleich um den gesamten Charakter. Bundestrainer Nagelsmann sagte es jüngst so: Es gebe bestimmte Spieler, bei denen werde "immer mehr daraus gemacht als bei anderen". Und Rüdiger sei eben jemand, "der super polarisiert". Das ist noch diplomatisch ausgedrückt: Noch während der Heim-EM wurde ihm aus rechter Ecke vorgeworfen, ein Islamist zu sein.

Dabei erfüllt er eigentlich eine sehr deutsche fußballerische Sehnsucht. Seit Jahren wird in Talkshows darüber gejammert, es gebe hierzulande keine sogenannten Typen mehr. Es fehlten diejenigen, die den Platz fachmännisch grätschend umgraben, oder deren Name schon gegnerische Offensivreihen stöhnen lassen. Und dann ist da eben Antonio Rüdiger, der genau das eigentlich verkörpert. Der "die Familie Nationalelf auch extrem schützt", sich "unglaublich committet", wie Nagelsmann es formulierte. Und der nun erstmals seit anderthalb Jahren sogar ohne körperliche Beschwerden ist.

"Das will ich nicht herunterspielen"

Bei Real Madrid spielt der Innenverteidiger weit weg von der deutschen Aufmerksamkeit. Aus Spanien schaffen es nur die Ausläufer von Extremereignissen hierher. So wie Anfang März, das brutale Foul im LaLiga-Spiel gegen den FC Getafe. Rüdigers Knie landete nach einem relativ harmlosen Zweikampf im Gesicht von Rico. Der zeigte sich nach der Szene schockiert, gab entsprechende Zitate ab ("Er wollte mir das Gesicht zertrümmern"). Die "Bild"-Zeitung nannte die Aktion ein "fast schon ein Attentat", dabei griffen weder Schiedsrichter noch Videoschiedsrichter ein.

Rüdiger schwieg lange dazu und wurde dann auf einer Pressekonferenz für die Champions League dazu befragt. "Wenn man sich die Bilder in Zeitlupe anschaut, dann sieht es schlimm aus. Das will ich nicht herunterspielen", sagte er. "So wie er nach dem Spiel geredet hat, könnte man meinen, ich hätte ihn umgebracht oder so. Er braucht nicht zu übertreiben, denn wenn ich die Absicht gehabt hätte, das zu tun, wäre er nicht wieder aufgestanden." Unterdessen versuchte Nagelsmann, die Emotionen aus der Situation zu holen - und sprach von einem "fußballspezifischen" Foul.

Es ist das Spiel Rüdigers, auf der Grenze des Erlaubten zu balancieren. "Ein harter Verteidiger zu sein, ist Teil meiner DNA. Wenn du auf diesem Niveau ein Eins-gegen-eins-Spezialist sein willst, darfst du kein netter Begleiter sein", teilte er der FAZ dazu schriftlich mit. "Wenn ich diese Intensität und diese Hingabe, dieses Spiel an der Grenze weglasse, bin ich nur noch die Hälfte wert. Diese 'Kante' ist genau das, was mich zu Real Madrid gebracht hat. In Madrid schätzen und feiern sie genau das."

Manchmal verliert er auch das Gleichgewicht. Dann eskaliert es jenseits aller Grenzbereiche. Etwa im vergangenen Jahr, gleich zweimal. Nach einer Kopf-ab-Geste in Richtung der Atlético-Fans sperrte ihn die UEFA für ein Spiel auf Bewährung. Es folgte der Eklat nach dem spanischen Pokalfinale. Damals mussten ihn mehrere Mitspieler zurückhalten, er warf eine Taperolle auf den Schiedsrichter, beschimpfte ihn als "Missgeburt". Der Verband sperrte ihn für sechs Spiele. Nagelsmann verkündete, dass Rüdiger auch bei der Nationalelf damit auf "Bewährung" sei.

Aus Rüdigers Umfeld wurde damals auf seinen Gesundheitszustand verwiesen. Er spielte da schon monatelang mit Schmerzen, hieß es, seit August 2024 sei immer irgendwas gewesen. Zudem konnte Real Madrid in dieser Zeit zu einer der toxischsten Wagenburgen werden, die es im europäischen Fußball nur gibt. Sowas geht auch nicht an den gestandendsten Profis einfach vorbei. Heute sagt er, er wisse, dass er Szenen hatte, "die deutlich drüber waren".

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Doch Rüdiger, der kaum noch Interviews gibt und auch der FAZ und dem "Kicker" nur schriftliche Zitate liefert, zeigte sich nach dem vergangenen Sommer geläutert. "Das ist der Punkt, den viele falsch verstehen: Ich spiele intensiv, aber ich bin definitiv kein Sicherheitsrisiko für meine Mannschaften." Er wisse genau, "in welcher Minute wir sind und was auf dem Spiel steht". Eines seiner entscheidenden Argumente: Von 2017 bis 2025 kam er ganz ohne Rote Karte aus.

Für das DFB-Team macht ihn das unverzichtbar. Deshalb fährt er sicher zur Weltmeisterschaft, wenn auch nur als Herausforderer. Denn auf den Erfahrungsschatz will Nagelsmann verständlicherweise nicht verzichten.Und auf die Zweikampfstärke sowieso nicht. Am besten sogar ohne Operation am geöffneten DFB-Brustkorb.

Quelle: ntv.de

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