Fußball

Das übergroße Klopp-Erbe des BVB Diese Aufgabe konnte Favre nicht lösen

89653ac632f2620c6d4ca67ee45b05e1.jpg

Abgang Favre.

(Foto: Pool via REUTERS)

Lucien Favre ist nicht länger Trainer bei Borussia Dortmund. Der Schweizer ist enttäuscht über die Entscheidung des Fußball-Bundesligisten. Doch sie ist richtig, alternativlos - und hängt auch mit einem seiner Vorgänger zusammen: Jürgen Klopp.

Lucien Favre ist nicht Joachim Löw. Beide Fußball-Trainer standen in letzter Zeit immer wieder in der Kritik, aber nur einer fliegt. Favre. Der Schweizer verliert seinen Job bei Borussia Dortmund, während Löw Bundestrainer unter DFB-Gnaden bleiben darf. Der Bundesligist zieht also die Konsequenzen aus der neuerlichen Schwächephase - und das ist auch gut so.

Lucien Favre ist erst recht nicht Jürgen Klopp. Der Trainer, den sie beim BVB noch immer verehren. Der Trainer, unter dem der BVB zurück zum Erfolg fand, mit dem der Verein zwei Meisterschaften und einen Pokalsieg feierte. Der Trainer, den der Klub am Ende selbst dann nicht gehen lassen wollte, als der sportliche Erfolg fehlte. Der Trainer, der so euphorisch und mitreißend ist wie wohl kein anderer. Der Trainer, der im April 2015 um die Auflösung seines Vertrags bat, weil er das Gefühl hatte, "nicht mehr der perfekte Trainer für diesen außergewöhnlichen Verein" zu sein. So ganz anders als Favre, der nach seinem Aus jetzt überzeugt davon ist, dass er "zwei sehr erfolgreiche Jahre" hatte. Und dass die Mannschaft "auch in diesem Jahr am Ende eine erfolgreiche Saison gespielt hätte".

Stuttgart-Blamage nur ein weiterer Tropfen

Dabei sind das einzige, was im Profifußball zählt, Titel. Davon hat Favre seit seinem Amtsantritt am 1. Juli 2018 keinen einzigen wichtigen gewinnen können. Auch wenn er in den 110 Spielen mit dem BVB laut transfermarkt.de im Schnitt 2,01 Punkte pro Spiel holte und damit zumindest in dieser Wertung erfolgreicher war als Klopp (1,90). Besser war nur Thomas Tuchel (2,12) in seinen knapp zwei Jahren im Ruhrgebiet - und mit dem hat Favre etwas gemeinsam: Bei beiden wirkt das Engagement beim BVB wie ein Missverständnis. Beide wurden augenscheinlich nie richtig warm, weder mit der Klubleitung noch mit den Fans.

Das blamable 1:5 gegen den VfB Stuttgart ist nur der Tropfen, der das viel zitierte Fass zum Überlaufen bringt. Aus den vergangenen drei Spielen bleibt nur ein Punkt auf der Habenseite - und das bei Duellen mit dem 1. FC Köln (1:2), Eintracht Frankfurt (1:1) und eben dem VfB. Da helfen auch die Siege in der Champions League gegen Zenit St. Petersburg und den FC Brügge nicht mehr weiter. In der Liga wurde der BVB durchgereicht auf Platz fünf - ein Angriff auf den Titel sähe anders aus.

Es dürfte aber nicht allein die aktuelle Erfolglosigkeit sein, die die Verantwortlichen zu diesem Schritt bewegt hat. Es ist auch das Auftreten Favres, der in der vergangenen Woche nach dem Remis gegen Frankfurt sagte: "Ich bin immer okay mit einem Punkt." Ein Satz, der das Anspruchsdenken des Klubs konterkariert.

Eine Krise zu viel

Über Favres Nachfolger kursierten bereits im vergangenen Sommer unendlich viele Gerüchte. Damals trotzte der Schweizer der Krise, auch die sportliche Leitung um Michael Zorc und Hans-Joachim Watzke hielt an dem 63-Jährigen fest. Damals hatte der BVB am elften Spieltag 19 Punkte bei 23:15 Toren auf dem Konto. Nun, am elften Spieltag dieser Saison, hat der BVB 19 Punkte bei 23:15 Toren auf dem Konto. Trotzdem ist die neuerliche Krise eine zu viel.

Selbst Favre bezeichnet die Blamage gegen Stuttgart als "Katastrophe". Aber es ist eben eine, auf die er hätte einwirken können. Seine Spieler wirken antriebslos und unnatürlich gehemmt. Klar, die Doppelbelastung mit dem Europapokal schlaucht, die haben Borussia Mönchengladbach, RB Leipzig, der FC Bayern, und Bayer Leverkusen aber auch - und sie haben allesamt noch keine vier Ligapleiten gesammelt, bei der TSG Hoffenheim zerstörten zahlreiche Corona-Fälle und Quarantäne-Anordnungen die starke Frühform.

Favre - sonst bekannt dafür, dass er Spieler besser machen kann -, schaffte es offenbar in Dortmund nicht mehr, richtig auf seine Spieler einzugehen. Nationalspieler wie Julian Brandt, Mo Dahoud und Nico Schulz stagnieren, Jadon Sancho steckt gar in einer veritablen Formkrise. Da helfen auch all die Jubelstürme über die Super-Offensive um den derzeit verletzten Erling Haaland, Gio Reyna und Jude Bellingham nichts.

Klopp-Erbe ist unfassbar groß

Und dann muss es einem Klub wie Borussia Dortmund ja auch immer um die Außenwirkung gehen. Das Geld spielt eine Rolle, die Zufriedenheit der Fans, die Experten- und Medienkritik. Da schneidet Favre schlecht ab, sehr schlecht. Bei einem Klub, der noch immer dem Unterhalter Klopp nachtrauert, hat der grantelnde, meist wortkarge Favre kein gutes Standing. Wenn dann auch noch Erfolglosigkeit hinzukommt, ist das fatal. Und so blieb dem BVB kaum eine andere Wahl als die Entlassung. Statt über eine Verlängerung des auslaufenden Vertrags zu verhandeln, zog der Revierklub jetzt die Reißleine.

Erstmal tief durchatmen und neu orientieren ist allerdings nicht drin. Schon am Dienstag geht es weiter. In Bremen wird dann Edin Terzic den BVB coachen. Er soll die Mannschaft bis zum Saisonende leiten. Darin liegt die nächste Ähnlichkeit zu Löw: Wer macht es denn jetzt besser? Wie beim DFB gibt es auch für den BVB das Problem der Perspektivlosigkeit. Aber das darf nicht die Ausrede sein für einen Schrecken ohne Ende. Und das haben die Dortmunder erkannt.

Quelle: ntv.de

ntv.de Dienste
Software
ntv Tipp
Newsletter
Ich möchte gerne Nachrichten und redaktionelle Artikel von der n-tv Nachrichtenfernsehen GmbH per E-Mail erhalten.