Fußball

Eintracht-Drama im Schnellcheck Diese zwei verdammten Fehlschüsse!

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Kepa sitzt drauf: Mit zwei Paraden im Elfmeterschießen entscheidet Chelseas Torwart dieses dramatische Halbfinale.

(Foto: imago images / Jan Huebner)

Die verblüffende Fußball-Reise durch Europa endet für Eintracht Frankfurt beim FC Chelsea an der Stamford Bridge - und das auf die dramatischste Art und Weise. Im Halbfinal-Rückspiel der Europa League erleiden sie das Ende ihres Märchens aus elf Metern.

Was ist an der Stamford Bridge passiert?

Die Begriffe "Sensation", "Wunder" und "Wahnsinn" haben es allein in dieser Woche in die Top Ten der meistgenutzten Wörter des Jahres geschafft. Dass der 1. FC Köln tatsächlich in die 1. Fußball-Bundesliga aufsteigt - eine Sensation (kleiner Scherz). Dass der FC Liverpool gegen den FC Barcelona ein 0:3 aus dem Hinspiel aufholt und per "Genie"-Ecke noch ins Finale der Champions League einzieht - ein Wunder. Und dass Tottenham bei Ajax Amsterdam ein 0:3 (Zwischenergebnis nach 145 Minuten) aufholt und dank der Auswärtstor-Regel ins Endspiel einzieht - ein absoluter Wahnsinn. In dieser Superlativ-Woche wollte nun auch die Eintracht aus Frankfurt ihren Platz finden, sie wollte das leidenschaftlich erkämpfte 1:1 aus dem Hinspiel an diesem Donnerstagabend in ein "kleines Wunder", so sprach Coach Adi Hütter, ummünzen und den FC Chelsea an der heimischen Stamford Bridge aus der Europa League kicken. Es wäre das erste europäische Finale der Hessen seit 39 Jahren, seit 1980 gewesen, als Borussia Mönchengladbach in zwei Endspielen niedergerungen wurde. Es wäre, es wurde aber nicht. Es wurde ein Drama. Und was für ein Drama. So viel Drama-Drama, dass das Drama die Begriffe "Sensation", "Wunder" und "Wahnsinn" zum Gelegenheitsvokabular verkommen lässt.

Unseren traurigen Spielbericht lesen Sie hier.

Teams & Tore

Tore: 1:0 Loftus-Cheek (28.), 1:1 Jović (49.)
Elfmeterschießen:
0:1 Haller, 1:1 Barkley, 1:2 Jović, Trapp hält gegen Azpilicueta, 1:3 de Guzman, 2:3 Jorginho, 2:3 Kepa hält gegen Hinteregger, 3:3 David Luiz, Kepa hält gegen Paciência, 4:3 Hazard
Chelsea:
Arrizabalaga - Azpilicueta, Christensen  (74. Zappacosta), Luiz, Emerson - Jorginho - Loftus-Cheek (86.  Barkley), Kovacić- Willian (62. Pedro), Giroud (96. Higuain), Hazard; Trainer: Sarri.
Frankfurt:
Trapp - Abraham, Hinteregger, Falette - da Costa,  Hasebe, Kostić - Gaćinović (118. Paciência), Rode (70. de Guzman) -  Jović, Rebić (90.+2 Haller); Trainer: Hütter.
Schiedsrichter:
Hategan (Rumänien)
Zuschauer:
40.853 (ausverkauft)

Das Unhappy-End der Eintracht im Spielfilm

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Fataler Fehlschuss: Martin Hinteregger.

(Foto: dpa)

10. Minute: Luka Jović bekommt im Strafraum den Ball, er büffelt seinen keineswegs unbüffeligen Gegenspieler David Luiz fair aus dem Weg und lupft den Ball auf die andere Seite, dort nagelt Danny da Costa den Ball aus knapp 20 Metern volley auf das Chelsea-Tor. Der teuerste (Keeper) Kepa der Welt titanisiert den Ball mit Kahns legendärer Überhand aus dem Winkel.
23. Minute: Willian wuselt mit dem Ball gegen alle und jeden quer übers Feld, bis er Eden Hazard findet, der spielt ganz fein mit der Hacke und ein bisschen Glück auf Emerson, der weiter auf Olivier Giroud und der weiter auf Kevin Trapps Brust.
28. Minute, TOOOOOR FÜR CHELSEA, 1:0 Loftus-Cheek: Hazard hat den Ball am Fuß und David Abraham an den Hacken. Besonders gestresst fühlt sich Hazard dadurch nicht. Wackler hier, Wackler da, Wackler zurück und Spitzenpass auf Ruben Loftus-Cheek. Loftus-Cheek - oh, den hat Sebastian Rode mal ganz unbetreut ziehen lassen, abgezockt legt der Youngster den Ball an Trapp vorbei.
49. Minute, TOOOOOR FÜR FRANKFURT, 1:1 Jović: Wow, was für ein Angriff: Makoto Hasebe schippt den Ball auf Jović, der lässt für Mijat Gaćinović prallen, der sofort zurückdoppelpasst. Jović ist frei durch, Ante Rebić jubelt, ehe Jović mit aller Abgezocktheit eines Torjägers ausgleicht.
60. Minute: Huch und hach, Gaćinović feuert mit aller Härte aus der Distanz auf die Fäuste von Kepa, die allerdings sind so unbeeindruckt, dass der Ball sich sofort wieder mit aller Härte aus der Gefahrenzone verzieht.
82. Minute: César Azpilicueta fliegt mit irrwitzigem Anlauf und irrwitziger Wucht in die Parade von Gaćinović - und sieht Gelb. Eine der schlechteren Entscheidungen von Schiedsrichter Hategan.
100. Minute: WAS FÜR EINE CHANCE! Der unfassbare Filip Kostić sprintet über die linke Seite. Er sprintet, als käme er gerade topfit aus der Saisonvorbereitung. Dann flankt er auf den eingewechselten Sébastien Haller, der lange verletzte Stürmer drückt den Ball etwas unglücklich mit der Sohle gegen die Laufrichtung von Kepa aufs Tor, aber das längste linke Bein, das der Brasilianer David Luiz in seinem Leben je ausgefahren hat, kratzt den Ball noch von der Linie.
105. Minute: Kopfball Haller, Kopfballabwehr Zappacosta - kurz vor der Linie. Kepa? War nicht da. Bedeutet: Glück für den FC Chelsea.
111. Minute: Emerson ist durch, Emerson schießt, Trapp hält, Emerson bekommt den Nachschuss, aber Martin Hinteregger blockt den Ball mit aller Härte seines Schienbeins. Eine Monstergrätsche.
115. Minute: Sind wirklich noch 22 Spieler auf dem Platz? Offiziell ja, aber in diesem Spiel tun sich Räume für 37 Thomas Müllers auf - Zappacosta zieht aus 15 Metern ab, aber Trapp ist da.
116. Minute: Azpilicueta jubelt, der Ball ist drin - Tor? Tor! Tor? Kein Tor. Azpilicueta oberkörpert einen Ball aus den Händen von Trapp in den Kasten. Der Schiedsrichter sagt Foul - kann man so pfeifen.
Elfmeterschießen: Die Eintracht beginnt. Haller trifft (1:2), Barkley trifft (2:2), Jović trifft (2:3), Azpilicueta vergibt (Trapp pariert), de Guzman trifft (2:4), Jorginho trifft (3:4), Hinteregger vergibt (Kepa kniet auf dem Ball - siehe Bild-Slider), Luiz trifft (4:4), Paciência vergibt (Kepa hält - siehe Slider), Hazard trifft (5:4).

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Was war gut?

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Was hat Adi Hütter seinen Jungs in der Kabine nur gesagt?

(Foto: dpa)

Die Halbzeitansprache von Frankfurt-Coach Hütter. Zwar haben wir nicht den blassesten Schimmer, was genau der Österreicher seinen Jungs ins Bewusstsein emotionalisiert hat, aber es war äußerst fruchtbar. Mit wilder Leidenschaft, mit unbändigem Glauben, mit Power und Zielstrebigkeit kam die zuletzt so erschöpft wirkende Mannschaft aus der Kabine, der Ausgleich zum 1:1 war lediglich die zählbarste Auswirkung dieser neuen Wucht. Die putzmuntere Eintracht presste, die putzmuntere Eintracht attackierte und sie beeindruckte den Gegner, der phasenweise gar nicht aus der eigenen Hälfte herauskam oder trotz höchster technischer Begabung seiner Top-Individualisten das stumpfe Mittel des Befreiungsschlags wählen musste. Die einmal mehr von ihren Fans allerbestens unterstützten Frankfurter (auch und umso mehr fast noch nach der Niederlage) verwickelten die in der ersten Halbzeit spielerisch überlegenen Londoner auf der letzten konditionellen Rille in einen wilden Fight, in ihr leidenschaftliches Spiel, in eine Europa-League-Schlacht mit besten Chancen (siehe oben). Was für eine Leistung! Was für eine Reise! Was für eine Saison!

Was war nicht gut?

Haben Sie dieses spektakuläre und phänomenal spannende Spiel gesehen? Was sollen wir da nur Schlechtes schreiben? Dass die Eintracht gegen dieses topbesetzte Chelsea in der ersten Halbzeit die fußballerisch unterlegene Mannschaft war? Geschenkt. Dass die Eintracht ihre Chancen in der zweiten Halbzeit und der Verlängerung nicht genutzt hat? Bitter, auch geschenkt. Dass ausgerechnet der überragend-überragende Hinteregger einen schwachen Elfmeter geschossen hat? Noch mehr geschenkt. Und dass auch der eingewechselte Stürmer Gonçalo Paciência vom Punkt scheiterte? Meine Güte, so is Fußball! Mal wundervoll und beflügelnd, mal dramatisch und schmerzhaft.

Wer sagt was?

Adi Hütter (Trainer Eintracht Frankfurt): "Der Traum vom Finale ist leider geplatzt. Die Enttäuschung ist natürlich da. Wir haben es einfach nicht verdient, auszuscheiden. Trotz allem muss man stolz sein, wir können alle nur stolz sein. Man muss der Mannschaft ein Kompliment machen. Es macht Spaß, hier Trainer zu sein."
Danny da Costa (Außenverteidiger Eintracht Frankfurt): "Es tut unglaublich weh. Elferschießen ist immer eine Lotterie, da kann es in die eine oder die andere Richtung kippen. Aber wenn man sieht, wie die Fans uns gefeiert haben, das war schon der Wahnsinn."
Fredi Bobic (Sportvorstand von Eintracht Frankfurt): "
Wir sind natürlich traurig, wir sind enttäuscht. Man kann aber auch verdammt stolz sein auf die Truppe. Ich werde eine Weile brauchen, um zu kapieren, was die Jungs hier abgerissen haben. Es war alles dabei, was den Fußball ausmacht."
Maurizio Sarri (Trainer FC Chelsea): "Es war ein schweres, offenes Spiel, in dem Frankfurt sehr gefährlich war. Frankfurt war besser in den letzten 20 Minuten der zweiten Hälfte. Es war ein wundervolles Match."

Gab's was Überraschendes?

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Eden Hazard spielte von Beginn an - und entschied das Spiel am Ende.

(Foto: REUTERS)

Nun, finden Sie es überraschend, dass bei einer Mannschaft im Halbfinale der Europa League der beste Spieler von Beginn an spielt? Nicht? Gut, dann lesen Sie nicht weiter. Wenn doch, dann ist es halt so: Eden Hazard stand tatsächlich in der Startelf. Das ist in der Europa League normalerweise nicht der Fall. In den 13 Partien vor dem Rückspiel spielte der belgische Superstar nur kümmerliche 242 Minuten, verteilt auf sechs Einsätze. Und nun? Nun durfte er ran, anders als noch als im Hinspiel, als er aus Gründen der Belastungssteuerung (die heimische Liga galt als wichtiger) nur für 29 Minuten eingewechselt wurde. Und wie schlug sich Hazard? Prächtig. Zumindest in der ersten Halbzeit - da war er für die Eintracht nie und nicht zu kontrollieren - und auch im Elfmeterduell, dort verwandelte er den entscheidenden Ball. Abgezockt, souverän, meisterlich, so wie sich das für den besten Fußballer einer Mannschaft gehört. Wenn er denn spielen darf.

Die Premiere des Europapokals

Die Premier League sorgt für ein Novum in der Geschichte des Europapokals. Erstmals kommen sämtliche Teilnehmer der Endspiele aus einem Land. Das Finale der Champions League bestreiten am 1. Juni in Madrid die Wunderwerker des FC Liverpool und die Sensations-Comebacker der Tottenham Hotspur, im Finale der Europa League stehen sich am 29. Mai in Baku der FC Chelsea und der FC Arsenal gegenüber. Drei Endspiel-Teilnehmer aus einer Stadt, wie jetzt London mit Tottenham, Chelsea und Arsenal stellt, sind ebenfalls bislang einzigartig.

Der Tweet zum Spiel

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Quelle: n-tv.de

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