Fußball

10 Fragen zum Hauptstadt-Duell "Ein Derby ohne Fans ist kein Derby!"

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Im Hinspiel ging es emotional zu, am Ende jubelte Berlin in Rot.

(Foto: imago images/Jan Huebner)

Wenn am Abend das Hauptstadt-Duell in seine zweite Bundesliga-Runde geht, wird vieles anders sein als noch bei der Erstauflage im November. Hat das Derby überhaupt noch einen besonderen Stellenwert? ntv.de hat nachgefragt. Das Ergebnis: Experten beider Klubs sind uneins.

Wie präsentiert sich der 1. FC Union Berlin diese Saison?

Ronny Nikol: Union präsentiert sich in der ersten Saison der Vereinsgeschichte im Oberhaus eigentlich als das genaue Gegenteil zu Hertha BSC. Sie spielten bis zur Zwangspause eine Super- Saison, haben das Derby-Hinspiel gewonnen und im Verein wird sehr solide gearbeitet. Man kann dem Verein nur wünschen, das sie den Klassenerhalt recht bald sichern können. Leider müssen die letzten Spiele ohne die überragenden Fans stattfinden. Das ist schon ein Nachteil, denn gerade in der engen Alten Försterei waren die Fans tatsächlich der berühmte 12. Mann.

Steven Redetzki: Union macht das, was sie gut können. Kompakt stehen und die Größenvorteile defensiv wie offensiv ausnutzen. Ob das dauerhaft reicht, ist eine andere Frage, aber angesichts der Möglichkeiten ist das sicherlich in Ordnung.

Wie präsentiert sich Hertha BSC diese Saison?

Das ist Ronny Nikol

Pokalfinalist, Aufstiegsheld, Union-Legende: Ronny Nikol hat außer dem Bundesligaaufstieg eine Menge erlebt mit dem 1. FC Union, 2001 schoss er die damals drittklassigen "Eisernen" gegen Gladbach persönlich ins DFB-Pokalfinale. Nikol bestritt 121 Zweitliga-Spiele (davon) 72 für den 1. FC Union), heute betreibt er eine Soccerhalle in Berlin. Sein Sohn Etiènne spielt für Union in der U19-Bundesliga.

Nikol: Leider hat Hertha BSC bisher mehr neben, als auf dem Platz gezeigt. Jürgen Klinsmann hat für viel Ärger gesorgt und den Verein in ein schlechtes Licht gerückt. Sportlich lief es auch alles andere als gut, aber pünktlich zum Derby haben sie letztes Wochenende ein Ausrufezeichen gegen Hoffenheim gesetzt. Sie scheinen jedenfalls für das Spiel bereit zu sein. Mit dem Abstieg werden sie aus meiner Sicht nichts mehr zu tun haben.

Redetzki: Nach einer relativ langen Phase der Solidität scheint das Berliner Sorgenkind zurück zu sein. Zwar muss man die zahlreichen positiven Aspekte, wie etwa die klare Haltung für Vielfalt und gegen Rassismus oder das umfangreiche und glaubwürdige soziale Engagement absolut positiv hervorheben. Leider schafft man es aber immer wieder von einem Fettnäpfchen ins nächste zu treten. Sei es mit der Klinsmann-Posse, dem Kalou-Video oder auch der Personalie Jens Lehmann. Durch die Labbadia-Verpflichtung scheint mir aber der sportliche Weg wieder mehr in Richtung Stabilität geebnet zu sein.

Trainer-Achterbahn oder Schweizer Gelassenheit - was zahlt sich am Saisonende aus?

Nikol: Kontinuität und Gelassenheit zahlen sich immer aus. Urs Fischer leistet schon seit Beginn seiner Amtszeit sehr gute Arbeit. Er strahlt eine gesunde Ruhe aus und wird von der Mannschaft und den Fans sehr geschätzt. Natürlich hat er sich mit dem ersten Bundesligaaufstieg des Vereins ein Denkmal in Köpenick gesetzt. Bei Hertha kann man nur hoffen, dass Bruno Labbadia die letzten Spiele gut über die Bühne bekommen wird und in der nächsten Saison in Ruhe weiterarbeiten kann. Er ist aus meiner Sicht ein sehr guter Trainer, das könnte passen mit ihm und Hertha BSC.

Redetzki: Am Saisonende wird Hertha BSC vor Union stehen. Nicht wegen, sondern trotz der teils desaströsen Geschehnisse auf der Trainerbank. Aber auch Union wird die Klasse halten.

Wie wichtig ist es für die Klubs, dass wieder gespielt wird?

Das ist Steven Redetzki

Steven Redetzki schreibt als "Sogenannter Blogger" über Hertha BSC - auch auf Twitter. Außerdem hat er die Fanaktionen "Blau-Weißes Stadion" und "Aktion Herthakneipe" ins Leben gerufen.

Nikol: Für die Vereine ist es finanziell lebenswichtig, dass weitergespielt wird. Aber ich denke, es ist generell schön, dass der Ball wieder rollt - wenn auch leider bisher nur in den ersten drei Ligen, wenn es dann da nächste Woche wieder losgehen sollte. Die Spiele ohne die Fans sind aber natürlich nicht so besonders schön anzusehen. Man kann nur hoffen, dass die "Normalität" auch im Fußball bald wieder zurück ist.

Redetzki: Ich verstehe zwar die finanziellen Zwänge und den Wunsch der Vereine, weiterzuspielen. Dennoch sehe ich es äußerst kritisch, dass es im Profifußball, der von Jahrzehnten schier unendlichen Wachstums zehren sollte, zahlreiche Vereine gibt, die kurz vor der Insolvenz stehen, weil eine Tranche TV-Gelder womöglich nicht überwiesen wird. Ich würde mir wünschen, dass wir grundsätzlich über einen faireren und gesünderen Fußball der Zukunft diskutieren.

Wie ist Ihre Meinung zur Liga-Fortsetzung?

Nikol: Die Fortsetzung der Liga finde ich persönlich grundsätzlich gut - schon allein, weil man sich wieder auf die Spiele im Fernsehen freuen kann.

Redetzki: Ich finde, dass es zu früh kommt. Am Beispiel Dynamo Dresden sieht man, dass ein fairer Wettbewerb aktuell nicht möglich ist. Dynamo Dresden, akut abstiegsgefährdet, soll direkt aus der Quarantäne neun Spiele in vier Wochen spielen. Es gibt hier zwar nicht nur schwarz oder weiß, aber die teilweise vorgetragene Haltung diverser Funktionäre, dass man die Bundesliga weiterspiele, um den Menschen in Deutschland einen Gefallen zu tun und Normalität in die Wohnzimmer zu bringen, halte ich für zynisch.

Keine Zuschauer, kein Spektakel und die großen Themen sind derzeit andere: Ist das Spiel am Freitag eines wie jedes andere?

Nikol: Das Spiel am Freitag ist natürlich nicht das Spiel, das man sich erhofft hat. Das, was den Fußball ausmacht - ein ausverkauftes Stadion, Stimmung und Emotionen auf den Rängen - fehlt einfach. Auch den Spielern wird das gewisse Etwas fehlen, das noch einmal fünf Prozent Leistung rauskitzelt.

Redetzki: Ja, ein Derby ohne Fans ist kein Derby und ein Sieg wäre somit auch keine Wiedergutmachung für die Niederlage im Hinspiel.

Wie viel Derby, wie viel Rivalität steckt überhaupt in den Spielern?

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Das Derby heizt an, egal, ob Berliner oder nicht, sagt Nikol.

(Foto: imago images/Nordphoto)

Nikol: Ein Derby ist, egal wo, immer etwas Besonderes. Und man hat doch im Hinspiel gesehen, was ein Derbysieg in den Spielern auslöst. Dafür muss man nicht unbedingt ein Berliner sein.

Redetzki: Schon relativ viel. Die Brisanz hat definitiv zugenommen. Union hat sportlichen Erfolg und sich für diverse Leute in der Stadt so zu einer Alternative entwickelt. Union lebt vom alternativen Image, das verkaufen sie auch gut. Dass dabei nicht alles kultiger Klassenkampf ist, sollte aber auch klar sein. Sponsoren wie Aroundtown passen erstmal eher weniger zum Image des Köpenicker-Arbeitervereins. Dass man im Profifußball immer auch einen kommerziellen Spagat wagen muss, ist völlig klar. Leider bleibt auch bei Union dabei die Ehrlichkeit mitunter auf der Strecke. Die Vielfalt, sowohl innerhalb des Vereins als auch innerhalb der Fanszene, würde ich bei Hertha beispielsweise als viel höher einschätzen, als bei Union.

Wie groß kann der Heimvorteil in einem leeren Stadion sein?

Nikol: Der Heimvorteil in einem leeren Stadion ist wirklich sehr gering. Ich hoffe, dass es trotz allem ein schönes Fußballspiel wird.

Redetzki: Eher gering denke ich. Klar ist aber: Geht es nur um die sportliche Qualität, ist Hertha klarer Favorit.

Wie geht das Spiel aus …

Nikol: Union gewinnt 2:1.

Redetzki: 2:0 für Hertha.

... und wer wird es entscheiden?

Nikol: Sebastian Andersson, 73. Minute.

Redetzki: Cunha.

Quelle: ntv.de, ara/ter