Fußball

BVB zerlegt Atléticos Abwehrwall Ein Dortmunder Abend wie im Rausch

Nach dem 4:0 gegen Madrid fragen sich Beobachter, wo bei Borussia Dortmund die Grenzen sind. Atléticos Coach Simeone prophezeit dem jungen BVB-Team eine große Zukunft. Doch der Trainer und der Kapitän finden mahnende Worte.

Vor einigen Jahren hatte sich Antoine Griezmann mal als Anhänger von Borussia Dortmund geoutet. Sobald eine Begegnung des BVB im Fernsehen gezeigt werde, "schaue ich es mir das an, denn mit diesem Team habe ich die Garantie, dass es nicht torlos ausgeht. Und ich bevorzuge Spiele mit vielen Toren. Der BVB spielt immer spektakulär."

Es ist nicht überliefert, ob der Weltmeister aus Frankreich, der dem FC Bayern München und der deutschen Nationalmannschaft schon empfindliche Schmerzen zugefügt hat, jetzt erst recht nach der haushohen Niederlage gegen ebenjene Dortmunder mit Hochachtung vom Revierklub spricht oder ob er seine Meinung revidiert.

Schließlich ist er nun ein Leidtragender des Spektakels, zu dem der BVB in dieser Saison mehr denn je fähig zu sein scheint. Mit 0:4 (0:1) unterlagen Griezmann und sein Verein Atlético Madrid dem BVB, das Resultat ist so etwas wie ein Erdbeben in der europäischen Hierarchie. Immerhin haben sich die Madrilenen in den vergangenen Jahren den Ruf erworben, im kontinentalen Fußball-Adel der unbequemste Widersacher überhaupt zu sein. Selten brillant, aber stets äußerst widerstandsfähig und kaum zu bezwingen. Und nun das.

Unwiderstehlicher Sturm auf Abwehrfestung

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(Foto: imago/Thomas Bielefeld)

  Seit der ebenso temperamentvolle wie streitlustige Argentinier Diego Simeone seinen Klub zum veritablen Bollwerk ausgebaut hat, musste Atlético noch nie eine solch deutliche Schlappe hinnehmen. Die Vorführung der Borussia war so unwiderstehlich, dass der 48-Jährige, den sein Kollege Lucien Favre als "einen der besten Trainer der Welt" bezeichnet, zu einer wahren Eloge anhob: "Glückwunsch", sagte Simeone, "diese Mannschaft hat eine tolle Phase und ist auf einem ganz tollen Weg. Ich hoffe, sie können so weiterspielen, es ist sehr schön, das anzuschauen." Der Trainer, der Atlético zuletzt zwei Mal ins Champions-League-Finale führte, rühmte "Geschwindigkeit und das vertikale Spiel", beim fulminanten Auftritt des Gegners.

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Ekstase in Dortmund: Der BVB zerlegt bei seinen Festspielen auch Atlético Madrid.

(Foto: imago/Kirchner-Media)

Ganz schön viel Lob für einen Verein, der sich doch gerade erst am Anfang seines Weges wähnt. Zumindest, wenn man Favre aufmerksam zuhört, der seit Saisonbeginn Geduld anmahnt und immer wieder betont, die vielen jungen Akteure in seinem Ensemble benötigten noch Zeit. Das mag ja sein, aber die Zahlen sprechen eine völlig andere Sprache: Wettbewerbsübergreifend zehn Siege und zwei Remis in zwölf Spielen dieser Saison, das sind Werte einer Spitzenmannschaft. Vor allem, weil die Vorstellungen in den vergangenen Wochen immer souveräner wurden.

Gegen Atlético war in der hochklassigen und umkämpften ersten Halbzeit gut zu erkennen, was Favre von seiner Mannschaft sehen will: Kluges Verschieben, Räume verdichten, intensives Laufverhalten in jedem Mannschaftsteil und nach Ballgewinnen überfallartige Gegenangriffe über die pfeilschnellen Offensivkräfte. Was sein Team auszeichnet, formulierte Mario Götze, der von Beginn an spielte und als hängende Sturmspitze eine starke Partie bot, wie folgt: "Wir greifen zusammen an und wir verteidigen zusammen. Bei uns läuft alles im Verbund."

Märchenhafte Entwicklung

Wer ermessen will, wie märchenhaft die Entwicklung des Champions-League-Gewinners von 1997 unter Lucien Favre ist, der muss nur ein Jahr zurückschauen, als der BVB in der Königsklasse zu einem blamablen 1:1 beim Fußballzwerg aus Nikosia taumelte. Nun scheint der Klub dazu bereit, den Branchenriesen aus Spanien und England die Stirn zu bieten. Schließlich gelang nun der dritte Sieg im dritten Spiel der Gruppe A, wo das Team nun folgerichtig von der Spitze grüßt - wie in der Bundesliga.

Selbst als die Dortmunder in der zweiten Hälfte von Atlético so unter Druck gesetzt wurden, dass sie kaum noch atmen konnten, gelang es ihnen mit großem Engagement und noch mehr Glück, ihr Tor sauber zu halten. Wie der BVB seinen Widersacher danach auskonterte, das hatte alles von einer europäischen Spitzenmannschaft. Wenn man das Duell gegen Atlético tatsächlich als Reifeprüfung betrachtet, wie das vor Spielbeginn viele Beobachter taten, "haben wir die mit Bravour bestanden", sagt Sebastian Kehl, Leiter der Lizenzspielerabteilung beim BVB: "Wenn man dieses Spiel als Gradmesser nimmt, haben wir in der Champions League noch einen langen Weg vor uns."

Suche nach Haar in der Suppe

So viel Euphorie, das sollte in Dortmund doch die Mahner auf den Plan rufen. Und siehe da, sie stehen bereit. "Es ist schön, dass wir gerade von allen Seiten gelobt werden", sagt Sportdirektor Michael Zorc: "Aber wir dürfen jetzt nicht den Fehler machen, uns in Ekstase zu jubeln." Das dürfte gar nicht so leicht sein nach der Gala gegen Atlético. Doch wenn bei Borussia Dortmund jemand dazu in der Lage ist, dann der dienstälteste Sportdirektor der Bundesliga.

Mit Lucien Favre weiß der 56-Jährige einen Bruder im Geiste an seiner Seite. Der knorrige Trainer bleibt selbst nach einem fulminanten 4:0 gegen Atlético Madrid seiner Linie treu, lieber das Haar in der Suppe zu suchen, als seine Spieler allzu überschwänglich zu loben. Als der Schweizer gefragt wurde, wie er ein solches Resultat einschätze, gab er zu Protokoll: "Klar, das Ergebnis ist hoch, aber wir müssen analysieren, dass wir in der ersten Halbzeit in den ersten zehn bis 15 Minuten nicht da sind. Und in der zweiten Halbzeit, da war es sehr, sehr schwer. Da treffen sie Latte und Pfosten." Auch Kapitän Marco Reus vermittelt nicht den Eindruck, als werde er angesichts des Höhenflugs durchdrehen: "Jetzt haben wir gerade einen Rausch, aber das wird nicht halten, weil wir ein extrem junges Team haben."

Quelle: n-tv.de

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