Fußball

Rangnick als Löws Nachfolger? Eine unerwartete Mutprobe des DFB

imago0047917267h.jpg

Na, gesprächsbereit?

(Foto: imago images/Martin Hoffmann)

Die Suche nach einem Nachfolger von Bundestrainer Joachim Löw nimmt offenbar nun richtig Fahrt auf. Einem Medienbericht zufolge will DFB-Direktor Oliver Bierhoff wirklich mit Ralf Rangnick in den Austausch gehen. Das wäre ein mutiger Schritt.

Der Deutsche Fußball-Bund reagierte höflich. Auf Anfragen mehrerer Medien, ob es wirklich stimme, dass der Verband sich im April mit Ralf Rangnick treffen wolle, um sich mal über das demnächst vakante Amt des Bundestrainers zu unterhalten, heißt es: Man werde in diesem Prozess weiterhin "keine Äußerungen zu einzelnen Namen" geben. So weit, so klar. Das Interesse an der Personalie war wieder etwas dringlicher geworden, nachdem die "Sport Bild" berichtet hatte, dass sich DFB-Direktor Oliver Bierhoff, Leiter der Trainersuche, im April mit Rangnick konkret "über die gegenseitigen Vorstellungen einer potenziellen Zusammenarbeit austauschen" werde. Auch der "Kicker" berichtet über derartige Pläne.

Nun zieht diese Personalie ihr Interesse nicht aus dem Nachrichtenwert an sich, denn der 62-Jährige hatte ja bereits mehrfach bekundet und auch über seinen Berater Marc Kosicke verbreiten lassen, dass er sich die Nachfolge von Joachim Löw nach der Europameisterschaft in diesem Sommer gut vorstellen könne. Das Interesse an dem womöglich sehr konkreten Austausch zieht sich eher aus dem Charakter Ralf Rangnick, der ja als Mensch gilt, "der gewisse Dinge ganzheitlicher interpretiert", wie Kosicke es nennt. Bedeutet: Rangnick wäre in seinem Anspruch wohl nicht nur der Bundestrainer, er würde auch in strukturelle Dinge eingreifen wollen.

Die Trainer-Legende Christoph Daum beurteilt das im exklusiven Interview mit RTL/ntv so: "Rangnick würde nicht nur die Weichen hinsichtlich der Nominierung der Mannschaft stellen und wie das Spielsystem aussehen soll. Er würde darüber hinaus auch den Schlüssel zum DFB in der Tasche haben wollen." Ob das mit den mächtigen Funktionären beim Verband möglich wäre, "wage ich zu bezweifeln", sagte Daum.

Eher träge, denn revolutionär

Für einen Verband wie den DFB, der große Prozesse doch eher sehr träge begleitet, wäre Rangnick mit seinem revolutionistischen Ansatz tatsächlich eine überraschend mutige Entscheidung. Ganz besonders für Bierhoff, der ja durchaus ebenfalls in dem Verdacht steht, die Dinge sehr gerne in der eigenen Hand zu halten. Immerhin soll es laut "Süddeutscher Zeitung" in der Vergangenheit schon so gewesen sein, dass "Bierhoff mehrmals den Fußball-Professor in Leipzig aufgesucht habe, um Ratschläge für den Aufbau der DFB-Akademie einzuholen." Ein bisschen weiß man dann wohl, was man aneinander hat.

Die Zusammenarbeit zwischen zwei Machtmenschen kann selbstverständlich befruchtend sein, birgt aber natürlich immer auch das Potenzial zu Streit bis hin zur Eskalation. In den vergangenen Monaten nicht nur in der DFB-Spitze, im eskalierten Zoff zwischen Präsident Fritz Keller und Generalsekretär Friedrich Curtius, zu beobachten, sondern auch beim FC Bayern, wo Sportvorstand Hasan Salihamidzic und Trainer Hansi Flick lange Zeit über Kreuz lagen, ehe öffentlich verkündet wurde, dass die Probleme (vorerst) abgearbeitet sind. Auch in der DFB-Spitze hält derzeit so ein Burgfrieden.

Aus der sportlichen Perspektive besehen, und die ist beim Blick auf die Nationalmannschaft ja stets eine sehr relevante, wäre ein Bundestrainer Rangnick höchst reizvoll. Denn seine Arbeit ist mit den Erfolgssiegeln der märchenhaften Aufstiegsgeschichten der TSG Hoffenheim und RB Leipzig versehen. Flankiert von prächtigen finanziellen Möglichkeiten. Aber auch beim FC Schalke 04 wurde sein Engagement sehr geschätzt. Auch aus der guten Erinnerung heraus wollte sich der brutal taumelnde Traditionsklub mit Rangnick als Sportvorstand stabilisieren. In einer bisweilen unangenehm zu verfolgenden Schlammschlacht zerlegte sich der Verein schließlich an dem Thema - hinzu kamen "Unwägbarkeiten", die Rangnick abschreckten.

Rangnick bietet das perfekte Portfolio

Seine nicht nur national gewertschätzte Qualität als Trainer und Entwickler von aktenkundig mit mehreren Dokumenten belegten, erfolgreichen Projekten würden ihn für Deutschlands höchstes Traineramt im allerhöchsten Maße qualifizieren. Gerade auch im Sprint zwischen der EM in diesem Sommer und der Winter-WM in Katar, knapp anderthalb Jahre später. Sollte es also wirklich zu einem Austausch, womöglich zu einem Agreement kommen, man müsste das dem DFB wirklich hoch anrechnen. Denn der Weg zu einer einfachen, zu einer viel bequemeren Lösung wäre nämlich so einfach: Stefan Kuntz, der erfolgreiche Trainer der U21, wäre eine naheliegende Option. Ebenso wie Löws Assistent Marcus Sorg. Gleiches gilt auch für Sorg, über dessen Ambitionen derweil nichts bekannt ist. Bei Kuntz, der durchaus Interesse an dem internen Aufstieg hat, bliebe der Verband in seiner Komfortzone. Mit seiner erfolgreichen Amtszeit bei der U21 wäre die "kleine Lösung" Kuntz problemlos vermittelbar.

Mehr zum Thema

Das mit der Komfortzone würde auch so bleiben, käme Hansi Flick als Nachfolger von Löw - beide gewannen im Sommer 2014 in Brasilien in der Konstellation Chef und Co den WM-Titel. Comeback von Flick also? Beim DFB soll das laut dem Bericht der "Sport Bild" immer noch die beliebteste Lösung sein. Beim FC Bayern haben sie dagegen jedem Abwerbe-Gebaren eine harte Absage erteilt. Versehen mit der Ultima Ratio, dass man sich beim Verband bereits bedankt, dass der bestehende Verträge achtet. Flick ist noch bis 2023 an den Rekordmeister gebunden. Bliebe im Name-Dropping noch Lothar Matthäus. Für den ja von allen Seiten reichlich Lobbyarbeit betrieben wird. Zuletzt sogar vom RTL-Experten Uli Hoeneß.

Gespräche mit Matthäus, die würden sogar das öffentliche Interesse an Rangnick in den langen Schatten des Rekordnationalspielers stellen. Kaum vorstellbar, dass es so kommt. Aber gut, das waren Gespräche mit Rangnick lange Zeit auch nicht.

Quelle: ntv.de

ntv.de Dienste
Software
Newsletter
Ich möchte gerne Nachrichten und redaktionelle Artikel von der n-tv Nachrichtenfernsehen GmbH per E-Mail erhalten.