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Bundesliga-Check: VfL Wolfsburg Erfolgreich entgiftet

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Der VfL Wolfsburg hat sich von seinen frustrierten Spielern verabschiedet und setzt bei den "Neuen" auf die Lust am VfL.

(Foto: dpa)

Die Zeiten von Nörgel-Jule und den Mittellandkanal-Miesmachern sind vorbei. Der VfL Wolfsburg ist en vogue. Zumindest hoffen das die Verantwortlichen. Die wollen nämlich mit willigen Spielern etwas schaffen, was es noch nicht gab.

Was ist eigentlich das Hauptargument beim Wechsel eines Fußballspielers? Ganz viel Geld? Völliger Unsinn. Sportliche Perspektive? Auch nicht immer wirklich entscheidend. So jedenfalls muss es den Bundesliga-Machern beim VfL Wolfsburg seit einiger Zeit vorkommen. Denn trotz tüchtig vorhandenem Scheine-Potenzial und in der Vergangenheit häufig auch erfolgreichem Gekicke mag nicht jeder Fußballer mit feinem Füßchen zum VW-Klub kommen, geschweige denn bleiben, selbst wenn er ein Fünfjahres-Versprechen gibt – wie das eiltempofrustrierte Sensibelchen Julian Draxler. Also muss ein neuer Plan her. Und der sieht vor: Weg mit den Namen, her mit kickenden Fans. Der VfL sucht Spieler, die den Klub mögen - oder zumindest professionell genug sind, das Leben am Mittellandkanal (völlig wertneutral ist das übrigens gemeint) anzunehmen und nicht ständig die ICE-Linie nach Berlin bemühen, um sich dort teenielike in irgendwelchen Nobelbutzen auszutoben.

Was gibt's Neues?

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Nun, offenbar Spieler, die es mit dem VfL ernst meinen. Und das sind durchaus prominente Namen. Als Zenturio der neuen Wolfsburger Legionäre hat sich Stürmer Mario Gomez verdient gemacht. Der transformierte sich nämlich in den vergangenen Jahren vom verspotteten Wundlieger zum kampf- und wieder abschlussstarken Torjäger und weckte damit sogar ungeahnte Lobhudeleien des Bundestrainers. Dass er trotz Relegations-Horror und Hurensohn-Beleidigungen gegnerischer Fans Gefallen am Klub gefunden hat, ist die Cinderella-Story, die sie sich nun in Niedersachsen gerne erzählen. Einer von uns, einer für uns! Der soll auch John Anthony Brooks werden. Er kommt aus Berlin. Mit dem ICE? Ach, egal. Von der Hertha jedenfalls ist er. Groß ist er auch und wuchtig und zweikampfstark und manchmal etwas wild - so wie einst der junge Jérôme Boateng. Stramme 20 Millionen Euro hat der Innenverteidiger gekostet. Ein Investment mit Perspektive. Denn wenn einer Berlin freiwillig verlässt, ist die Chance groß, dass er nicht ganz so schnell zurückwill. Auch sonst tummelt sich nach der Mittellandkanal-Miesmacher-Entgiftung, der neben Nörgel-Jule ebenfalls Kapitän Luiz Gustavo, Außenverteidiger Ricardo Rodriguez oder Keeper Diego Benaglio zum "Opfer" fiel, reichtlich williges Talent neben dem Volkswagen-Imperium: Landry Dimata (KV Oostende, zehn Millionen), Felix Uduokhai (1860 München, eine Million), William (Internacional Porto Alegre, fünf Millionen), Kaylen Hinds (FC Arsenal U23, 400.000) und Marvin Stefaniak (Dynamo Dresden, zwei Millionen).

Auf wen kommt es an?

Auf Olaf Rebbe und Ignacio Camacho. Rebbe ist 39 Jahre alt. Und kein Mann für den Platz. Er ist der neue Lustaufspürer beim VfL. Der Mann, der den Laden entgiftet hat und gleichzeitig eine neue Intoxikation des Kaders verhindern soll. Rebbe ist Manager und somit Kaderplaner. Sein sommerliches Meisterstück: Camacho eben. Kapitän, Gehirn, Torschütze und aggressiver Vorkämpfer des FC Malaga. Ein tüchtiges Bündel an Kompetenzen bringt der 27-Jährige für zehn Millionen Euro Ablöse mit. Dabei exakt jene Kompetenzen, für die der "neue" VfL künftig tehen möchte. "Er zeigt Leidenschaft auf dem Platz und ist ein Arbeiter, spielt aber auch einen gepflegten Ball", erklärt Rebbe. Nun, die Wahrheit auf dem Rasen sieht aber vermutlich eher so aus: Camacho verteidigt leidenschaftlich, bisweilen knallhart, aber nie absichtlich unfair - wie er über sich selbst sagt: "Ich will niemandem wehtun, es geht mir nur um den Ball. Den will ich immer haben." Dass er dabei mitunter einen halben oder gar ganzen Schritt zu spät kommt, das deuten 15 gelbe Karten in der vergangenen Saison an. Der Rest der Rebbe'schen Rüstungsoffensive ist – siehe oben – dagegen vor allem jung und sehr talentiert. Der VfL, so schreibt es der "Kicker" in seiner Vorschau, setzt in Zukunft auf eine so einfache wie neue Formel in Wolfsburg: Karriereschritt statt Karriereknick (siehe beispielsweise André Schürrle). Und das eine oder andere Milliönchen für knackige Verstärkungen bis Ende August schlummert auch noch auf dem Konto.

Was fehlt?

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Nur mit Gomez allein geht's nicht. Die VfL-Offensive braucht Optionen.

(Foto: imago/regios24)

Torgefahr und ein Torverhinderungsleader für den zwar post-pubertären, aber immer noch jungen Abwehrriegel. Klingt im Prinzip erstmal wie ein Totalveriss über Kader und Kaderplanung. Ist es aber gar nicht. Oder nur ein bisschen. Deutlich krawalliger als beim Leaderthema - das könnte sich mit der anbahnenden Verpflichtung von Augsburgs Kapitän Paul Verhaegh ganz schnell erledigt haben - müssen wir uns leider über die Abschlussschwäche der "Wölfe" auslassen - ausgenommen natürlich der treffsichere Markenbotschafter Gomez, der vergangene Saison starke 16 von schwachen 33 Klubtoren erzielte. Diese monothematische Offensivvariante giert quasi nach Öffnung und Erweiterung. Denn, da beißt die Maus keinen Faden ab (zwei Euro fallen ins Phrasenschwein), ambitioniertere Ziele als die Relegation würden bei ähnlicher Torausbeute wohl als Arroganz ausgelegt werden (müssen). Nun ist es nicht so, dass wir Coach Andries Jonker damit exklusiven Input für die Trainingsgestaltung liefern. Den Trainingsplan entwickelte er selbst und entmündigte dabei kurzfristig seine Spieler. Denn wie die "Wolfsburger Allgemeine Zeitung" berichtet, sagte der Niederländer im Training stets an, wohin der nächste Pass gespielt werden müsse. Das Konzept: Entmündigung zur Mündigkeit. Denn, so Jonker: "Dahinter steckt, dass die Spieler sehen, welche Optionen sie haben. Ich gebe verschiedene Ideen, das wollen die Jungs. Am Ende müssen sie aber natürlich im Spiel entscheiden, welche Option die beste ist."

Wie lautet das Saisonziel?

Darüber redet man nicht. Zumindest nicht der Coach. Der erklärt im "Kicker" zwar, dass der FC Bayern Meister werde, über die eigenen Ziele schweigt er sich dagegen aus. Also nehmen wir Jonker die Vorgabe ab und legen die Latte angesichts der schlechten Erfahrungen der Vergangenheit und dem Umbau nach erfolgreicher Entgiftung auf die Niveaustufe Mittelmaß. Darauf können wir uns übrigens auch mit Klubeigentümer Volkswagen einigen. Vorstand und VfL-Aufsichtsratschef Francisco Javier Garcia Sanz sagt mit demütiger Skandalmilde: "Wir haben eine desolate Saison gespielt. Davon müssen wir uns erstmal erholen. Wir wollen da nicht unnötig Druck aufbauen. Wenn wir dann einen einstelligen Tabellenplatz hinkriegen würden, wäre das - Stand heute - ein guter Start."

Die Prognose von n-tv.de

Na, raten Sie mal! Wenn wir schon das Saisonziel der "Wölfe" vorgeben müssen, dann gehen wir auch ganz stark davon aus, dass es der Klub erreicht. Die Saison wird mausgrau wie Wolfsfell – oder so. Aber das ist doch immerhin allemal deutlich farbenfroher als das "Schwarze Loch" Relegation.

Quelle: n-tv.de

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