Fußball

BVB verändert sich ohne Haaland Erzwungene Entziehungskur

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Bester Stürmer, unbestritten.

(Foto: Pool via REUTERS)

Borussia Dortmund muss das Fußball-Jahr 2020 ohne Erling Haaland zu Ende spielen. Das ist für die Mannschaft von Lucien Favre keine gute Nachricht - eigentlich. Zu wichtig ist der Norweger mit seinen Tore. Aber tatsächlich liegt auch eine Chance in dessen Verletzung.

Auch einem Erling Haaland passieren tatsächlich mal Dinge, die sonst nur Fußballern passieren, die nicht Erling Haaland heißen. Auch ein Erling Haaland lässt tatsächlich mal eine Chance aus, die Fußballer, die Erling Haaland heißen, sonst eigentlich immer machen. Das ist wirklich unglaublich. Nach allem, was der aktuelle Stand der Fußball-Recherche hergibt, gibt es indes tatsächlich nur einen Erling Haaland. Und der spielt bei Borussia Dortmund. Nun, eigentlich spielt er nicht. Eigentlich büffelt er und das auf eine so sonderlich schöne und brutal erfolgreiche Weise, dass jeder Klub der internationalen Fußball-Elite seinen Namen auf irgendeinem Transfer-Wunschzettel vermerkt haben wird. Dass Erling Haaland, nun aber auch etwas getan hat, was eher außergewöhnlich ist, das wird der Faszination nicht nachhaltig schaden.

Nun ist es aber so: Mit dem Eindruck auch mal Dinge zu tun - am Wochenende in der Bundesliga war das bei der überraschenden Pleite gegen den 1. FC Köln (1:2) in der Nachspielzeit der Fall - die doch als eigentlich unmöglich für ihn gelten, beendet Haaland das Fußballjahr 2020. Er muss. Irgendwo an seinem büffeligen Körper hat eine Muskelfaser kapituliert. "Erling wird bis Anfang Januar nicht mehr spielen. Er hat vielleicht zu viel gespielt", befand BVB-Trainer Lucien Favre am Mittwoch, noch bevor sich sein Team zu einem mauen Remis (1:1) in der Champions League gegen Lazio Rom mühte, dabei aber immerhin das Achtelfinale vorzeitig klarmachte.

"Das tut uns natürlich weh", bekannte Sportdirektor Michael Zorc. "Er ist ein ganz wichtiger Spieler für uns und hat in den letzten Wochen in der Offensive die Akzente gesetzt." Das ist durchaus sehr richtig: Der 20-Jährige hatte in den ersten vier Partien in der Königsklasse überragende sechs Treffer erzielt. Für 17 der bisherigen 38 Saisontore des BVB in allen Wettbewerben ist er verantwortlich. Dass er auch drei Treffer seiner Kollegen vorbereitet hat, das ist weniger beeindruckend, aber als statistische Notiz ja dringend zu erwähnen. Mutmaßlich ist es ohnehin viel spannender mal auszurechnen, wie viele Gelegenheiten er dem Rest des Teams ermöglicht, in dem er Abwehrspieler bindet, in dem er vielen tiefen Läufe macht. In der Summe wird erschreckend deutlich, wie abhängig die Borussia von diesem Sturm-Phänomen ist. Der Klub hat erstaunliche 92 Prozent aller Bundesliga-Partien, in denen Haaland getroffen hat, gewonnen. Blieb er ohne Treffer, waren es gerade einmal 40 Prozent.

Eine unschöne Aussicht für den BVB

Es ist eine Abhängigkeit, die sie auch in München kennen. Denn auch beim FC Bayern steigt der Blutdruck immer dann rasant und rapide an, wenn Robert Lewandowski mal schmerzverzerrt irgendeinen Teil seines Körpers berührt - was aus Sicht des Rekordmeisters zum Glück nicht allzu oft vorkommt. Nun hat's den BVB erwischt. Ein unschönes Szenario in dieser vorweihnachtlichen Zeit, die den BVB noch als Akkord-Malocher fordert. Sechs Spiele stehen in den kommenden 19 Tagen an.

Nur ein einziges davon gehört in die Kategorie "semi-wichtig". Nämlich das in der Champions League kommende Woche bei Zenit St. Petersburg. Fürs Achtelfinale ist Dortmund bereits qualifiziert, es geht in Russland "nur" noch um Gruppensieg und damit um ein möglicherweise leichteres Los für die K.o.-Runde im nächsten Jahr. Was angesichts von Kandidaten wie Atletico und Real Madrid, von Atalanta Bergamo, Juventus Turin und Manchester United, RB Leipzig oder Paris St. Germain aber eben auch nur eine bedingt beruhigende Aussicht ist.

Der Rest des Programms ist knackig. Angesichts der beiden Patzer in der Bundesliga gegen Augsburg und Köln ist kaum noch Spielraum für einen weiteren Aussetzer, soll's am Ende der Saison doch um den Titel gehen - selbst wenn die Bayern auch bereits gepatzt haben. Und Eintracht Braunschweig als Gegner im DFB-Pokal, das sollte ebenfalls souverän hergespielt werden. Sonst drohen die fast schon ritualisierten Herbst- und Winterdiskussionen um Lucien Favre. Der ist (nicht nur deshalb) nun besonders gefordert, sich kreative Lösungen für die kommenden Wochen zu überlegen. Denn einen Mann, der die Rolle von Haaland ausfüllen kann, die gibt es (noch) nicht. Der Kader des BVB ist auf eine Ein-Mann-Stoßstürmer-Strategie ausgelegt, mit der Perspektive den jungen Youssoufa Moukoko, was angesichts der jungen 20 Jahre von Haaland irgendwie auch kurios klingt, als Mann für die Zukunft aufzubauen.

Moukoko, Reus oder das Kollektiv?

Über diesen erstaunlichen Moukoko, der in den vergangenen Jahren mutmaßlich jeden einzelnen Rekord eines Nachwuchsspielers in Deutschland nicht nur geknackt sondern pulverisiert hatte, ist alles erzählt. Schnell ist er, robust ist er und er verfügt über einen sensationellen Abschluss. Aber Moukoko ist erst 16 Jahre alt. Und das auch erst seit 13 Tagen. Im Profifußball hat er bislang 28 (!) Minuten mitgewirkt. Dass die Dortmunder nun ihre Behutsamkeit im Umgang mit Moukoko aufgeben und ihn gegen Eintracht Frankfurt, den überraschend starken VfB Stuttgart, Werder Bremen und Union Berlin einfach losstürmen lassen - kaum vorstellbar. Was aber sind die Alternativen? Klar, Marco Reus. Der Kapitän könnte es machen, er kennt die Rolle im Zentrum, auch wenn es nicht seine liebste ist. Und nach einer schwächeren Saison (mit wieder einmal mehreren Verletzungen) stimmte bislang auch die Form, auch wenn er nicht beständig in der Startelf stand. Aber für welchen Offensivmann gilt das beim BVB schon - außer für Haaland.

Möglich wäre auch Thorgan Hazard als Mann in der Mitte. Hängende Spitze, ähnlich wie Reus, das kann er, das mag er. Aber ackern gegen die Abwehrochsen im Strafraum. nun das ist es nicht, was den Belgier bisher ausgezeichnet hat. Auch Julian Brandt, dieser schlampige Hochbegabte, stand schon vorne drin, fremdelte gegen die Robustheit im Strafraum aber - und flüchtete. Bleibt das Kollektiv der Feinfüße, um Jadon Sancho, um Gio Reyna, um auch Brandt und Reus. Die rotieren, kombinieren, bisweilen zaubern sie auch. Sie nutzen aber eher die Breite, nicht die Tiefe. Sie stressen die Gegner mit ihrer Wuseligkeit, nicht mit der Wucht des Norwegers. Dass das in der erzwungenen Entziehungskur von Haalands Abhängigkeit erfolgreicher sein kann, als es die Statistik bisher ausweist, das müssen sie nun beweisen. Selbst wenn sie dabei Dinge tun, die Fußballer, die Erling Haaland heißen, niemals tun würden.

Quelle: ntv.de

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