Fußball

Ultras gegen Fußball-Verbände Es droht die eskalative Machtprobe

imago41300693h.jpg

Gegen den DFB - die Ultra-Gruppen bleiben trotz Gesprächen dabei.

(Foto: imago images / Picture Point LE)

Ein wenig Selbstkritik der Verbände - und das reicht? Offenbar nicht. Nur einen Tag nach dem Krisentreffen mit der DFB und der DFL erhöhen Fangruppen aus der Fußball-Bundesliga den Druck. Sie kündigen neue Proteste an und schließen selbst den Spielabbruch nicht aus.

Volker Goll, der stellvertretende Leiter der Koordinationsstelle Fanprojekte, hatte es ja befürchtet. "Wenn es sich zuspitzt, wird es zu einer ungemütlichen Machtprobe kommen. Deswegen raten wir nun den Beteiligten: Durchatmen, innehalten, zusammensetzen." Ein ehrenwerter Appell, der aber kaum ausgesprochen, schon wieder verhallt. Nur einen Tag nach seinem gegenüber "spox.com" geäußerten Wunsch, tagten Vertreter von DFL, DFB und dem Fanbündnis "Unsere Kurve". Die Verbände zeigten dabei offenbar Selbstkritik. Doch wieder einen Tag später, an diesem Freitag, kommt es bereits zur nächsten Attacke.

Der Zusammenschluss "Fanszenen Deutschlands", der zahlreiche deutsche Ultra-Gruppen vereint, kündigte für den 25. Spieltag, der am Abend mit der Partie SC Paderborn gegen 1. FC Köln (20 Uhr im Liveticker bei ntv.de) beginnt, ein entsprechendes Vorgehen an. "Wir Fans werden die Praxis vom letzten Spieltag nicht einfach so hinnehmen und im Zweifel weiter Unterbrechungen und Abbrüche in Kauf nehmen", heißt es in einer gemeinsamen und sehr ausführlichen Stellungnahme mit dem Titel "Kollektivstrafen zum 'Schutze' eines Milliardärs - der DFB zeigt erneut sein wahres Gesicht".

Verhalten des DFB sei eine "Schande"

imago46952214h.jpg

Gegen Hopp wird's wohl auch weiterhin gehen.

(Foto: imago images/Matthias Koch)

Die Fanszenen wehren sich mit ihren Protesten erneut gegen die Wiedereinführung eben jener genannten Kollektivstrafen. "Die tatsächliche Schande der vergangenen Woche liegt im Verhalten der Verbände und allen voran des DFB", heißt es. Indem der mächtige Verband diese Strafen nun wieder ausspreche, beweise er, "dass er nur solange an Veränderungen und Dialog interessiert ist, solange sein Geschäft nicht ernsthaft gestört wird".

Nun, gestört ist es, das Geschäft. Am vergangenen Wochenende, als in mehreren Stadien der 1. und 2. Bundesliga als kollektive Aktion gegen Hoffenheims Mäzen (der Milliardär, siehe oben) Dietmar Hopp und den DFB protestiert wurde, gab's nur ein Thema: die Plakate und Schmähungen. Besonders im Fokus: das Spiel des FC Bayern bei der TSG Hoffenheim. Dort einigten sich die Fußballer beider Teams nach wiederholt gezeigten "Hurensohn"-Plakaten gegen Hopp auf einen historischen Nichtangriffspakt.

Die Ultras bewerten die Vorfälle im Sinsheimer Stadion dabei gänzlich anders als die Verbände. Hopp selbst, Bayern-Boss Karl-Heinz Rummenigge und der DFB hätten "sich gegenseitig übertreffend" über "Würde", "Moral" und "Respekt" fabuliert. Dabei sorgten wie im Falle von Hopp dieselben Personen dafür, dass der Fußball "von hochgezüchteten Retortenvereinen mit unkritischem Klatschpublikum beherrscht wird", schreiben die nun.

Gefährliche Vermischung

Tatsächlich wurde die ausgerufene Zäsur tagelang zum Thema gemacht. Es entbrannten wilde Diskussionen über Meinungsfreiheit und Diffamierungen. Und darüber, ob eine solche Zäsur nicht hätte viel früher kommen müssen, bei den zuletzt wieder häufiger vorkommenden rassistischen Vorfällen. Der FC Schalke 04 kündigte im Anschluss an die Diskussionen an, seine Mannschaft sofort vom Feld zu holen, wenn es zu Schmähungen kommen würde.

imago46940214h.jpg

Auch Manuel Neuer bekam Schmährufe zu hören.

(Foto: imago images/VI Images)

Aber wo hört das eine auf, wo fängt das andere an. Wie unlösbar diese so hitzige Debatte ist, wurde dann am Dienstagabend beim Pokalspiel ausgerechnet auf Schalke deutlich, als der Torwart des FC Bayern, der gebürtige Gelsenkirchener Manuel Neuer, als "Hurensohn" besungen wurde. Eine unschönes, aber etabliertes Schmähritual, mit dem der 33-Jährige übrigens entspannt umgeht. Was geschah? Nichts. Kurios, denn eben diese Beleidigung, der "Hurensohn", war ja Auslöser des Zäsur-Aufrufs.

Vermischt wurde in dieser turbulenten Woche dann auch alles und jedes: Diffamierung, Kritik, Rassismus und was sich da sonst an Vorwürfen noch so tummelte - es kam oft alles in einen Topf. Eine differenzierte Aufarbeitung? Kaum möglich. Viel zu aufgeheizt sind die sich derzeit unversöhnlich gegenüberstehenden Seiten. Dabei wurden die Ultras und ihr Wirken in den Berichten allzu häufig auch verkürzt dargestellt. In vielen Stadien sind sie nicht nur für die enthusiastische Stimmung und die oft beeindruckenden Choreografien verantwortlich, sie führen beispielsweise auch einen aktiven Kampf gegen rechte Hetze. Zuletzt zu beobachten bei den "Nazi-raus"-Rufen im Nachgang des rechtsterroristischen Anschlags von Hanau. Den meinungsstarken und kritischen Worten unter anderem gegen Trainingslager in Katar (FC Bayern) oder einen allzu laschen Umgang mit dem Thema Rassismus (Schalke 04) steht oft das Bild von Pyrotechnik zündenden Idioten gegenüber.

"Bekämpfung unserer Fankultur"

Das Vertrauen der Ultras in die Verbände jedenfalls scheint nach vielen Enttäuschungen mit nicht eingehaltenen Versprechen (Kolletivstrafe) komplett zerstört. So werden nun auch schwere Vorwürfe formuliert. "Es geht schlichtweg um die Bekämpfung unserer Fankultur und unserer Werte", befürchtete der Zusammenschluss, "die Profiteure des Geschäfts 'Fußball' versuchen mit diesem scheinbar verfänglichen Thema die Fankurven zu spalten, um letztendlich die aktiven Fanszenen zu entfernen". Das gemeinsame Bündnis fordert nun vom kritisierten DFB neben dem Aufheben der Kollektivstrafe auch das Aufgeben seines "mittelalterlichen Rechtsverständnis". Darüber hinaus fehle der Dialog, auch unter dem neuen Präsidenten Fritz Keller, dessen schlecht vorbereiteter Auftritt im ZDF-"Sportstudio" am vergangenen Samstag für viel Unverständnis gesorgt hatte, scheint sich "nichts zum Positiven verändert zu haben".

Bei den Samstagsspielen Schalke 04 gegen die TSG Hoffenheim (15.30 Uhr) und Borussia Mönchengladbach gegen Borussia Dortmund (18.30 Uhr) wird am ehesten mit Vorfällen gerechnet. Wie genau der angekündigte Protest am Wochenende aussieht, ließen die Ultras indes offen. Von kreativem Protest, wie unter der Woche bei gleich mehreren Pokalspielen bis hin zu einer weiteren Eskalation mit Spiel-Abbrüchen ist alles möglich.

Quelle: ntv.de, mit dpa & sid