Fußball

Der endlose Kampf um 50+1 Explodiert das Pulverfass Hannover 96?

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96-Präsident Martin Kind (links) im Gespräch mit Sky. Im Hintergrund sieht man ein Protestplakat der Fanszene.

(Foto: picture alliance / Peter Steffen)

Sportlich könnte es für Fußball-Bundesligist Hannover 96 nicht besser laufen. Doch abseits des Platzes herrscht eine vergiftete Atmosphäre. Fans und Klub-Boss Kind liefern sich eine Schlammschlacht. Beide gefährden damit mehr als nur die Stimmung.

Das Publikum schimpft laut, einige Fans lassen die Arme fallen. Andere stehen von dem eiskalten Wind, der durch das Stadion von Hannover 96 weht, wie erstarrt. Der Ball ist wieder im Netz, es steht 2:0 für die Gäste aus Mainz. Nach gerade einmal 30 Minuten. Mehr und mehr Menschen verlassen ihren Platz. Sie gehen, um sich ihr Bier und ihre Bratwurst zu holen. Stimmung kommt in der Fußball-Bundesliga so nicht auf: Die Fankurve wird am 18. Spieltag eher zum Diskutieren missbraucht, als zum Anfeuern. In der angespannten Lage ist es also vielleicht gar nicht so verkehrt, dass 96 am frühen Abend (ab 18 Uhr im Liveticker bei n-tv.de) auswärts gegen Schalke 04 antritt.

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Immerhin auf dem Platz wurden die Tore von Niklas Füllkrug angemessen gefeiert.

(Foto: picture alliance / Peter Steffen)

Grund für das Schweigen der aktiven Fanszene ist die sogenannten 50+1-Regel, die, in aller Kürze formuliert, besagt, dass kein Investor die Mehrheit einer Kapitalgesellschaft übernehmen kann. Die Kapitalgesellschaften sind hierbei die ausgegliederten Profimannschaften der Vereine. Ausnahmen der Regel werden nur gemacht, wenn ein Investor den Verein länger als 20 Jahre unterstützt hat. Und genaue diese Ausnahme möchte Martin Kind, der sich seit 1997 für Hannover 96 engagiert, anwenden, um die Kapitalgesellschaft zu übernehmen. Zum Unmut einiger Fans.

Totentanz auf den Rängen

Die aktive Fanszene, der hartgesottene Kern von Hannover 96, steht dem Klub-Präsidenten und Investor Martin Kind alles andere als wohlwollend gegenüber. Das hat sich Kind zum Teil selber anzukreiden. So hatte er den Verein 2013 als "Scheißverein" bezeichnet, bevor er für ihn tätig wurde. Und das nehmen ihm viele in der aktiven Fanszene bis heute übel. Etwa in dieser Zeit waren die ersten "Kind muss weg!"-Rufe aus der Nordkurve verlautbar. Für die Fanszene haben allerdings erst die Übernahmepläne den endgültigen Riss bedeutet. Die Fans wollen den Verein in seiner jetzigen Struktur bewahren. Um das durchzusetzen, bedienen sie sich ihrer - zugegebenermaßen begrenzten - Möglichkeiten, um gehört zu werden. Nämlich indem das Stadion sie nicht mehr hört.

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Kampf dem Kommerz: 96-Fans teilen auch gegen HSV-Investor Klaus-Micheal Kühne aus.

(Foto: imago/Team 2)

Die Stimmung in der hannoverschen Nordkurve bleibt seit mehreren Monaten aus. In der Saison 2014/15 ging der Boykott so weit, dass die Ultras erst am 30. Spieltag in die Nordkurve zurückkehrten. Der damaligen Rückkehr war ein Gespräch zwischen Offiziellen von 96 und Vertretern der Fanszene vorausgegangen, bei dem sich beide offen zu ihren Verfehlungen in der Vergangenheit bekannten. Heute gleicht die fehlende Stimmung durch die Fankurve wieder einem "Totentanz". Es ist das letzte verzweifelte Mittel, sich Gehör zu verschaffen.

Durchhalteparole: Nicht das Feindbild werden

Doch was ist die große Sorge der Fanszene? Vereinfacht: Ein undurchsichtiges Fußballgebilde wie RB Leipzig zu werden. Besonders tiefe Abneigung herrscht gegen den Kommerz und alles, was ihn fördert. Wie der Leiter der Red Bull GmbH, Dietrich Mateschitz, der einen Fußballklub aus dem Nichts gegründet und zum Bundesliga-Topklub hochgewirtschaftet hat. Die Sorge, dass der Unternehmer Kind Hannover 96 in eine vergleichbare Richtung entwickelt, beunruhigt die Fans zunehmend.

Doch um das große Ganze zu verstehen, müssen beide Seiten betrachtet werden. Denn es ist eben kein Kampf zwischen pöbelnden Pyromanen und gewissenlosen Geldhaien. Es ist vielmehr ein Kampf zwischen besorgten Traditionsliebhabern und Verfechtern der Modernisierung des Fußballs.

*Datenschutz

Um gegen die geplante Übernahme zu demonstrieren, fanden sich vor dem Bundesliga-Heimspiel gegen den 1. FSV Mainz 05 Hunderte Mitglieder der aktiven Fanszene zusammen. Die Demo wurde in den Internetforen der Ultras Hannover und auf verschiedenen Facebook-Fanseiten angekündigt. Die Initiatoren der Interessengemeinschaft Pro Verein 1896 haben zudem eine über 50-seitige Schutzschrift beim DFB, dem DFL und den restlichen Klubs der ersten und zweiten Bundesliga eingereicht. Diese Schutzschrift beinhaltet aus der Sicht der Fanszene die Gründe, wieso für den Verein Hannover 96 die 50+1-Regel nicht ausgesetzt werden darf.

Kind lässt sich nicht aus der Ruhe bringen

96-Präsident Kind sieht die Dinge anders. Er betrachtet eine Abschaffung der 50+1-Regel als Chance für Hannover 96, unter seiner Leitung "dauerhaft konkurrenzfähig zu bleiben", wie er immer wieder betont. Er beteuert regelmäßig seine Identifikation mit dem Verein, für den er seit zwei Jahrzehnten ehrenamtlich tätig ist.

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Martin Kind schätzt seine Chance, Hannover 96 zu übernehmen, als gut ein.

(Foto: picture alliance / Silas Stein/d)

In der Tat hat der Klub aus Niedersachsen ihm einiges zu verdanken - er befreite 96 bei seinem Amtsantritt aus der wirtschaftlichen Schieflage. Als Kind das Präsidentenamt 1997 übernahm, war der Klub hochverschuldet und in die Regionalliga abgestiegen. Dank seines Engagements schrieb Hannover in den drauffolgenden Jahren wieder schwarze Zahlen und erreichte seinen vorläufigen Höhepunkt mit der Qualifikation für die Euro-League in den Saisons 2010/11 und 2011/12.

Immer wieder unterstreicht Kind, dass Hannover 96 nur von regionalen Investoren unterstützt werden soll. Eine Vereinskultur à la Paris Saint Germain solle es nicht geben. 96, so sein Argument, werde nur von Personen unterstützt, die eine wirkliche Verbindung zu der Stadt und dem Verein haben. Ab wann ein Unternehmen aber "regional" ist, bleibt unklar. Erneut Grund genug für die Ultras, gegen die Übernahme Sturm zu laufen.

Auf dem 96-Neujahrsempfang machte Kind deutlich, dass er die Ablehnung seines Antrages nicht akzeptieren werde. "Ich gehe davon aus, dass dem Antrag stattgegeben wird. Sollte es wider Erwarten anders kommen, gibt es die Rechtsklärung." Erstmals drohte er damit öffentlich mit einer Klage - was nicht unbedingt zur Entspannung der Lage beiträgt.

Wie beleidigte Kinder

Zugegebenermaßen ist eine Lösung für den Konflikt nicht leicht zu finden. Das liegt zum Teil an der beiderseitigen Sturköpfigkeit. Obwohl es sportlich deutlich besser läuft als gedacht, konzentrieren sich die streitenden Parteien zu sehr auf ihre eigenen Interessen. Zweifelsohne haben beide Parteien ihren Anteil an dem Erfolg von Hannover 96. Sie sind allerdings genauso mitverantwortlich für die Eskalation.

Eine offene Diskussion mit allen Beteiligten, wie sie seit langem von der Fanszene gefordert wird, könnte den ersten Schritt in die richtige Richtung bedeuten. Dazu müssten zunächst beide Parteien ihre beinahe allergische Reaktion aufeinander ablegen. Im Endeffekt ist es ganz egal, wie sie sich einigen. Bis kein Frieden einkehrt, leidet darunter die Stimmung in der HDI-Arena und vor allem die Mannschaft. Und das ist weder im Interesse der Unterstützer im Stadion, noch in dem von Martin Kind.

Quelle: ntv.de