Fußball

Einfallslos gegen die Hertha FC Bayern sucht Ideen und findet Coutinho

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Es war ja nicht alles schlecht: Robert Lewandowski, Manuel Neuer und Thomas Müller.

(Foto: imago images / Lackovic)

Wenn Sie wüssten, wie viele Punkte wir nach den Transfers schon sicher haben: So tritt der FC Bayern nach dem einfallslosen Remis zum Auftakt gegen die Hertha auf. Der reichen vier Minuten. Der vermeintliche Heilsbringer heißt Coutinho - doch ist der Wechsel genug?

Show, Blasmusik, Pop-Nationalhymne: Der FC Bayern München eröffnete die 57. Saison der Fußball-Bundesliga gegen Hertha BSC mit Tamtam. 75.000 Zuschauer in der Allianz Arena sahen überdimensionale Aufsteller der 18 Bundesligavereine und rätselten, welcher B-Musiker da die Nationalhymne auf den Rasen schmalzte - nein Sarah Connor war es nicht und von B-Lösungen spricht man beim FC Bayern sowieso nicht mehr. Doch dann bot auch der fußballerische Teil des Auftakts ordentlich Entertainment und Spektakel.

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Gleich zwei Tore zum Auftakt: Robert Lewandowski, FC Bayern.

(Foto: dpa)

Erleichterung unter den Bayern-Fans: Es geht ja doch unter Niko Kovac. Nach der Niederlage gegen Dortmund im Supercup und einem unspektakulären Sieg in Cottbus im Pokal können die Münchner doch noch dominant auftreten - zumindest für 30 Minuten. Nach scharfer Hereingabe von Serge Gnabry wuchs Robert Lewandowskis linkes Bein im Grätschsprung länger und länger, bis es den Ball in der 23. Minute zum verdienten 1:0 über die Linie bugsierte.

Dann aber schliefen die Münchner zweimal. Die Berliner schlugen in Form von Bayern-Schreck Dodi Lukebakio (36.) und Marko Grujic (38.)zu. Erst in der zweiten Hälfte erzielten die Bayern das 2:2, beim dem es auch blieb. Erneut traf Lewandowski, per Elfmeter. Trotz 71 Prozent Ballbesitz, 17:6 Torschüssen sowie 12:0 Ecken: Viel kam dann nicht mehr - zu wenig für die eigenen Ansprüche.

"In den Chancen konkreter sein"

FC Bayern - Hertha 2:2 (1:2)

Tore: 1:0 Lewandowski (24.), 1:1 Lukebakio (36.), 1:2 Grujic (38.), 2:2 Lewandowski (60., Foulelfmeter nach Videobeweis)
FC Bayern:
Neuer - Kimmich, Süle, Pavard, Alaba - Thiago - Thomas Müller (85. Sanches), Tolisso - Gnabry (86. Davies), Lewandowski, Coman. - Trainer: Kovac.
Hertha BSC: Jarstein - Klünter, Stark, Rekik - Grujic, Darida - Leckie, Duda (78. Skjelbred), Mittelstädt - Lukebakio (68. Selke), Ibisevic (63. Esswein). - Trainer: Covic.
Schiedsrichter: Osmers (Hannover)
Zuschauer: 75.000 (ausverkauft)

Kovac witzelte vor dem Anpfiff kurz mit Ante Covic, dem Trainer der Hertha. Die beiden kennen sich gut, sind in der kroatischen Gemeinde in Berlin aufgewachsen. Dann sah der Bayern-Coach einen stürmischen Beginn seiner Mannschaft, bei der im hochstehenden 4-2-3-1 viel über die Außen ging. Allerdings: So sehr der FC Bayern drängte, so wenig kreativ und ideenreich war das Ganze. Ein System war kaum erkennbar, im Spielaufbau und in der Chancenkreation fehlte die Variabilität.

Lediglich Kingsley Coman und Gnabry wirbelten in den Strafraum und stellten die Hertha mit Lewandowski vor Probleme. Doch meist fehlte der letzte Pass, oder die Hereingabe suchte vergeblich einen Abnehmer. "Wir hätten in den Chancen, die wir hatten, noch konkreter sein können und müssen", sagte Kovac. Das Führungstor fiel trotzdem als logische Folge des Bayern-Drucks. Doch Covic stellte nach dem 0:1 um, die Hertha zog sich nach einem anfänglichen 3-5-2 stärker zurück und versuchte nicht mehr, mit den Münchner um den Ballbesitz zu kämpfen. Kovac reagierte nicht, und binnen zwei Minuten drehten die Berliner das Spiel.

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Das war das 2:1 für die Hertha: Marko Grujic.

(Foto: imago images / Eibner)

Lukebakio traf mit einem abgefälschten Fernschuss, weil Joshua Kimmich nicht richtig angriff und Vedad Ibisevic dem Kollegen Grujic seelenruhig auf die Reise schicken durfte, nachdem dieser mit Benjamin Pavard zusammengekracht war. Der Serbe umkurvte Neuer trotz Augenverletzung locker. Wieder offenbarte die Bayern Schwächen beim Umschaltspiel. Niklas Süle zeigte sich selbstkritisch: "Wir hatten einen leichten Ballverlust in der Vorwärtsbewegung, der heute leider direkt bestraft wurde. Ansonsten haben wir es gut gemacht", sagte der Abwehrchef. "Wir haben noch viel zu verbessern, zum Beispiel die Abläufe." Die Münchner wirkten nach dem 1:2 von der Rolle: "Nach den beiden Toren war sicherlich ein bisschen eine Schockstarre vorhanden", sagte Thomas Müller. "Nach dem 1:0 haben sie umgestellt. Ob ein Zusammenhang damit besteht, dass danach die beiden Tore gefallen sind, weiß ich nicht."

Überraschungsmomente? Fehlanzeige

Die Bayern wollten trotzdem ein gutes Spiel gesehen haben. "Ich kann der Mannschaft keinen Vorwurf machen, sie hat es gut gemacht", sagte der Trainer. Karl-Heinz Rummenigge fügte hinzu: "Grundsätzlich haben wir gut gespielt. Wir haben uns viele Chancen herausgespielt. Wenn du zwei Tore erzielst, reicht das normalerweise." Damit stimmte der Vorstandsvorsitzende zur Abwechslung mal Kovac zu: "Ich glaube nicht, dass wir wegen des Systems anfällig sind. Das waren unglückliche Tore, die wir da gekriegt haben."

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Man kennt sich: Niko Kovac und Ante Covic, Trainer.

(Foto: imago images / eu-images)

Allerdings brauchten die Münchner in der zweiten Hälfte einen Elfmeter, um wenigstens auf Remis zu stellen. Die Bayern liefen zwar nach der Pause das Berliner Tor an. Doch außer Gnabry und Lewandowski strahlte niemand Torgefahr aus. Kreative Spielzüge? Nö. Überraschungsmomente? Beileibe nicht. Das Spiel des FCB war besonders in der zweiten Halbzeit viel zu einfach auszurechnen für die Berliner Defensive, die letztlich nicht allzu sehr gefordert war.

Ob Kovac' Vorgaben wirklich nur Ballverteilung auf die Außen und dann rein in den Strafraum' vorsahen? Vielleicht hätte er auch einen zweiten Stürmer eingewechselt - aber auf der Bank hatte er vier Amateure, Zugang Jan-Fiete Arp war nicht im Kader. Aber auch am Freitagabend ging es wie seit Monaten beim FC Bayern wieder einmal um das Sportliche von Morgen und die Spieler, die die Heilsbringung Wirklichkeit werden lassen sollen. Sie heißen nun wohl doch nicht Leroy Sané und Timo Werner, sondern Ivan Perisic, Mickaël Cuisance - und Philippe Coutinho. Der Brasilianer "wird uns Optionen geben. Er kann auf der Zehn spielen, er kann von links kommen wie öfters bei Barcelona", sagte Sportdirektor Hasan Salihamidzic nicht ohne Stolz. "Wir können uns alle auf einen richtig, richtig guten Spieler freuen." Abwehrchef Süle zeigte sich geradezu erleichtert, "so eine Neuverpflichtung tut uns unglaublich gut, weil wir momentan noch sehr wenige Spieler im Kader haben. Langsam sieht es besser aus". Und hatte schon klare Erwartungen an Coutinho: "Gute Spiele, viele Tore, viele Vorlagen."

Wie stark ist Coutinho wirklich?

Der Brasilianer soll für Kreativität im Münchner Spiel sorgen. Für Überraschendes, Wow-Momente, Traumtore. Der 27-jährige Freigeist ist ein Weltstar, das hat er in der Nationalelf und beim FC Liverpool bewiesen. Allerdings: Es ist auch ein Risikotransfer. Coutinho hat seit seinem Wechsel vom FC Liverpool zum FC Barcelona meist vermissen lassen, wofür er steht: Torgefahr, Vorlagen, Dribblings.

In 34 La-Liga-Spielen erzielte er in der Saison 2018/2019 fünf Tore und bereitete zwei vor. Und auch vor seinem Weltstar-Coming out unter Jürgen Klopp schaffte er in den Saisons 2014/15, 2015/16 und 2016/17 in 94 Premier-League-Spielen lediglich 26 Tore und 17 Assists. Sicherlich: Coutinho ist noch eine Klasse besser als James, der sich so schlecht mit Kovac verstand, dass er zurück zu Real Madrid ging. Und in der Kreativzentrale wird er dringend benötigt. Ob der Brasilianer gleich einschlagen kann wie einst Arjen Robben, darf aber bezweifelt werden. Der Niederländer schoss in seinem ersten Spiel gleich mal zwei Tore und legte eine erste Saison für die Geschichtsbücher hin.

Die Fans dürfen gespannt sein - auch, ob so ein Weltklassetransfer etwas an der teilweise einfallslosen und starren systemischen Spielweise und der taktischen Monotonie ändert. Beim FC Bayern jedenfalls sind sie erst einmal zufrieden, auch wenn es zum Auftakt nur einen Punkt gab. Der Titel in der Liga, so der Tenor beim deutschen Meister, hat man mit den neuen Spielern wieder in der Tasche. Na dann.

Quelle: n-tv.de