Fußball

Hertha muss in die Relegation Felix Magath droht Kampf mit HSV-Vergangenheit

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Leader Boateng kam spät und war ratlos. Für Magath aber war die Niederlage Teil eines Szenarios.

(Foto: picture alliance / Laci Perenyi)

Nach dem Last-Minute-Drama muss Hertha BSC nun doch in die Relegation. Trainer Felix Magath rechnet sich dennoch gute Chancen aus - auch, wenn ein schwieriges Duell für den erfahrenen Coach anstehen könnte.

Sichtlich ratlos lief Kevin-Prince Boateng nach Abpfiff auf seine Teamkollegen zu. Mit fragendem Blick wandte er sich erst an Santiago Ascacibar, dann an Ersatztorwart Oliver Christensen. Keiner konnte offenbar so richtig erklären, was passiert war. Boateng wurde erst in der 88. Minute eingewechselt, vorher hatte er die anderen von der Bank aus angefeuert, so wie er es immer machte. Doch es half nichts. Seine Hertha verlor am 34. Spieltag mit 1:2 (1:0) gegen Borussia Dortmund. Und muss zehn Jahre nach dem Drama gegen Fortuna Düsseldorf, das nach einem Platzsturm vor dem DFB-Sportgericht endete, wieder in der Relegation um den Klassenerhalt kämpfen.

Dabei hatte Trainer Felix Magath seine Mannschaft schon darauf vorbereitet, was passieren könnte. Mit über 500 Spielen als Trainer in der Fußball-Bundesliga entwickelt man offenbar ein Gespür für solche Dinge. Denn noch vor zwei Wochen, als Hertha nur Remis gegen Abstiegskonkurrenten Arminia Bielefeld spielte, sprach der 68-Jährige bereits über seine Eingebung: "Als ich diesen Job übernommen habe, war ich sicher, dass wir in der Relegation gegen den HSV spielen. Darauf arbeite ich nicht hin. Aber es würde mich auch nicht überraschen, wenn es zu dieser Konstellation käme."

Auch wenn er nicht darauf hingearbeitet hat, eine Hälfte von Magaths Szenario ist nun eingetreten. Doch während einige seiner Spieler nach Schlusspfiff noch auf dem Feld die Tränen kamen, analysierte der 68-Jährige die Situation überraschend ruhig. "Ich habe mich mit dem Ergebnis abgefunden. Ich finde, wir haben ein sehr gutes Spiel gemacht und dem deutschen Vizemeister über 90 Minuten Paroli geboten. Dadurch haben wir gezeigt, dass wir ein Erstligist sind - und das müssen wir jetzt noch zweimal machen", sagte er dem Bezahlsender Sky.

Emotionaler BVB-Nachmittag

Tatsächlich lief es lange Zeit für die Berliner nach Plan, sie hätten nur einen Punkt für den sicheren Klassenerhalt gebraucht. Dann wäre auch egal gewesen, was der VfB Stuttgart im Fernduell gegen den 1. FC Köln macht. Angefeuert von den mitgereisten Fans ging die Alte Dame schon früh in Führung, nachdem Angreifer Ishak Belfodil einen berechtigten Foulelfmeter verwandelte (18.). Die Blau-Weißen überließen Dortmund in der Folge den Ball, die wussten aber nicht, wie sie damit gefährlich werden konnten. Mal schoben sie ihn in der BVB-Viererkette hin und her, mal landete ein Pass ohne Gegnerdruck im Aus. Die Quittung kam von den Rängen: Mit Pfiffen ging es in die Halbzeit.

Vielleicht hatte der Magath-Elf auch geholfen, dass die Borussen die wichtigsten Momente bereits vor dem Anpfiff absolviert hatten. Der letzte Spieltag stand beim BVB ganz im Zeichen verdienter Mitarbeiter. Bereits um 14.45 Uhr (also eine Dreiviertelstunde vor Anpfiff) ging der Verabschiedungsmarathon los, als zwei langjährige Physiotherapeuten die ersten Blumen bekamen. Danach unterbrach fast die halbe Startelf das Aufwärmen und Erling Haaland, Roman Bürki, Axel Witsel sowie Axel Zagadou nahmen ihre Sträuße entgegen. Es gipfelte in gleich zwei emotionalen Höhepunkten: Erst wurde der langjährige Kapitän Marcel Schmelzer, dann Vereinsikone und Manager Michael Zorc, der vielleicht größte Borusse aller Zeiten, nach 44 Jahren in Schwarz-Gelb verabschiedet.

Es dauerte seine Zeit, bis der BVB nach der emotionalen Zeremonie ins Spiel fand. Dabei half ihnen ein umstrittener Videobeweis-Handelfmeter. Den fälligen Strafstoß verwandelte Haaland noch als Abschiedsgeschenk (68.), bevor er zu Manchester City wechselt. Der Norweger schraubte damit seine eindrucksvolle Torquote auf 86 Treffer in 89 Spielen hoch. Das Berliner Schicksal wurde im Anschluss besiegelt. Erst vollendete Youngster Youssoufa Moukoko (84.) nach einem Wahnsinnspass von Jude Bellingham, wenige Minuten später erzielte der VfB im Parallelspiel gegen Köln den 2:1-Siegtreffer. Und es war um die Hertha geschehen.

Boatengs Rückkehr

Doch während nach Abpfiff auf dem Rasen bei einigen Herthanern die Tränen liefen und die mitgereisten Fans die Ehrenrunde von BVB-Ikone Zorc verfolgten, war einer schon wieder voller Tatendrang. "Wir müssen am Donnerstag da weitermachen, wo wir heute aufgehört haben. Wenn wir wieder so auftreten, dann bin ich sicher, haben wir gute Chancen, die Klasse zu halten", sagte Magath nach dem Spiel. Die Relegation sei nicht das Worst-Case-Szenario, sondern das Minimalziel gewesen, erklärte er auf der anschließenden Pressekonferenz.

Dass die Berliner überhaupt die Möglichkeit dazu bekommen, erneut eine verkorkste Saison zu retten, können sie Magath verdanken. Zusammen mit seinem Co-Trainer Mark Fotheringham hat er das Team aufgerichtet, ihm wieder eine Struktur gegeben. Dabei wurde die Magath-Verpflichtung im März als das nächste kuriose Kapitel des Berliner Chaos-Klubs verspottet. Schließlich war es nicht die erste ungewöhnliche Trainerentscheidung, die Geschäftsführer Fredi Bobic in der laufenden Saison getroffen hatte.

Nach der Hälfte der Hinrunde ersetzte Bobic Vereinsikone Pál Dardai mit Tayfun Korkut, der zuvor mehr als zwei Jahre keinen Trainerjob hatte. Der erhoffter Effekt hielt genau vier Spiele, bis zum 3:2-Heimerfolg über den BVB kurz vor Weihnachten. Danach folgten zehn sieglose Partien und der Absturz auf Tabellenplatz 17. Doch dann kam Magath und mit ihm das vielleicht spektakulärste Comeback der jüngeren Bundesligageschichte. Der 68-Jährige coachte coronainfiziert aus dem Hotel-Zimmer, Fotheringham peitsche die Elf als zwölfter Mann vor Ort an der Seitenlinie an. Das erste Heimspiel gegen Hoffenheim gewannen sie mit 3:0.

Die schwierigste Mission

Magath veränderte die Mannschaft etwas, holte Kevin-Prince Boateng von der Tribüne zurück aufs Feld. Auch wenn es bei dem mittlerweile 35-Jährigen nicht mehr für 90 Minuten reicht, übernimmt er nun die ihm zugedachte Leaderrolle. Gegen Dortmund machte er das von der Bank aus. Unter Magath blühte auch Linksverteidiger Marvin Plattenhardt zuletzt wieder auf. Der 30-Jährige, der sich mit seinen gefährlichen Standardsituationen 2017 sogar ins DFB-Team spielte, bereitet auch unter Magath wieder Tore vor.

Zudem macht der 68-Jährige das, wofür er wohl auch verpflichtet wurde. Plötzlich liegt der mediale Fokus nicht mehr auf der Mannschaft, sondern auf dem Trainer. Magath kritisierte zuletzt ausführlich die Leistungen des FC Bayern, klagte die Wettbewerbsverzerrung an, als die Münchner erst gegen Mainz mit 1:3 verloren und anschließend in den Ibiza-Urlaub flogen, um danach nur 2:2-Remis gegen Herthas Abstiegskonkurrenten Stuttgart zu spielen.

Und dennoch, noch ist nichts gerettet. Der Klassenerhalt wäre aus seiner Sicht eine großartige Leistung, sagte Magath unter der Woche in einem RBB-Interview. Doch dafür fehlen noch zwei wichtige Spiele. Wenn er mit seiner Eingebung richtig liegt und der HSV steht als Tabellendritter der Zweiten Liga fest, könnte es schwer werden - sportlich und persönlich. Mit dem HSV verbindet Magath eine lange Geschichte. Für die Hamburger absolvierte er 382 Spiele, schoss im Finale des Europapokals der Landesmeister 1983 das entscheidende 1:0 gegen Juventus Turin. "Ob ich mir etwas wünsche, ist egal. Ich muss es so nehmen, wie es kommt", sagte Magath. "Wenn es der HSV wird, wird es für mich natürlich ein schwieriges Spiel."

Quelle: ntv.de

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