Fußball

Nur in die Kurve gehen sie nicht Hertha BSC findet im Boykott die Erlösung

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Keeper Marcel Lotka (Grünes Trikot) sprintete nach dem 2:0 über das gesamte Spielfeld. Den letzten Meter in die Kurve wollte er später nicht gehen.

(Foto: IMAGO/Contrast)

Bayern ist Meister, Greuther Fürth abgestiegen. Die Liga schafft kurz vor Saisonende Fakten. Zeit für eine der großen Geschichten dieser Saison: der Abstiegskampf von Hertha BSC. Denen gehört seit langer Zeit die Zukunft, doch mit der Gegenwart gestaltet es sich weiterhin problematisch.

Bald schon wird Hertha in einem neuen Stadion spielen, bald schon die europäischen Wettbewerbe erreichen und bald die Herzen der Hauptstadtbewohner gewinnen. Mindestens! An die Sympathien im Rest der Republik ist ohnehin nicht zu denken. Dort ist Hertha annähernd so populär wie der Lebensstil der Bewohner von Berlin-Mitte im sauerländischen Sundern. Es ist wie so oft in Berlin: Die Zukunft beginnt immer an einem anderen Tag. Erstmal durch das Hier und Jetzt kämpfen. Ist herausfordernd genug.

Ist ja doch immer was: Trainerwechsel, Machtkampf, plötzlich verschwundene Dokus, Lars Windhorst, eine Niederlagenserie und nie, obwohl sie wieder kommen dürfen, sind genug Zuschauer im Stadion. Das Chaos und die Skandale jedweder Art umarmen Hertha, fühlen sich hier im Westend der Hauptstadt wohl. So auch in dieser Spielzeit, die mit Pal Dardai auf der Bank begann, mit Tayfun Korkut vor die Hunde ging und jetzt von Felix Magath und seinem Assistenten Mark Fotheringham über die Linie gebracht werden soll.

Mit zwei Siegen und zwei Niederlagen und 6:6 Toren aus den ersten vier Spielen gelang dem Duo ein zumindest in den Niederungen der Tabelle beachtenswerter Start. Zumal in den vorherigen neun Spielen der Rückrunde gerade einmal zwei Punkte gewonnen wurden, Hertha vor dem Spiel am Sonntag auf dem letzten Platz der Rückrundentabelle rumkrebste und noch lange überhaupt nichts gut ist.

Demütigung nach dem Derby

Nach dem 1:4 im Derby gegen Union Berlin Anfang April war die Situation gewissermaßen eskaliert. Die Ultras hatten sich mit den Spielern angelegt, sie gedemütigt, ihnen nicht nur ihr Hertha-Dasein abgesprochen, sondern auch ihr Profi-Dasein. Sie sollten vor der Kurve ihre Trikots niederlegen. Den Ultras war das alles nicht genug. Und die Spieler und die restlichen Fans fragten sich, was denn hier überhaupt passiert.

Das restliche Fußball-Land schüttelt entgeistert den Kopf und verhandelte wieder einmal entlang der Berliner die Fragen des Fußballs. Wie viel Macht dürfen die Ultras haben? Die Hardliner unter ihnen sehnten sich nach Geisterspielen. Wie das so ist in diesen Tagen, in denen die Empörtesten sich mit Maximalforderungen Gehör verschaffen.

So weit, so normal also. Die Reaktionen der Spieler und auch der restlichen Fans darauf jedoch waren alles andere als normal. Die Profis fühlten sich an ihrer Ehre gepackt. Für sie war die Demütigung ihr Antrieb. Sie wollten nun nicht nur beweisen, dass sie das Trikot wert sind, sondern den Zuschauern auch die Liebe entziehen. Nach dem 1:0 in Augsburg in der vergangenen Woche feierten sie nicht mit den Fans und sie hatten auch keinerlei Pläne, das im Abstiegsendspiel gegen den VfB Stuttgart zu ändern. Und so kam es dann auch.

Die "interne" Abmachung

Nach dem 2:0 gingen sie nicht zu den Fans, sondern direkt in die Kabine. Sie zeigten ihnen die kalte Schulter. Sie spielten nicht für die in der Kurve, sondern sie spielten um ihre Ehre. Denn an dieser hatten die Fans letztendlich gekratzt. Vorerst erfolgreich. Wie man nach dem zweiten Sieg im zweiten Spiel nach der Derby-Pleite nun festhalten kann. Die Spieler trafen dabei auch auf das Verständnis des überwältigenden Teils des Anhangs: "Wenn's hilft, können sie gerne alles boykottieren oder immer Herthinho [das Maskottchen, Anm. d. Red] in die Kurve schicken, nachdem man sie neulich noch bedroht hat. Das ist doch völlig okay", sagte ein Fan nach dem Spiel.

"Wir haben uns als Mannschaft entschieden, erst mal nicht in die Kurve zu den Fans zu gehen. Gegen Union war das nicht okay", sagte Keeper Marcel Lotka, der zum zweiten Mal in Folge zu null spielen konnte, und Davie Selke sprach von einer "internen" Abmachung, die bis auf Weiteres gelte. Ein Kabinenschwur also. "Wenn sich was ändert, wird man das mitbekommen", sagte der sichtlich erleichterte Torschütze zum frühen 1:0. Geändert hatte sich jedoch bereits etwas: An diesem Abend im Olympiastadion trieben die 54.589 Zuschauer ihre Mannschaft gerade in der zweiten Halbzeit mit lauten Gesängen immer wieder nach vorne.

Jedes Ballwegschlagen wurde lauter bejubelt als der Gewinn der Deutschen Meisterschaft von den Münchener Fans am Tag zuvor in der Allianz-Arena. Immer wieder schallte es "Hahohe" durch das Stadion. Ausgehend nicht nur von der Kurve, sondern von allen Blöcken des Stadions. Es war gewissermaßen ein Übergang von einem von Ultras dominierten Support hin zu einem englischen Support mit Raunen, kollektiver Erleichterung und spielbezogener Lautstärke. Die oftmals verhöhnten Zuschauer im Olympiastadion ließen eine magische Atmosphäre entstehen, die immer wieder daran erinnerte, wie einsam und trostlos die langen Pandemiejahre auch im Fußball gewesen waren.

"Wer soll euphorisch werden bei der Hertha?"

Spanisch hingegen ging es auf dem Platz zu. Jede Möglichkeit für eine längere Pause nutzten die Berliner aus. Sie lagen auf dem Platz, krümmten sich vor Schmerzen und ließen die Minuten verstreichen. Nach dem 1:0 in der Anfangsphase hatten sie die Kontrolle über den Ball an die Gäste aus Stuttgart verloren, waren jedoch immer Herr der Lage geblieben. Auch weil der schottische Co-Trainer Fotheringham am Spielfeldrand coachte, das Team antrieb und einmal einen ins Aus laufenden Ball mit der Sohle verlängerte und sich dafür von Schiedsrichter Felix Brych die Gelbe Karte abholte.

Einzig VfB-Verteidiger Konstantinos Mavropanos gelang es, Gefahr für das Hertha-Tor heraufzubeschwören. Immer wieder tankte er sich über das Spielfeld, marschierte dabei an der gesamten Mannschaft der Berliner vorbei, doch auch bei dem imposantesten seiner Läufe konnte der Grieche die Kugel nicht im Tor unterbringen, in der 52. Minute scheiterte er an der Querlatte. Trainer Felix Magath meinte später auch diesen Moment, als er auf der Pressekonferenz nach dem Spiel grummelte. "Wir hatten Situationen, wo wir nicht Herr der Situation waren. Wir machen noch zu viele Fehler", sagte er. "Ich habe das Spiel gesehen. Wer soll danach euphorisch werden bei der Hertha?"

Die Fans zum Beispiel. Beim 2:0 durch Ishak Belfodil in der Nachspielzeit kannte die Ekstase keine Grenzen mehr. Tränen der Erleichterung flossen. Es war der Moment der Katharsis, der bis weit in die Nacht in den Berliner Eckkneipen zelebriert wurde. Mit nun vier Punkten Vorsprung auf Stuttgart und sechs auf Arminia Bielefeld ist der Klassenerhalt in der Bundesliga am Sonntag nicht unrealistischer geworden.

In der nächsten Woche soll der nächste Schritt folgen. Bei Arminia Bielefeld und dann am 33. Spieltag gegen Mainz könnte die große Versöhnung zwischen Fans und Stadion erfolgen. "Ich hoffe, dass wir in den nächsten Tagen dazukommen, dass sich beide Gruppen wieder annähern, dass wir uns gemeinsam gegen den Abstieg stemmen", sagte Magath. Dabei war das längst passiert. Irgendwann beginnt auch in Berlin die Zukunft, doch die Hertha-Gegenwart bleibt aufregend genug.

Quelle: ntv.de

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