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Der Favorit unter den Favoriten Frankreich hat die bessere DFB-Elf

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Zwei Schlüsselfiguren in der französischen Mannschaft: Paul Pogba (vorne) und dahinter Antoine Griezmann.

(Foto: dpa)

Gastgeber Frankreich gilt noch vor Spanien und Deutschland als Topfavorit bei dieser Europameisterschaft. Die Équipe Tricolore ist der deutschen Mannschaft nicht unähnlich, hat aber einen entscheidenden Vorteil: Sie ist eingespielt.

Die DFB-Elf bezeichnet sich heute selbst gerne als "Die Mannschaft". Entstanden ist der Slogan vor zwei Jahren, als der Dokumentarfilm nach der Weltmeisterschaft eben diesen Titel trug. Damals griffen die Verantwortlichen unbeabsichtigt den Tweet eines Steven-Gerrard-Fans auf, glaubten aber es war die echte Liverpool-Legende, die Deutschlands Teamstärke nach dem grandiosen 7:1-Halbfinalerfolg über Brasilien lobte. Fake-Tweet hin oder her, die deutsche Mannschaft arbeitete vor zwei Jahren als Kollektiv sehr gut zusammen.

Beim EM-Turnier könnte dies allerdings der große Trumpf der Franzosen werden. Rein von der Kaderqualität her befinden sich Deutschland und Frankreich auf Augenhöhe. Die Équipe Tricolore weist ähnliche Stärken und Schwächen wie die deutsche Mannschaft auf. Aber Didier Deschamps' Team funktioniert im Moment als Einheit besser – zumindest auf dem Rasen. Um 21 Uhr eröffnet die Heimmannschaft das Turnier gegen Rumänien (n-tv.de Liveticker).

Die Nicht-Nominierung Karim Benzemas bedroht den angesprochenen Zusammenhalt in der Nation und im schlimmsten Fall im Team. Benzemas Unterstützer sehen den 28-Jährigen mit nordafrikanischen Wurzeln als Opfer einer rassistischen Kampagne. Für seine Gegner ist er ein Krimineller, der sich an der Erpressung seines Mitspielers Mathieu Valbuena beteiligt hat. Trainer und Spieler bleiben von den Auseinandersetzungen nicht unberührt, müssen aber diese Causa beiseiteschieben. Andernfalls ist der Vorteil der mannschaftlichen Geschlossenheit schnell dahin.

Offensive als Trumpf

In der Offensive ist man mit Atlético-Stürmer Antoine Griezmann, West Ham Uniteds Tempodribbler Dimitri Payet sowie den beiden Jungstars Anthony Martial und Kingsley Coman sehr gut ausgestattet. In der Sturmspitze wird Olivier Giroud auflaufen. Er ist im Vergleich zu Benzema weniger spielstark, bewegt sich aber trotzdem gut abseits des Balls und bietet seinen Mitspielern Anspieloptionen im offensiven Zentrum.

Hinter dieser Gruppe an athletischen Technikern agieren mit Paul Pogba und Blaise Matuidi zwei dynamische Mittelfeldakteure. Pogba ist der wichtigste Strippenzieher im Team. Der 23-Jährige kann aus der Tiefe das Spiel eröffnen, aber ebenso mit seiner Physis in den gegnerischen Strafraum eindringen und für Gefahr sorgen. Matuidi ist ein hart arbeitender Allrounder, der ein wenig an Sami Khedira erinnert, welcher in der DFB-Elf die weiten Wege im Mittelfeld geht.

Ähnlich wie die Deutschen haben auch die Franzosen gewisse Probleme in der Abwehrreihe. Mit Raphaël Varane verletzte sich der beste Innenverteidiger erst kurz vor der EM. Auf den Außenpositionen wird - oder muss - Deschamps auf zwei ältere Akteure setzen - Patrice Evra links und Bacary Sagna rechts. Beide mussten in den letzten Jahren ihren Stil ein wenig einschränken, können aber immer noch die Flügel beackern und an beiden Enden des Spielfelds helfen.

Die französische Flügelverteidigung sah in vielen Testpartien nicht immer sicher aus, was aber auch am mangelnden Einsatz der offensiven Außenspieler lag. Spätestens zum Eröffnungsspiel gegen Rumänien im Stade de France sollte es nicht mehr an der Laufbereitschaft fehlen.

Festes System

Der große Unterschied zwischen dem französischen und dem deutschen Nationalteam besteht darin, dass die Équipe besser eingespielt ist und die Mannschaftsteile bereits besser aufeinander abgestimmt sind. Deschamps experimentiert nicht mit Grundformationen. Er bleibt beim 4-3-3. Und die Rollenverteilung ist auch klar.

Lediglich die Position des Sechsers ist noch umstritten. Morgan Schneiderlin wurde aufgrund einer durchwachsenen Saison mit Manchester United nicht nominiert. Yohan Cabaye könnte wie vor zwei Jahren das Vertrauen des Nationaltrainers geschenkt bekommen. Allerdings neigt der Profi von Crystal Palace dazu, in gewissen Spielphasen unterzutauchen und zu wenig Einfluss auf den Spielaufbau zu nehmen. Mit Lassana Diarra und N'Golo Kanté hat Deschamps jedoch zwei weitere Alternativen im Kader. Insbesondere Kanté befindet sich nach dem Meisterschaftsgewinn mit Leicester City immer noch in Topform.

Die Unklarheiten in der DFB-Auswahl sind vor dem ersten Spiel bei weitem größer. Joachim Löw hat lediglich eine Handvoll Stammspieler und noch kein klares System. Er könnte durchgängig auf das von den Franzosen präferierte 4-3-3 oder ein 4-2-3-1 setzen, aber ebenso ist es möglich, dass der Bundestrainer von Partie zu Partie größere Änderungen vornimmt, wie er es bei der EM vor vier Jahren tat.

Auch Spanien, ein anderer Mitfavorit, tüftelt noch an der passenden Abstimmung. Im Angriff hat Nationaltrainer Vicente del Bosque viele Optionen, aber noch keine klare Achse. Da sowohl Chelsea-Stürmer Diego Costa als auch Valencias Torjäger Paco Alcácer nicht berücksichtigt wurden, entstand ein Vakuum, was womöglich Álvaro Morata füllen muss. Diese Ungewissheit hilft der spanischen Mannschaft in jedem Fall nicht.

Deschamps hingegen hat das Gerüst für seine Startelf bereits gefunden. Er muss somit nur noch an kleinen Schwachpunkten arbeiten, wie etwa der Außenverteidigung oder der ersten Phase im Spielaufbau. Es sind lediglich äußere Faktoren, die das Mannschaftsgefüge beim Gastgeber ernsthaft ins Wanken bringen können.

Quelle: n-tv.de

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