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Bundesliga-Check: FC Augsburg Führungsloser Zwergriese nimmt Fahrt auf

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Er fährt vorneweg - er soll vorneweg spielen: Michael Gregoritsch hat den Plan in der Zentrale.

(Foto: imago/kolbert-press)

Knapp am Abstieg vorbei - diesen defensiven Plan verfolgt Augsburgs Trainer Manuel Baum. Den Titel des Ligazwergs will der Klub trotzdem nicht haben, doch die Realität lässt sich nicht ausdribbeln. Da helfen auch flinke Fußballer-Füße nichts.

Souverän war das nicht - den Ligaverbleib hat der FC Augsburg erst am 33. Spieltag gesichert. Allerdings war es nach der vierjährigen Ära mit Trainer Markus Weinzierl auch ein Übergangsjahr. Hoffnungsträger-Nachfolger Dirk Schuster - geadelt als Trainer des Jahres 2016 - konnte den hohen Erwartungen nicht gerecht werden. Der FCA punktete mit ihm zwar, aber er punktete nicht hübsch. Und so war er schon im Dezember nach dem 14. Spieltag nicht mehr erwünscht - trotz Tabellenplatz zwölf. Für ihn wurde Nachwuchscoach Manuel Baum befördert- der bleiben durfte und am Saisonende sagte: "Wir sind nach wie vor stolz auf die gemeinschaftliche Leistung. Wir haben den Klassenerhalt aus eigener Kraft geschafft." Und das meinte er völlig ohne Ironie. Denn immerhin blieben die Augsburger vom 31. bis 34. Spieltag ungeschlagen - als es drauf ankam. Baum sagte der "Sport Bild": "Wir fühlen uns nicht als der letzte Kleine der Liga. Wir sind ein vollwertiges Bundesliga-Mitglied."

Was gibt's Neues?

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Einen neuen Kapitän - auch wenn es den noch gar nicht gibt, zumindest nicht offiziell. Der bisherige Amtsinhaber Paul Verhaegh ist aber fort - und hinterlässt eine riesige Lücke rechts in der Abwehrkette und in der Mannschaftshierarchie. Mehr dazu unter "Was fehlt?".

Die Augsburger Neuankömmlinge können sich dagegen sehen lassen. Zumindest in diesem Punkt hat Baum Recht, wenn er kein "Kleiner" sein will. Denn der Klub hat Khedira verpflichtet. Nun gut, nicht Weltmeister Sami, sondern dessen jüngeren Bruder Rani von RB Leipzig. Der fühlte sich beim Vizemeister sportlich nicht genug wert geschätzt. "Ich verzichte gerne auf Geld, um zu spielen", erklärte der 23-Jährige der "Sport Bild" seine Entscheidung. Das spielte Manager Stefan Reuter sicherlich in die Karten. Überhaupt nimmt Augsburg Fahrt auf. Mit Marcel Heller wechselt der zweitschnellste Spieler der Vorsaison vom Absteiger Darmstadt nach Bayern. Der Königstransfer dieser Saison aber ist Michael Gregoritsch, der vom HSV kommt. Den hatten auch der "Effzeh" aus Köln und der SC Freiburg auf dem Zettel. Aber auf den Konkurrenzkampf dort verzichtete der 23-Jährige und zog lieber die Option auf einen zentralen Stammplatz beim "FC Attraktiv", wie Reuter seinen Verein beschreibt: "Sechs Jahre Bundesliga und das Jahr in der Europa League haben dem Bekanntheitsgrad des FCA sehr gutgetan." Dass er ganz nebenbei wunderschöne Tore schießen kann, bewies Gregoritsch mit seinem Doppelpack im Testspiel gegen den FC Southampton. Ganz hinten tobt ab sofort ein Konkurrenzkampf - sofern er nicht durch einen Wechsel des Schweizers Marwin Hitz zum Erliegen kommt. Hitz war bislang die unangefochtene Nummer Eins, jetzt aber ist Fabian Giefer vom FC Schalke 04 gewechselt - und wird sich nicht mit einem Bankplatz zufrieden geben. Im Testspiel gegen den FC Middlesbrough stand sogar der mögliche lachende Dritte, Andreas Luthe, zwischen den Pfosten.

Auf wen kommt es an?

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Schaffen Sie das mit dem Ligaverbleib, Herr Baum?

(Foto: imago/kolbert-press)

Vor allem die anderen Bundesligateams sind gefordert. Augsburg wird sich insgeheim Patzer vom HSV oder auch Hannover, Mainz und Wolfsburg wünschen. Wer zu oft Punkte lässt, steht in der Tabelle nicht besser da als der FC Augsburg, lautet hier die Rechnung. Und Schwupps, da isses doch wieder, das Image des "letzten Kleinen". Ein exzentrischer Star kann beim FC Augsburg jedenfalls nicht für Unruhe sorgen - den gibt es einfach nicht. Der Star ist das Team. Nach zwei wichtigen Abgängen umso mehr - aber das steht ja unter "Was fehlt". Doch Baum muss es schaffen, aus dem übergroßen Kader - 36 Mann zum Trainingsauftakt - eine Einheit zu bilden. Und so fühlt sich der Trainer wie ein Lehrer: "Wenn in eine 7. Klasse Neue kommen, müssen sie zunächst auf den gleichen Wissensstand gebracht werden." Fünf Spieler ohne Perspektive müssen die 6. Klasse offenbar wiederholen - sie sind in die zweite Mannschaft abgeschoben worden.

Was fehlt?

Hier passt besser "Wer fehlt", denn die Antwort lautet: Kapitän Verhaegh. Der nun fixe Wechsel zum VfL bedeutet für ihn: Der routinierte Niederländer spielt ab sofort unter einem niederländischen Coach Andries Jonker - und kann bestimmt den ein oder anderen Euro mehr für das nicht mehr allzu ferne Karriereende beiseite legen als in Augsburg. Für Augsburg bedeutet der Wechsel: Der Mann, der bei ihnen zum Nationalspieler reifte, der mit ihnen aufstieg, die Klasse hielt und das Abenteuer Europa erlebte, der den Klub prägte, verlässt nach sieben Jahren den Klub. Und: Es fehlt auf einmal ein Rechtsverteidiger sowie ein überragender Elfmeterschütze. Verhaegh hat für Augsburg 19 Elfmeter geschossen - und davon 17 verwandelt. Zudem muss sich sportlich sowie menschlich jemand finden, der das Erbe des Wortführers antritt. Und davon muss gleich noch ein zweiter ersetzt werden, denn auch Halil Altintop ist weg. Der 34-Jährige spielt fortan lieber in der Champions League - für Slavia Prag. Mit Dominik Kohr - den es zurück nach Leverkusen gezogen hat - und dem Routinier Markus Feulner, der nun in der zweiten Mannschaft kickt, verlassen zudem weitere Führungsspieler die Mannschaft. Das eingespielte Team, auf das Augsburg in den vergangenen Jahren setzen konnte - es fehlt jetzt.

Wie lautet das Saisonziel?

Drinbleiben. Punkt. Oder lassen wir Trainer Baum sprechen, der dem "Kicker" sagte: "Wir werden auch in der Saison 2018/19 wieder Bundesliga spielen. Es ist das absolute Ziel, das so schnell wie möglich zu erreichen. Aber wenn es im letzten Spiel in der letzten Sekunde gelingt, nehmen wir das auch mit."

Die n-tv.de-Prognose

Werfen wir einen Blick auf die WWK-Arena. Deren Fassade lässt vermuten, dass die Bauarbeiten fast abgeschlossen sind. Der "Augsburger Allgemeinen" zufolge muss innen aber noch einige Wochen gewerkelt werden: LED-Beleuchtung, Elektrik ... Früh sah auch der Kader von Augsburg fertig aus: Khedira, Heller, Gregoritsch, Stürmer Sergio Cordova vom Caracas FC - der Klub hat sich guten Zuwachs gesichert. Doch dann kam der Wechselwunsch von Verhaegh. Gemeinsam mit dem schon verschwundenen Altintop hinterlässt er eine riesengroße Lücke - eine zu große. Zudem sind zwei weitere "Kleine" mit dem FC Ingolstadt und Darmstadt 98 in die 2. Liga abgestiegen - und lassen Augsburg so im Liga-Vergleich noch zwergiger wirken. Zumal mit dem VfB Stuttgart und Hannover 96 zwei finanzstärkere Klubs ins Oberhaus zurückkehren. Dagegen können sich die Augsburger einfach keine Sperenzchen erlauben. Und so hat Trainer Baum recht: Wenn der Klassenerhalt in letzter Sekunde gelingt, sollte man damit zufrieden sein.

 

Quelle: n-tv.de

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